• Aufgrund der aktuellen Zustände im Non-Sports haben wir den Bereich vorübergehend geschlossen, während wir uns über die zukünftige Ausrichtung des Bereichs beraten. Die Administration

Wie haltet ihr euren Glauben am Leben?


Jerry

Bankspieler
Beiträge
18.962
Punkte
113
Ich weiß, dass wir hier einige Gläubige verschiedener Religionen bei uns haben und das Thema wollte ich eigentlich schon mal vor einiger ganzen Weile starten, aber jetzt ist es mir durchs Aufkommen des anderen Threads wieder ins Gedächtnis gerückt.

Die Frage steht eigentlich schon im Titel, die ich an euch habe, nämlich:

"Wie haltet ihr euren Glauben am Leben" bzw. "Wieso glaubt ihr (noch)"

Gerne können natürlich Ungläubige etc. ihre Sichtweise preisgeben, aber es wäre schön, wenn das alles halbwegs auf ordentlichem Diskussionsniveau passiert. Für mich, der sich als aufgeklärter Mensch versteht, ist es schwierig so richtig nachzuvollziehen, weshalb man in der heutigen Zeit an den großen Weltreligionen festhalten kann, obgleich man weiß, dass z.B. über Abschnitte in den Heiligen Büchern oder wichtige Glaubensgrundsätze von Menschenhand abgestimmt wurde (Konzil von Nicäa). Zudem natürlich die teilweise blutige Geschichte der Weltreligionen und den Lebensstil, der von hohen Kirchenfürsten geführt wurde. Ich versuche mal noch einige Gedankengänge, die ich habe, Stichpunktartig wiederzugeben, um über diese womöglich diskutieren zu können.


Geburtsort und Familie: Für mich ein viel zu vernachlässigter Punkt, wenn es um den persönlichen Glauben geht. Der allergrößte Anteil an Menschen ist allein aufgrund der Herkunft und Familie religiös und deshalb ist man das dann auch. Es findet kein Gedankenprozess von alleine statt, sondern man wird reingeboren. Wenn meine Mutter nicht im katholischen Polen geboren wäre, sondern in Mekka, dann wäre sie jetzt nicht die ultrareligiöse Christin, sondern die ultrareligiöse Muslima.

Erhabenheit der aktuellen Weltreligionen gegenüber kleineren Religionen:Was unterscheidet Sekten von Religion tatsächlich? Vor allem die Größe. Würde heute jemand theoretisch (ohne dass es das Christentum geben würde) an einen Jesus glauben, der über Wasser läuft etc. und damit umherstolzieren, dann würde man ihn nicht als religiösen Menschen wahrnehmen, sondern als Sektenführer. Nur durch die Größe sind Glaubensgemeinschaften dann anerkannt. Wenn man dann noch sieht, dass bei Entscheidungsgremien "über Sekten", auch kirchliche Mitarbeiter beteiligt sind, finde ich es völlig absurd. Und zu guter letzt, darf natürlich mein Lieblingszitat nicht fehlen:"Die Religion eines Zeitalters ist die literarische Unterhaltung des nächsten"


Tod: Ich glaube, die Angst vor dem Tod oder dem Ungewissen spielt eine enorme Rolle für den doch noch immer verbreiteten Glauben, denn (fast) alle große Religionen bieten eine Antwort auf diese Frage, die im Kern gemeinsam hat, dass es auf irgendeine Weise weiter gehen wird. Und das ist natürlich ein Ansporn, um sich nicht aktiv gegen die eigene Religion stellen, denn was wäre bloß, wenn man für sich zur Einsicht kommt, dass man eigentlich nicht glaubt, aber am Ende doch ein Gott da ist und einem den Eintritt in den Himmel verwährt?

Humanismus>Religion: Die Aufklärung wurde nicht mit, sondern vor allem gegen die Kirche erreicht und vielerorts auf der Welt fungiert Religion als Aufrechterhaltung des (antiquierten) Status quo.

Gutmütiger Gott = Weshalb Glauben? Falls Gott tatsächlich jähzornig ist, dann würde ich mir die Frage stellen, ob ich wirklich mein Leben nach einem solch jähzornigen Gott ausrichten sollte.
Wenn er jedoch gutmütig ist, dann müsste ich mir doch eigentlich sicher sein, dass er mich in sein Gottesreich aufnehmen würde, wenn ich ein gutes Leben voller guter Taten führe und nicht wenn ich ihn ständig anbete und damit meine Pflicht der Huldigung tue.
Extrembeispiel nach christlichem Glauben: Person A kümmert sich um Bedürftige, ist immer nett zu allen und führt ein ruhiges Leben, glaubt aber nicht an Gott und geht nicht in die Kirche.
Person B ein Mafiaboss, der sich vor allem um Geschäfte kümmert, dem es Leid tut, dass er Menschen zu schaden kommt (aber er kann halt nicht anders) und der halt seine Sünden beichtet und regelmäßig zur Kirche geht. Nach katholischem Glauben würde nun Person A nicht, aber stattdessen Person B in den Himmel gekommen. Denn der hat zwar gesündigt, aber war dafür bei der Beichte und in der Kirche.



Bitte versucht daraus kein Christentum vs Islam Diskussion zu machen, es geht um persönlichen Glauben.
 
Wenn er jedoch gutmütig ist, dann müsste ich mir doch eigentlich sicher sein, dass er mich in sein Gottesreich aufnehmen würde, wenn ich ein gutes Leben voller guter Taten führe und nicht wenn ich ihn ständig anbete und damit meine Pflicht der Huldigung tue.

Das ist ein interessanter Gedanke, der schon öfter diskutiert wurde. Was genau sollte GOTT von der Beterei heben? Zum einen weiß er ohnehin, ob man ihn ablehnt/vergöttert und wie das wahre Wesen des jewligen Menschen ist. Zum anderen müsste er ja über solchen Eitelkeiten stehen und ihm müsste das eher zuwider sein. Warum GOTT da drauf Wert legen sollte, konnte mir noch niemand schlüssig erklären. Man kann daraus ein Psychogramm erstellen, wie es Dawkins tat, der ja GOTT als die "unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung" bezeichnete: "ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontroll-Freak"
 
Im Beten drückt sich eine gewisse Bereitschaft aus, Zeit zu opfern bzw. dass einem an Religion etwas liegt.

Ich bin nicht der religiöseste Mensch, aber die Kraft, die Religion meinen Eltern und vor allem meinen Großeltern gibt, beeindruckt mich bis heute. Die haben viele grausame Dinge erlebt, die man ihnen allerdings nicht ansieht. Ich habe nie ein Klagelied gehört. Im Vergleich zur aktuellen Generation, der es materiell an nichts fehlt, ist das umso beeindruckender. Zudem sehe ich in den Grundprinzipien der Weltreligionen nichts negatives. Würde jeder danach leben, gäbe es keine Kriege. Die Über- und Fehlinterpretationen führen erst zum Missbrauch und schließlich zum negativen Image von etwas im Grunde nur positivem.
 
Im Beten drückt sich eine gewisse Bereitschaft aus, Zeit zu opfern bzw. dass einem an Religion etwas liegt.

Ich bin nicht der religiöseste Mensch, aber die Kraft, die Religion meinen Eltern und vor allem meinen Großeltern gibt, beeindruckt mich bis heute. Die haben viele grausame Dinge erlebt, die man ihnen allerdings nicht ansieht. Ich habe nie ein Klagelied gehört.

Bei mir ist es da ähnlich. Bin nicht wirklich religiös aber meine Mutter ist sehr gläubig und ihr hat das über die schwerste Zeit ihres Lebens hinweggeholfen und viel Kraft gegeben. Als sie plötzlich mit drei kleinen Kindern alleine da stand, als mein Vater starb.
 
Im Prinzip ist Beten aber selbst blasphemisch. Lem hat das mal so formuliert: "Wer Mahnungen an den Herrgott richtet, behandelt Ihn wie einen gestörten Telefonanschluß, das Gebet gleicht dem Schlagen auf die Gabel und dem Klopfen gegen den Apparat. Das inbrünstige Gebet bedeutet, dass man innerlich die Stimme hebt, um gehört zu werden. Alles das aber stellt die nicht mehr verbesserbare, bereits als endgültig feststehende Allwissenheit und Allmacht des Guten in Frage."
 
Man findet immer irgendwelche Argumente, die den praktizierten Glauben an sich belustigen, weil er in sich nicht schlüssig ist. Wenn aber heutzutage Meditation als Weg zum inneren Gleichgewicht gepredigt wird, wie kann dann das kurze Beten, das einem neben der "Anrufung von Gott" zu eben beschriebener inneren Ausgeglichenheit verhelfen kann, schlecht sein?

Alles was Menschen hilft und keinem anderen schadet, ist gut. Warum muss man da zwanghaft gegen argumentieren? Die Zeit wäre mir zu schade.
 
Wenn es einen Gott gibt, der so viel Leid zulässt, so ist er ein Feind, der bekämpft werden muss. Aber ganz sicher keiner, zu dem ich auch noch bete. Einzig im Buddhismus sehe ich Potential für eine friedliche Weltreligion.

Religion erfüllt häufig den Zweck, Menschen Trost zu spenden. Das ist eine schöne Sache. Aber Korruption und Gewalt werfen die Frage auf, ob man nicht lieber zu verstorbenen Geliebten Menschen beten sollte, anstatt zu irgendeinem Gott. Der tröstende Effekt wäre derselbe, ohne dass die Option auf Kreuzzüge oder Dschihad besteht.
 
Ich selbst bin wohl so was wie ein Atheist. Wie Jerry schon bemerkte liegt das jedoch vorrangig an meiner eigenen Prägung. Meine Eltern wurden nie getauft und ich hab bis zu meinem 18.Lebensjahr nie eine Kirche von Innen gesehen. Deshalb kann ich auch wirklich gar nichts mit Religionen anfangen (egal welcher Art). Kirchen mag ich jedoch sehr, da ich mich für deren Architektur interessiere.

Trotzdem verfolge ich einen Glauben. Diesen kann ich jedoch keiner Religion zuordnen, da es keine Gottheit gibt.
Ich glaube an das Hier und Jetzt, an Aufmerksamkeit und den Augenblick. Ich beschäftige mich sehr wenig mit dem was kommen wird oder bin der Meinung, dass man ständig nach höherem Streben muss, um Glück zu finden. Ich habe mich damit abgefunden nur für einen sehr kurzen Zeitraum auf diesem Planeten zu sein. Das eigene Ich ist dabei so unbedeutend, dass ich versuche die Welt und das was darum und darin passiert nicht allzu Ernst zu nehmen. Und ich glaube jeder einzelne Mensch sollte versuchen sich mehr "unbedeutend " zu verhalten. Das würde jedem auf diesem Planeten weiterhelfen.
Das Leben ist ein Geschenk der Natur. Ein kurzes Leben ist ein kleines Geschenk und ein langes Leben ist ein großes Geschenk.
Live the Moment!
 
Wenn es einen Gott gibt, der so viel Leid zulässt, so ist er ein Feind, der bekämpft werden muss. Aber ganz sicher keiner, zu dem ich auch noch bete.
Ich finde, dass man das nicht so einfach sagen kann. Angenommen es gibt einen Gott und er lässt tatsächlich Leid zu, dann ist das doch nur nach menschlichen Maßstäben selbstsüchtig. Das liegt vor allem daran, dass wir mit unserem begrenzten Wissen und unseren begrenzten Fähigkeiten zur Sinneswahrnehmung die göttliche Natur überwiegend wahrscheinlich nie werden nachvollziehen können. Für eine Ameise mag es einfach nur ein aggressiver feindlicher Akt sein, wenn ein Ungetüm einen Stab in ihren Bau bohrt. Sie kann nicht erkennen, dass es sich um einen Wissenschaftler mit einem Messgerät handelt und der Mensch kann trotz aller seiner Möglichkeiten in keinen echten Dialog mit ihr treten. Für einen Hund mag der Tierarzt eine Horrorgestalt sein, die ihm fortlaufend "Leid" zufügt, aber halt nur weil er das Handeln von Menschen nur in absoluten Grundzügen deuten kann. Und da die Wege des Herrn unergründlich sind, wird ein Trockennasenaffe der Gattung Homo Sapiens Sapiens auch nie genau fassen können, was ein allmächtiges Wesen, das das Universum geschaffen hat, zu seinem Handeln antreibt. Er kann da, genau wie Ameise und Hund, immer nur die eigenen ungenauen Maßstäbe anlegen. Und wenn das irdische Leid tatsächlich nur eine Prüfung fürs ewige Leben ist, dann macht es sogar objektiv Sinn Menschen leiden zu lassen.
 
Und da die Wege des Herrn unergründlich sind, wird ein Trockennasenaffe der Gattung Homo Sapiens Sapiens auch nie genau fassen können, was ein allmächtiges Wesen, das das Universum geschaffen hat, zu seinem Handeln antreibt.
Ich seh jetzt GOTT überhaupt nicht handeln. Die Menschen tun was auch immer, von GOTT hat man dazu nie was gehört. Darüber kann man sich noch nicht mal beschweren. Da kann man genauso gut auch einen Stein anklagen. Es wäre ohnehin absurd, wenn GOTT tatsächlich wie früher mit Dornenbusch und Sintflut ständig in seine Schöpfung korrigierend eingreift. Wenn aber GOTT sowieso nicht in die Schöpfung eingreift und in der physisch wahrnehmbaren Welt nicht existent ist, dann kann man sich den Glauben natürlich auch sparen. Es sei denn man glaubt tatsächlich, das es eine Art immaterielle Seele gibt, die dann in der twilight zone weiterexistiert oder so. Aber das wäre ja nun wirklich albern.
 
GOTT groß schreiben, twilight, albern.

Das ist immer der Ton, der auf der Gegenseite angeschlagen wird. Ich verstehe dieses subtile lächerlich machen nicht (wobei es meist gar nicht so subtil ist). Wenn man rational denkt, finden sich immer Argumente gegen den Glauben an sich. Warum man die in der Weise vortragen muss, erschließt sich mir nicht, aber jedem das seine.
 
Letztlich hab ich doch nur milde Kritik/Zweifel geäußert. Wenn man sich das mal wirklich ganz rational überlegt, dann ist die Idee mit gott heutzutage so lächerlich und peinlich wie nur irgendwas. Leider hat die Kirche bzw. die schleichende Irrationalität dazu geführt, dass momentan doch eher nebulöser Agnostizismus Mode ist und man als weiser gilt, wenn man alle noch so vagen Möglichkeiten hinnimmt und für jeden Unsinn "irgendwie" Verständnis zeigt. (--> siehe auch Homöopathie) Radikaler Atheismus ist leider völlig out, obwohl es jeden Grund dafür gibt.

Wahrscheinlich hätte ich generell hier nicht schreiben sollen, es geht ja vielleicht gerade darum, wie man trotz rationaler Gründe dagegen seinen Glauben behält. Da kann ich wenig zu beitragen. Ich kann es irgendwie verstehen (na, eigentlich nicht so richtig), wenn jemandem das irgendwie Kraft gibt oder was auch immer und ich hab auch nix gegen Gläubige, aber letztlich bleibt es doch bei Tageslicht ein Ärgernis für jeden aufgeklärten Verstand.
 
Und ich glaube jeder einzelne Mensch sollte versuchen sich mehr "unbedeutend " zu verhalten. Das würde jedem auf diesem Planeten weiterhelfen.

Das finde ich tatsächlich einen guten Ansatz, so als "Lebensphilosophie". Viele Menschen nehmen sich selbst viel zu wichtig. Wenn man da ein bisschen reflektiert entdeckt man die Stärken und auch die Schwächen, die man hat (natürlich immer im Vergleich mit seinen Mitmenschen). Alleine schon diese Reflexion würde sehr vielen mMn gut tun. Noch besser wird es, wenn man die entsprechenden Schlüsse daraus zieht. z.B., dass man von anderen nicht Perfektion erwarten sollte, da man sie ja selbst auch nicht hat.

Ich versuche das alles zumindest, so gut ich kann. Aber natürlich gelingt mir das nicht vollumfassend.
 
@Wirr
Da muss man früh ansetzen und für sich herausfinden, was einem im Leben wichtig ist und welche Erwartungen daran anknüpfen.

Ich für meinen Teil weiß, dass ich sehr wenig weiß und wenig Zeit habe, das zu korrigieren. Ich habe mehrere Jahre (mehr als ein Studium) Akademikerdasein gelebt, ich bin aber selbst auf dem speziellen Fachgebiet bei jeder zweiten Frage nicht sicher, bevor ich nicht nachschlage. Wie kann ich dann von mir selbst verlangen, das Leben an sich zu verstehen bzw. meine kognitiven Fähigkeiten als Maßstab für womöglich über natürliche Prozesse anlegen? Natürlich ist es nicht auf dem ersten Blick logisch, dass "da oben einer sitzt", ein Buch verfassen lässt, Kriege zulässt und sich trotzdem als den größten feiern lässt. Aber andererseits gibt er bzw. seine Lehre meiner Familie so einen Halt, das sie bis heute glücklich lebt trotz diverser Rückschläge.

Damit komme ich zurück auf die eingangs gestellte Frage, was einem im Leben wichtig ist. Ich möchte so viel es geht lernen (nicht nur im Leben, sondern auch akademisch), aber gleichzeitig zufrieden sein und viel erleben. Klingt naiv, aber zur Zeit klappt das ganz gut. Ich Maße mir nicht an, mit meinen beschränkten Fähigkeiten über den Leitplan der Welt zu urteilen. Ich finde das gut, was Menschen gut tut und womit sie keinem schaden. Wenn du für dich auf der Sache nach rationalen Argumenten bist, dann respektiere ich auch das, weil das mega anstrengend ist. Dafür braucht man ein hohes Maß an Frusttoleranz, weil außerhalb von Naturwissenschaften wenig total logisch ist.
 
Dass schon lange andauernde Schweigen von Gott hat mich immer ähnlich irritiert wie der Umstand, dass er sich seinerzeit immer nur Menschen aus einem sehr begrenzten Gebiet im Nahen Osten offenbart hat und Europa, Afrika, Ostasien und Amerika die kalte Schulter gezeigt hat, so dass die dortigen Menschen erst über den Land- und Seeweg über das Bodenpersonal die Frohe Botschaft erhalten haben. Aber auch das Schweigen kann Sinn machen. ZB gibt's doch auch unter Menschen die Idee, dass man die letzten von der Zivilisation isoliert lebenden indigenen Völker besser in Ruhe lässt und nicht mit bestimmten Gewissheiten zusätzlich verwirrt. Würde Gott sich tatsächlich gerichtsfest offenbaren, könnte das schwerwiegende Konsequenzen haben. Der Schock dürfte heutzutage enorm sein, während Menschen in der Antike das Vorhandensein von Göttern und Übernatürlichem wohl eher bereit waren schulterzuckend zu akzeptieren. Womöglich wäre der Schock größer als bei einer Kontaktaufnahme durch Ausserirdische.

Ich persönlich schätze die Kommunikationssysteme "Dornenbusch", "Engel" und "Prophet" auch für extrem anfällig für Übertragungsfehler ein, insofern ist auch überhaupt nicht sicher, ob ein allmächtigen Wesen sich überhaupt in der Weise für Menschen interessiert, wie wir das annehmen.
 
Ich würde mich selber als religiös bezeichnen, wenn auch nicht kirchennah.

Zur Frage, warum Gott soviel Leid "zulässt". Man stellt hier einfach die falsche Frage. Es geht nicht darum, wo Gott ist. Es geht darum, wo der Mensch ist. So im Beispiel eines Krieges. Der Mensch hat einen freien Willen. Er kann frei entscheiden, ob er jemanden umbringt oder nicht. Würde Gott eingreifen, wäre der freie Wille dahin.
 
Persönlich würde ich mich als Atheist sehen. Bin zwar katholisch getauft und hab auch noch die Kommunion mitgenommen, aber bei der Firmung war ich schon nicht mehr dabei. Sämtliche Religionslehrer und Katechetinnen haben bei mir dazu beigetragen, Religion eher befremdlich zu finden und ganz besonders die katholische Kirche. Deshalb bin ich auch zeitnah ausgetreten, als ich es konnte.
Ich respektiere es aber trotzdem, wenn Menschen einen Glauben haben, bzw. darinnen aufgehen. Ebenso besuche ich auch sehr gern religiöse Stätten, weil mich auch der kulturelle Aspekt interessiert.
 
@MS: ja, das ist sogar für mich nachvollziehbar. Ich hatte lange vielfach das Gefühl, dass Dinge/Entscheidungen/Fakten, je intensiver man sich mit ihnen beschäftigt, eher unklarer als klarer werden. Gleichzeitig habe ich aber den Glauben, dass Rationalität der einzige, wenn auch etwas anstrengende Weg zu einer besseren Welt ist. Aus meiner Sicht gibt es viel zu viel Irrationalität und ich glaub manchmal, das steigt sogar an. Aber natürlich muss jeder seinen eigenen Weg finden.

Mich persönlich überzeugt etwa (und das ist auch eine Art Glaube) u.a. Rorty mit seiner liberalen Ironie, die letztlich ja nur besagt, dass es keine letzten Gewissheiten gibt und man sich selbst nicht so wichtig nehmen soll. Leider halte mich mich wenig daran.
 
Aufgrund meines polnischen Migrationshintergrundes bin ich auch katholisch getauft und erzogen worden. Ich bin zwar nicht gläubig, vertrete jedoch durch meine Erziehung, ein im allgemeinen christliches Weltbild im Sinne von "Sei fair und gütig und schade niemandem". Die Kirche lehne ich für mich ab, ich denke aber nicht das man sie abschaffen sollte. Manchen Menschen spendet sie halt Trost und anderen nicht.

Meine Eltern waren zu Beginn auch sehr kirchengebunden, wohl weil die Kirche in Polen einen sehr hohen Stellewert genoß und genießt. Bis heute gilt: nur wer zur Kirche geht, ist ein guter Pole und Katholik und viele Polen erlauben sich daraus immer noch ein Urteil über andere zu fällen. Bis heute werden dort meine Eltern, mein Bruder und ich (auch von Teilen der Familie) recht kritisch beäugt, weil keiner von uns in die Kirche geht. Als Kleinkind jedoch wuchs ich in einer polnischen Community in Köln auf und habe auch jeden Sonntag in die Kirche gemusst. Irgendwann emanzipazierten sich meine Eltern von der Community und auch von der Kirche, je länger sie in Deutschland lebten, bis hin zu einer kritischen Haltung gegenüber der Kirche. Ich war in meiner Kindheit auch sehr gläubig, aber die Kirche war eher ein notwendige Übel. Dadurch das ich von meinen Großeltern gezwungen wurde dahin zu gehen, habe ich es noch mehr gehasst, dahin zu gehen. Aber ich war sogar einige Jahre (auf Bestreben einer Freundin) Messdiener. Die strengen Regeln und Gebräuche (außer Oblaten und Traubensaft :D) waren nicht so mein Ding. In der Pubertät begann ich mit Naturwissenschaften wie Evolution und Astronomie oberflächig zu beschäftigen und ab da änderte sich auch langsam mein Gottesbild. Ich hörte auf Gott zu personifizieren oder etwas menschliches in ihm zu sehen. Ich glaubte eher Gott sei eine Existenz die weit über dem hinausgeht was Religionen uns vorschreiben und weit über dem was wir uns vorstellen. Im Grunde glaube ich, dass Gott den "Startknopf" zur Erschaffung des Universums gedrückt hat und ab da alles seinem Lauf gelassen hat. Ich sehe nichts übersinnliches im Leben und glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, auch wenn ich es mir wünschen würde. Aber ich denke irgendwer oder irgendwas hat diesen Anfang gesetzt, Raum, Energie und Zeit erschaffen und diese physikalischen Gesetze gemacht auf das heute alle Elementatteilchen hören. Alles weitere, wie die Entstehung von Planeten und Leben basiert darauf und ist einfach Zufall von chemischen und physikalischen Konstellationen, wo die Rahmenbedingungen stimmen und dies ist irgendwann endlich. Das ist das woran ich heute glaube, wenn es um ein Gottesbild geht.

Meine Moral entnehme ich aus dem wie ich erzogen wurde und welche Lebenserfahrungen ich gemacht habe. Gerade in der Erziehung hallt der christliche Glaube nach. So feiere ich auch christliche Feste, auch wenn es mir primär nicht um den christlichen Hintergrund geht und meine Moral ist immernoch grob an den zehn Geboten gebunden. Weil sie nicht nur christlich, sondern universell gelten und in evolutionären Sicht vorteilhaft sind und ich sie für richtig und wichtig für unser Zusammenleben un Überleben halte. Mein Leben an die Bibel zu orientieren, wie das einige meiner polnischen Verwandeten tun, die meinen nur darin die Warheit zu finden, halte ich für Verschwendung menschlichen Potentials. Deswegen bin ich in Fragen wie Genetik oder Gleichberechtigung liberal eingestellt.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Die Kirche lehne ich für mich ab, ich denke aber nicht das man sie abschaffen sollte. Manchen Menschen spendet sie halt Trost und anderen nicht.

Insgesamt ein schöner Post, hier möchte ich nur kurz einhaken: wenn die Frage wäre "spendet sie Trost oder nicht?" hätte wohl keiner ein Problem damit. Das Problem der Kirche ist der weltliche Einfluss, den sie hat, aber (in der Form) niemals haben sollte. In Deutschland ist es mit dem menschenverachtenden kirchlichen Arbeitsrecht besonders schlimm, dahingehend sind wir auch extrem rückständig. Ist aber tendenziell ein deutsches Problem, das wir auch einfach lösen könnten, wenn es den Willen dazu gäbe. Aber wie die katholische Kirche (da muss man die Protestanten schon rausnehmen) bspw. in den USA die pädophilen Priester gedeckt und von der weltlichen Strafverfolgung schützen wollte hatte schon etwas von einer kriminellen Vereinigung. Das war Mafia Niveau.

Aber auch ich will die Kirche natürlich nicht "abschaffen". Wenn man ihr einfach den Einfluss auf das gesellschaftliche Leben wegnehmen würde (vor allem formal, informell, in dem sie die Gläubigen in gewisser Weise auch in ihrem Leben als Staatsbürger beeinflusst, wird sie solange Einfluss haben, solange es Gläubige gibt) wäre man zumindest deutlich näher dran an dem "Spendet Trost oder halt nicht", gegen das dann auch nichts zu sagen wäre.
 
Oben