Ganz kurz:
Das Problem bei Freigängern ist, dass sie komplett unfrei sind. Es ist genau festgelegt, wann und wo jede ansässige Katze ihr Revier abschreitet. Diese Kontrollgänge werden von meiner Katze wie ein Ritual absolviert, minutengenau, 7 Tage die Woche. Den Rest der Zeit beobachtet sie die Kontrollgänge der Konkurrenz, um eventuelle Schwachstellen auszumachen und umstrittenes Territorium als ihres zu markieren. Und das läuft in beide Richtungen.
Deshalb fürchtet meine Katze den Tierarzt wie der Teufel das Weihwasser, insbesondere Vollnarkosen, die sie stundenlang aus dem Rennen nehmen und lull und lall zurücklassen.
Einen Tag kann ich sie dann vor sich selber schützen und einsperren, maximal 2.
Dann stürmt sie jeweils, die frischen Wunden der Operation notdürftig geschlossen und bandagiert, back to work und bleibt gerade dann tagelang weg, was sie sonst nie tut. Ich leide jedesmal Höllenqualen. Durch unser Quartier streifen Füchse und Goldschakale.
Wenn Madame sich dann zu ihren Domestiken zurückbequemt, hat sie versucht, die Bandagen loszuwerden, weitgehend erfolglos, und die Operationswunden haben sich entzündet, weil ich ihr die verhassten Antibiotika nicht reinwürgen konnte.
Das ist einer der glücklicheren Ausgänge. Bereits zweimal hat sie sich verkrochen, um in Ruhe zu sterben.
Das erste Mal in Italien, wo sie mir in den Ferien zugelaufen war. Sie ist (wie fast alle Strassenkatzen) FIP-Trägerin, ihr Thorax hatte sich mit Eiter gefüllt und presste die Lungen zusammen. Die Behandlung zog sich hin und half nicht. Da verkroch sie sich das erste Mal.
Ich fand ihr Versteck durch die veränderten Laufwege der anderen Katzen in ihrem Rudel. Ich brachte sie zum Tierarzt, damit dieser ihren Qualen ein Ende bereite. Der Tierarzt sog dann mit riesigen Spritzen gefühlt ½ Liter Eiter aus ihrem Thorax. 24 Stunden später war sie (bis auf die ausrasierten Quadrate der Operation) zu 100% hergestellt. Katze halt.
Das zweite Mal war hier in der Schweiz. Diesmal war eine Operation der Auslöser. Die Kanüle für das Narkosemittel verletzt zwangsläufig die haarfeinen Blutbahnen im Vorderbein einer Katze (wird immer genommen, glaube ich). Diese Wunde wird deshalb besonders sorgfältig bandagiert. Meine Katze erholte sich auf den ersten Blick überraschend gut von der Operation. Dann nahm sie sich ihre zweitägige Auszeit und verschwand, um ungestört die lästige Bandage zu bearbeiten. Als sie wieder nach Hause kam, konnte sie den Vorderlauf nicht mehr bewegen. Die verdrehten Überreste der Bandage hatten die Blutbahnen abgeklemmt. Ihr Vorderlauf sah vergleichsweise aus wie ein Baseballschläger, die Pfote war grotesk gespreizt und bereitete ihr offensichtlich schreckliche Qualen. Sie leckte sie pausenlos, geradezu zwangshaft, und war nicht mehr ansprechbar.
Es gelang mir, den Knebelverband durchzuschneiden, den sie sich selbst angelegt hatte. Ich massierte ihren harten, geschwollenen Vorderlauf, offenbar mit Erfolg. Die Schwellung begann sich zurückzubilden, und die Katze beruhigte sich. Sie rollte sich auf meinem Kopfkissen zusammen und schlief ein. Ich dann auch.
Am nächsten Morgen war sie verschwunden und blieb es auch. Mir wurde klar, dass ich etwas übersehen hatte und das Fenster hätte schliessen sollen. Blutvergiftung? Wundbrand? Embolie?
48 Stunden lang suchte ich ihr Revier ab (es ist klein, etwa 100x100x5 Meter, besteht aber weitgehend aus dichtem Gestrüpp und laubreichen Bäumen). Ich hoffte weniger, sie zu finden. Ich versuchte sie aufzuschrecken, damit sie aus der Deckung kam. Und wirklich materialisierte sie dann vor meiner Nase auf der einzigen kahlen Stelle der Rabatte vor "ihrem" Fenster. Vor meiner Nase, buchstäblich. Kraftlos, apathisch, kaum ansprechbar; aber der Vorderlauf hatte sich erholt und die Katze schien schmerzfrei.
Ich trug sie hinein. Sie verkroch sich, schlief 12 Stunden, und dann machte sie weiter, wo sie vor der Operation aufgehört hatte. Andere Halter von halbwilden Katzen kennen das. Für mich ist es jedesmal ein Horrorfilm.
In den 4 Jahren, seit sie mir in Italien zugelaufen ist, hat sie 2 Leben verbraucht und ansonsten keinen Schaden genommen.
Mir fallen die Zähne aus, meine Haare sind grau geworden, ich habe Gicht und morsche Knochen bekommen. Mein Leben ist trostlos geworden. Wenn das so weitergeht, mach ich's nicht mehr lange.
Und seit sie weiss, dass ihr nächster Arzttermin morgen um 07:30 ist schaut sie mich mit ihrem pelzigen Arsch nicht an. Ja, ich habe sie eingesperrt. Was bleibt mir anderes übrig? Der abgebrochene Eckzahn bereitet ihr Schmerzen und kann sich entzünden. Undankbares Viech. Meinst du, mir macht das Spass? Und dass du mich ignorierst, ist einfach nur kindisch. Da stehe ich drüber. Hast du gehört? Hallo! Ich habe dich was gefragt!
Das wird ein Alptraum morgen und die nächsten Tage. Soviel ist klar.