Nordische Kombination bei den Olympischen Winterspielen 2026 🇮🇹


johnny

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Vorfreude, Verzweiflung und Verunsicherung - mit diesen drei widersprüchlichen Gefühlen erwartet die “Nordic Combined Community” die kommenden Olympischen Winterspiele in Mailand/Cortina d’Ampezzo. Denn – im Gegensatz zu allen anderen Sportarten – ist dieses Grossevent zu einem tatsächlichen Schicksalereignis geworden. Die Nordische Kombination ist 2026 die einzige olympische Wintersportart, in der ausschliesslich Männer antreten dürfen. Bereits 2022 wurde den Frauen der Zugang zu den Spielen verwehrt. Zu wenig Nationen, zu kleine Leistungsdichte, zu geringe Zuschauerzahlen, zu bescheidene Medienausstrahlung, hiess es im IOC-Communique. Noch schlimmer, denn man hat damals auch die Männer-Wettkämpfe genau unter die Lupe genommen und angedeutet, für 2026 würde die Nordische Kombination bei den Spielen noch geduldet, weil man den sich bereits im mehrjährigen Vorbereitungszyklus befindenden Athleten die Zielwettbewerbe nicht wegnehmen möchte.

Da aber für 2030 die absolute Geschlechtsgleichheit angestrebt wird, heisst es nur eins: Entweder wird die Nordische Kombination in den Französischen Alpen für beide Geschlechter ausgetragen, oder wird sie aus dem Programm komplett gestrichen. Aus den olympischen Spielen für eine hochkomplexe, trainings- und infrastrukturaufwändige Randsportart zu verschwinden, ist eigentlich mit einem praktischen Tod der Sportart gleichzusetzen. Denn in den meisten Ländern wird eine (staatliche) Finanzierung eng mit dem olympischen Status einer Sportdisziplin verknüpft.

Unter oben aufgeführten Umständen ist die Vorfreude auf die Spiele bei den Athleten und Fans wahrscheinlich etwas gedämpft, weil es eben dieser Damoklesschwert über die Disziplin schwebt. Gleichzeitig fühlt man Mitleid mit den am Rande gelassenen Athletinnen, die zum Zuschauen verbannt wurden, oder aber sich gezwungen gefühlt haben, die Sportdisziplin ganz zu wechseln, um im Spezialspringen antreten zu dürfen. Das hat bereits vor 3 Jahren die Italienerin Annika Sieff gemacht, welche sich nun auf die Teilnahme an den “heimischen” Winterspielen freuen darf. Ganz im Gegensatz zu der langjährigen Dominatorin Gyda Westvold-Hansen, die in diesem Winter voll auf die Skisprung-Karte gesetzt hat, den harten internen Konkurrenzkampf im norwegischen Team nicht für sich entscheiden konnte und somit die Spiele auch verpassen wird. Umso mehr Respekt muss man in diesem Fall für 3 mutige Athletinnen haben, die – ohne ihre NoKo-Karriere zu beenden oder zu unterbrechen – sich für die Spiele als Spezialspringerinnen qualifizieren konnten. Die beiden Finninen Minja Korhonen und Heta Hirvonen, sowie die Österreicherin Lisa Hirner, nehmen in diesem Winter parallel an Wettkämpfen in Skispringen und der Nordischen Kombination teil und waren in der Lage, sich in ihren jeweiligen Teams für die Spiele zu empfehlen. Sie wurden somit zu aktiven Botschafterinnen der Frauen-NoKo, auch wenn sie nur in einer Teildisziplin sich präsentieren können.

In der Nordischen Kombination bei den Spielen in Italien sind dann aber Männer gefragt. Und sie müssen liefern. IOC wird die Wettkämpfe genau beobachten und evaluieren. Somit haben die NoKo-Männer den Schicksal ihrer Sportdisziplin wortwörtlich in der Hand (und in den Beinen).

Programm

Datum / UhrzeitWettkampfformatOlympia-Medaillengewinner 2022
Mittwoch, 11.02.2026
Sprung: 10:00 Uhr
Lauf: 14:00 Uhr
Einzelwettkampf:
Individual Gundersen HS107 / 10 km
1. Vinzenz Geiger GER
2. Jørgen Graabak NOR
3. Lukas Greiderer AUT
Dienstag, 17.02.2026
Sprung: 10:00 Uhr
Lauf: 13:45 Uhr
Einzelwettkampf:
Individual Gundersen HS141 / 10 km
1. Jørgen Graabak NOR
2. Jens Lurås Oftebro NOR
3. Akito Watabe JPN
Donnerstag, 19.02.2026
Sprung: 10:00 Uhr
Lauf: 13:45 Uhr
Teamwettkampf:
Team Sprint HS141 / 2 x 7,5 km
nicht im Programm (2022 wurde zum letzten Mal in der Olympia-Geschichte der "vollstänige" 4er-Mannschaftswettkampf ausgetragen: 1. NOR, 2. GER, 3. JPN)

Wettkampfstätten

Die Kombinierer teilen sich die Wettkampfstätten mit Spezialspringern und Speziallangläufern.
Gesprungen wird auf dem modernisierten Schanzenkomplex in Predazzo, gelaufen auf den Laufstrecken in Lago di Tesero.

Normalschanze:
K-Punkt: 98 m
HS (Hill Size): 107 m
Schanzenzertifikat: https://www.fis-ski.com/DB/v2/download/homologation/34855/certificate

Grossschanze:
K-Punkt: 128 m
HS (Hill Size): 141 m
Schanzenzertifikat: https://www.fis-ski.com/DB/v2/download/homologation/34853/certificate

Laufstrecken:
Streckenprofil 2,5km (Einzelwettkämpfe): https://www.fis-ski.com/DB/v2/download/homologation/38276/certificate
Streckenprofil 1,5km (Teamsprint): https://www.fis-ski.com/DB/v2/download/homologation/38284/certificate

Teilnehmer und Favoriten

IOC hat für 2026 die Startplätze für die nordischen Kombinierer drastisch reduziert. Von noch 54 Athleten in Peking 2022, dürfen 2026 nur noch 36 antreten. Im Sinne der möglichst gleichmässigen Verteilung gibt es maximal 3 Startplätze pro Nation:

Anzahl PlätzeNationen
3GER, NOR, AUT, JPN, FRA, FIN, ITA
2CZE, USA, SLO, EST, UKR, CHN, POL
1KAZ

Seit Jahren gehören hauptsächlich nur die Verteter der "drei grossen Nationen" (Deutschland, Norwegen, Österreich) zum festen Favoritenkreis bei Grossereignissen und im "täglichen" Weltcup. Auch wenn mit Jarl Magnus Riiber ein ganz grosser Dominator ab dieser Saison aus der Bühne zurückgetreten ist, und auch sein starke Teamkollege Jørgen Graabak (4facher Olympiasieger) ebenso seine Karriere beendet hat, gibt es kaum mehr Platz für neue oder unerwartete Athleten in der Spitze.

In dieser Situation muss man auch fast ausschliesslich nur die Athleten aus den 3 oben genannten Ländern zu Favoriten zählen:

Johannes Lamparter AUT: Der aktuelle Leader im Gesamtweltcup ist ein ausgeglichener Athlet, der sehr gut und konstant springt, sowie über eine hervorragende Ausdauer verfügt. Sein einziges Manko ist die Sprintfähigkeit, daher kann ihm ein Finish aus einer Gruppe nicht so gut entgegenkommen. Trotzdem ist er sowohl auf der Normal- als auch auf der Grossschanze ein grosser Medaillenkandidat, auf der Grossschanze eigentlich der Goldfavorit Nr. 1.

Jens Lurås Oftebro NOR: Der designierte Riiber-Nachfolger hatte einen schwierigen Saisonstart, hat aber mittlerweile seine Sprungform stabilisieren können und spätestens mit seinen beiden spektakulären Siegen in Oberhof im Januar hat er sich in der Weltspitze endgültig wieder zurückgemeldet. Der momentan laufstärkste Athlet im ganzen Feld ist der Goldfavorit Nr. 1 auf der Normalschanze, kann aber durchaus auch auf der Grossschanze brillieren.

Vinzenz Geiger GER: Der Goldmedaillengewinner auf der Normalschanze in Peking hatte einen verletzungsbedingt schwierigen Saisonstart und trotz einem Sieg im Weltcup hat ihm oft die nötige Konstanz gefehlt. Trotzdem ist er als einer der Favoriten zu zählen, aufgrund seiner Erfahrung und der nominellen grossen Laufstärke.

Julian Schmid GER: Seit Jahren ein sehr solider Athlet und auf einem konstant hohen Niveau. Mit seinem Weltcuppodium in Oberhof im Januar hat er nochmals seine Ambitionen unterstrichen, ein Olympia-Einzelgold fehlt ihm noch.

Johannes Rydzek GER: Der sehr erfahrene Deutsche befindet sich in dieser Saison in einer sehr guten Form und möchte sicherlich die Enttäuschung von Peking 2022 vergessen, wo ihm im Normalschanzewettbewerb auf den letzten Metern die Medaille weggeschnappt wurde.

Einar Lurås Oftebro NOR: Der ältere Bruder von Jens, noch ohne so viele Erfolge und in der Vergangenheit mit vielen Verletzungsproblemen geplagt, hat anscheinend endlich zu seiner Bestform gekommen und in dieser Saison seinen allerersten Weltcupsieg gefeiert. Sehr laufstark, wenn die Sprungform stabil bleibt, ist er durchaus fähig, eine Medaille zu gewinnen.

Thomas Rettenegger AUT: Der aktuell sprungstärkste Kombinierer wird sicherlich seine Chance im Grosschanzenwettbewerb suchen, aber er braucht einen ordentlichen Vorsprung vor dem Lauf. Trotzdem ist er unter günstigen Umständen fähig, um eine Medaille zu gewinnen.

Stefan Rettenegger AUT: Der jüngere Bruder von Thomas kämpft noch ein bisschen mit Formschwankungen, platziert sich aber mittlerweile konstant in den Top-Rängen im Weltcup.

Ilkka Herola FIN: Die grösste Hoffnung für eine Medaille "ausserhalb von den Big3-Nationen". Der Finne hat Ende letzer Saison mit dem Schanzenrekord am Holmenkollen und dem ersten Weltcupsieg seinen endgültigen Durchbruch erlebt, aber in dieser Saison - trotz Podestplätze - fehlt im die nötige Konstanz und auch der Formtrend scheint nicht (mehr?) der richtige zu sein. Bleibt abzuwarten.

Kristjan Ilves EST: Der seit Jahren mit der norwegischen Mannschaft trainierende Este hatte im letzten Jahr grosse Probleme auf der Schanze, die er aber seit Januar langsam in den Griff zu bekommen scheint. Eine Medaille ist möglich, er braucht dafür aber einen absolut perfekten Sprung und noch ein bisschen Glück dazu.

Entsprechend der Favoritenrollen für den Einzelwettkampf ist im Team-Sprint mit der üblichen Medaillenverteilung zwischen Deutschland, Norwegen und Österreich zu rechnen. Obwohl der Wettbewerb selbst auf der Grossschanze ausgetragen wird, ist er aufgrund seines langlauflastigen Charakters (wegen Punkte-Umrechnungen nach dem Springen) eher etwas für laufstärkere Teams und hier haben Norwegen und Deutschland einen kleinen Vorteil gegenüber Österreich. Eine Medaille für ein anderes Land in diesem Wettkampf wäre unter normalen Umständen gleich einer Sensation.
 
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