Er hat den Giro gewonnen. Jegliches Ergebnis bei der Tour ist doch nur Bonus.
Der Giro ist immer noch die Nr. 2 aller Etappenrennen. Hier wird so getan als hätte er den Giro als Vorbereitungsrennen gewählt und es wäre eine schlechte Wahl...
Wer hat denn bitte behauptet, Vingegaard habe den Giro lediglich als Vorbereitungsrennen für die Tour bestritten? Ich jedenfalls ganz sicher nicht.
Ich habe ausdrücklich das Gegenteil geschrieben: Natürlich ist er den Giro mit dem Ziel gefahren, ihn zu gewinnen. Mir ist auch bewusst, dass ein Giro-Start seit längerer Zeit ein großer Wunsch von ihm war. Das ist nun wirklich kein Geheimwissen, wenn man den Radsport einigermaßen aufmerksam verfolgt. Trotzdem noch einmal vielen Dank an
@theGegen für diesen Hinweis.
Mein eigentlicher Punkt war ein völlig anderer: Wenn Vingegaard in diesem Jahr unbedingt eine Grand Tour gewinnen wollte, war der Giro für ihn mit Abstand die günstigste Gelegenheit. Bei der Tour de France musste er damit rechnen, erneut auf Pogacar zu treffen. Unter normalen Umständen war (ist) es sehr wahrscheinlich, dass er dort nicht gegen Pogacar gewinnen würde (wird).
Bei der Vuelta ist die Lage ebenfalls schwerer einzuschätzen, weil traditionell zahlreiche Fahrer, die zuvor die Tour bestritten haben, sich anschließend noch relativ kurzfristig entscheiden, die Vuelta dranzuhängen. Dort hätte er also ebenfalls mit einer deutlich stärkeren und weniger vorhersehbaren Konkurrenz rechnen müssen.
Beim Giro dagegen war früh absehbar, dass viele der stärksten Rundfahrer nicht starten würden. Fahrer wie Evenepoel, Seixas, Lipowitz, Ayuso und weitere große Namen richteten ihre Saisonplanung primär auf die Tour beziehungsweise später möglicherweise noch auf die Vuelta aus. Damit war die diesjährige Konkurrenz beim Giro für Vingegaard objektiv günstiger als bei den beiden anderen Grand Tours.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass er den Giro als Trainingsfahrt oder bloßes Vorbereitungsrennen behandelt hätte. Es bedeutet lediglich, dass der Giro für ihn sportlich die wahrscheinlichste Möglichkeit bot, in diesem Jahr einen Grand-Tour-Sieg zu erringen. Genau deshalb war es logisch, dort nicht nur zu starten, sondern sich gezielt und ernsthaft auf den Gesamtsieg vorzubereiten.
Und genau daraus ergibt sich wiederum mein ursprüngliches Argument: Wer den Giro auf Sieg fährt, hat diese Belastung anschließend in den Beinen. Während sich andere Tour-Favoriten vollständig und ausschließlich auf die Tour vorbereiten konnten, musste Vingegaard zunächst beim Giro seine Bestform erreichen. Das ist ein Nachteil für die Tour – und keineswegs die Behauptung, der Giro sei für ihn lediglich ein Vorbereitungsrennen gewesen.
Nur am Rande: Von der Stärke des Teilnehmerfeldes her geurteilt, ist die Vuelta in den letzten Jahren tendenziell eher die Nummer 2 hinter der Tour der France gewesen. Und der Giro "nur" auf Platz 3.