Naja, und so ne UFC wird sich auch sagen; wir machen bloss kein Event in Germany. Aus Angst, dass deren Event auch aus dem Ruder läuft.
Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass eine vergleichbare Eskalation, wie sie bei Oktagon 91 zu beobachten war, bei einer regulären UFC-Großveranstaltung in dieser Form eintreten könnte. Dafür unterscheiden sich die organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen zu deutlich.
Die UFC operiert in einer völlig anderen Größenordnung. Ihre Veranstaltungen sind wirtschaftlich bedeutender, die Eintrittskarten begehrter und in der Regel erheblich teurer. Vor allem aber verfügt die Organisation über jahrzehntelange Erfahrung in der Durchführung internationaler Großveranstaltungen und über entsprechend professionalisierte Sicherheitsstrukturen. Außerhalb des vergleichsweise abgeschlossenen UFC Apex sind bei großen Arenaveranstaltungen regelmäßig Polizei, Sicherheitsdienste, Behördenvertreter und weitere offiziell zuständige Stellen eingebunden.
Entscheidend ist zudem, dass der professionelle Kampfsport in den Vereinigten Staaten keineswegs in einem rechtsfreien oder vollständig privatisierten Raum stattfindet. Im Gegenteil: Boxer, MMA-Kämpfer, Ringärzte, Kampfrichter und weitere Offizielle unterliegen in vielen Bundesstaaten der Aufsicht staatlicher Athletic Commissions. Die unmittelbar am Kampf beteiligten Offiziellen werden also nicht beliebig von einem Veranstalter ausgewählt, sondern sind staatlich lizenziert und bewegen sich innerhalb eines vergleichsweise klar geregelten Kontrollsystems.
Gerade hier zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch zum verbreiteten europäischen Bild der Vereinigten Staaten als grundsätzlich dereguliertem und weitgehend privatisiertem Staat. Im professionellen Kampfsport ist die staatliche Aufsicht dort teilweise erheblich stärker institutionalisiert als in Deutschland, wo Box- und MMA-Veranstaltungen bisweilen deutlich fragmentierter organisiert und kontrolliert werden.
Aus diesen Gründen glaube ich nicht, dass sich ein derartiges Geschehen bei einer UFC-Veranstaltung ohne Weiteres wiederholen ließe. Die größere organisatorische Erfahrung, die professionelleren Sicherheitskonzepte und insbesondere die institutionelle Einbindung staatlicher Aufsichtsorgane schaffen ein deutlich anderes Maß an Kontrolle und Verantwortlichkeit.
So problematisch das Geschehen bei Oktagon 91 sportlich und organisatorisch erscheinen mag, für Oktagon selbst muss eine solche Eskalation wirtschaftlich keineswegs ausschließlich nachteilig sein. Im Gegenteil: Ein Teil der eigenen Zielgruppe dürfte genau dieses Spektakel feiern. Tumulte, Provokationen, persönliche Feindschaften und demonstrative Grenzüberschreitungen erzeugen Aufmerksamkeit, emotionale Bindung und vor allem Gesprächswert. In der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie ist Empörung schließlich nicht das Gegenteil erfolgreicher Vermarktung, sondern häufig eines ihrer wirksamsten Instrumente.
Die Parallele zum deutschen Gangsta-Rap liegt auf der Hand. Außenstehende fragen sich regelmäßig, wer für diese inszenierten Großmachterzählungen, TikTok-Provokationen und demonstrativen Statussymbole eigentlich Geld ausgibt. Man könnte oberflächlich annehmen, das Publikum bestehe fast ausschließlich aus Jugendlichen ohne nennenswerte Kaufkraft. Die wirtschaftliche Realität zeigt jedoch, dass sich um diese Szene ein beachtlicher Markt entwickelt hat: Musik, Konzerte, Streaming, Mode, Merchandising und soziale Medien verstärken sich gegenseitig.
Dabei ist weitgehend unerheblich, wie viel von den erzählten Geschichten biografische Wahrheit und wie viel gezielte Überhöhung ist. Verkauft wird keine gerichtsverwertbare Tatsachenschilderung, sondern eine Figur: der Straßenunternehmer, der unangreifbare Macher, der Rebell außerhalb bürgerlicher Konventionen. Das Publikum bezahlt nicht unbedingt für Authentizität im dokumentarischen Sinne, sondern für die glaubwürdige Inszenierung eines bestimmten Lebensgefühls.
Aus meiner eigenen Zeit bei Adidas weiß ich, wie interessant diese Milieus auch für große Sport- und Lifestylekonzerne sind. Marken wie Adidas und Nike bemühen sich nicht ohne Grund darum, dass populäre Rapper ihre Kleidung in Musikvideos, sozialen Medien und öffentlichen Auftritten tragen. Ein Produkt wird dadurch nicht lediglich gezeigt, sondern mit Zugehörigkeit, Härte, Erfolg und subkulturellem Prestige aufgeladen. Gerade Gruppen wie die 187 Strassenbande besitzen beziehungsweise besaßen deshalb eine erhebliche kommerzielle Bedeutung, selbst wenn Menschen außerhalb dieser kulturellen Sphäre den Reiz kaum nachvollziehen können.
Oktagon verfolgt, bewusst oder unbewusst, eine vergleichbare Logik. Die Veranstaltung verkauft nicht nur sportliche Kämpfe. Sie verkauft Rivalitäten, Persönlichkeiten, Lagerbildungen und das Gefühl, jederzeit könne etwas Unvorhergesehenes geschehen. Ein Tumult kann unter diesen Bedingungen zum Bestandteil des Produkts werden. Er produziert Videos, Reaktionen, Schlagzeilen und eine stärkere Identifikation der Anhänger mit einzelnen Kämpfern oder Gruppierungen. Aus einem sportlichen Ereignis wird ein fortlaufendes Unterhaltungsnarrativ – und genau darin liegt erhebliches wirtschaftliches Potenzial.
Gefährlich wird dieses Modell erst dort, wo die kalkulierte Grenzüberschreitung staatliche oder verbandliche Gegenreaktionen provoziert. Oktagon muss aufpassen, dass aus vermarktbarer Unordnung nicht der Eindruck entsteht, der Veranstalter könne die Sicherheit, die sportliche Integrität oder die Kontrolle über sein eigenes Publikum nicht mehr gewährleisten. Wer das Spektakel immer weiter steigert, riskiert irgendwann Auflagen, Genehmigungsprobleme oder ein Eingreifen der zuständigen Behörden.
Gerade in Deutschland wäre eine besonders harte Reaktion gegen MMA allerdings von bemerkenswerter Doppelmoral. Im Profiboxen hat man über Jahrzehnte Veranstaltungen, Verbandsverflechtungen und teilweise äußerst umstrittene Punkturteile akzeptiert, ohne deshalb den gesamten Sport grundsätzlich infrage zu stellen. Würde man nun ausgerechnet beim vergleichsweise jungen MMA besonders streng auftreten, könnte der Eindruck entstehen, dass nicht allein objektive Integritätsmaßstäbe entscheiden, sondern auch die Frage, welche Sportart bereits über etablierte Verbände, politische Kontakte und gewachsene institutionelle Netzwerke verfügt.
Farid Bang trägt plötzlich den Oktagon-Gürtel, der am Wochenende von Kerim Engizek mitgenommen wurde.
hiphop.de
MMA-Kämpfer Kerim Engizek will seine Niederlage nicht akzeptieren. Wütend und unzufrieden mit der Punktrichter-Entscheidung klaut er den Gürtel und reckt ihn in die Höhe. Der Abend endet mit einem Massentumult im Ring und einem aufgebrachten Publikum.
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