Wie zufriedenstellend ist die Olympia-Bilanz des deutschen Teams?


Wie zufrieden seid ihr mit der deutschen Olympiabilanz?

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Tuco

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Es ist in erster Linie eine Frage an die Experten hier da ich Wintersport nur am Rande verfolge und auch diese olympischen Spiele deutlich weniger intensiv als viele hier, aber es würde mich schon interessieren wie diese Bilanz eingeschätzt wird. Ein paar Tage vor Ende der olympischen Spiele sind fünf Olympiasiege zu verzeichnen, damit droht es die schlechteste Bilanz seit der Wiedervereinigung zu werden, und wenn man sieht wo die Medaillen gewonnen werden ist es auch ganz überwiegend in den Eiskanal-Sportarten. Laut meiner kurzen Recherche hat Deutschland einen enormen Vorteil in den Eiskanal-Sportarten da man das einzige Land mit mehreren Bahnen auf Weltklasseniveau ist - das nutzt man offenbar weiterhin gut aus, aber beim Rest sind es bisher nur vereinzelte Erfolge wie der überraschende Sieg des Skispringers, und bei Ski Alpin scheint man ein großes Talent zu haben. Ansonsten ist weitgehend Flaute angesagt was die Weltspitze angeht, beim Biathlon ist man etwa sehr viel schwächer geworden, kommt das etwa hin? Und falls ja, sind die Gründe eher temporär oder strukturell?
 

LeZ

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Würde da 2 Gründe sehen, wenn man von schwer einschätzbaren Metaerklärungen wie "Kompetenzgerangel", "Seilschaften" usw. absieht.

Erstens, die Basis. Man braucht halt körperliches (genetisches) Talent, um in einer Top-3 der Welt in einem beliebigen Sport zu enden, UND dieses Talent muss schon als Kind und Jugendlicher gefördert oder genutzt werden. Instinktive körperliche Strukturen bilden sich früh, wie das aussieht wenn sowas fehlt, sieht man ja an den Berichten über Schulsport. Jemand der a) nicht das körperliche Talent hat, aber durch Zufall oder Verwandtschaft in den Leistungssport kommt, wird nicht in der Top-3 landen, und b) der das Talent hat, aber durch Zufall nie mit diesen Spitzensport in Berührung kommt, auch nicht. Es muss beides zusammenkommen. Dirk Nowitzki hatte z.B. Holger Geschwindner, wo wäre der ohne diesen Trainer gelandet?

Zweitens, die Förderung. Die ist halt nicht so breit wie sie sein müsste, um mit einigermaßen hoher Quote diese körperlichen Talente in einen für sie perfekten Sport zu bringen. Wurde ja in der DDR gemacht, da war es dann eher weniger freiwillig. Das ist dann ein weiterer Faktor, hat das Talent auch nach 4, 5 Jahren als 14jährige(r) noch Bock auf diesen Aufwand? Macht es Spaß? Wir haben hier in einer 40k-Kleinstadt teilweise 4 Jugendmannschaften pro Jahrgang im Fußball, aber im Handball, Volleyball usw. in manchen Altersstufen gar keine.

Ich habe so mit 18 ein paar körperlich surreal starke Leute (Springwunder, geisteskranke Sprinter) im Sport getroffen, die in verschiedenen Sportarten vermutlich in die Weltspitze hätten kommen können. Nicht unbedingt in der, die sie gemacht haben. Die haben damit aber nie angefangen, womit die Geschichte dann zu Ende ist.

Die dritte Erklärung ist, dass flächendeckendes Beschei*en bei uns eher nicht so toll unterstützt wird. Aber, das ist eine andere Geschichte. Und die trifft sicher auch nicht auf alle Sportsparten zu, beim alpinen Slalom z.B. braucht man halt brutales Talent, Reflexe und Gefühl für das Fahren. Darum ist es auch so nervig, wenn das bei der einen oder anderen Nation einfach durchgewunken wird, weil das dazu führen wird, dass alle anderen auch darüber nachdenken. Oder es tun.

Am Ende muss man erstens dankbar sein, dass immer noch Leute einen Großteil ihres Lebens damit verbringen, im Kreis zu laufen um für Leute am Fernseher Medaillen "heim" zu bringen. Und sich über das Ergebnis freuen. Ich denke, so ein Vinzenz Geiger springt nicht absichtlich schlecht, die anderen springen halt manchmal weiter.
 

Masmiseim

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Die fetten Jahre, vor allem im nordischen Bereich sind eben vorbei. Ackermann, Teichmann, Neuner, Wilhelm, Angerer usw haben so ziemlich ein ganzes Jahrzehnt geprägt. Und überall war absehbar, dass die Lücken nicht durch den Nachwuchs eins zu eins ersetzbar sein würden.
Nach Gründen zu suchen ist immer schwer. Klar, Fördermittel sind immer knapp aber das alleine wirds auch nicht sein.
Man darf auch nie vergessen, dass vielleicht auch junge Menschen heute anders denken und Leistungssport mit geringen Verdienstaussichten nicht ganz so attraktiv ist.
Ganz ehrlich, ich hätte auch keinen Bock auf so ein Leben. Im tiefsten finnischen Hinterland bei Eiseskälte um 10 Weltcup Punkte skaten, wenig Zeit für Familie haben, bei jedem Hustensaft erst Mal den Rat von drei Mannschaftsärzten einzuholen WG Doping, meinen Aufenthaltsort ständig kommunizieren zu müssen, usw
Und am Ende rennst du die Seele aus dem Leib und wirst zum Dank via Social Media beleidigt, bedroht und bepöbelt.

Aber abseits von diesen Grundsatzfragen schienen mir einige Teilnehmer nicht gerade ihre Formspitze zur benötigten Zeit aufgebaut zu haben. Das haben andere besser hinbekommen.
 
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Huck huckt weg

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Die Olympiade läuft wie erwartet. Daher weder zufrieden noch enttäuscht.

Bei Leuten die enttäuscht sind, frage ich mich, ob diese die letzten Jahre bzw. diese Weltcupsaison in den verschiedensten Disziplinen überhaupt verfolgt haben. Ich lese zum Beispiel, dass die Biathlonbilanz so schlecht wäre. Ja das stimmt, wir haben keine Einzelmedaille. Aber woher und von wem soll die auch kommen? Die Athleten haben im Vorfeld auch keine Hoffnung auf Erfolg gemacht, Olympia war hier ein Abziehbild des Weltcups.
Uns fehlt es in quasi allen Wintersportarten an Nachwuchs und die früheren Leistungsträger haben aufgehört bzw. sind über dem Zenit. Zudem gibt es nun mal auch eine Konkurrenz und diese schläft nicht. Während man da oft das Gefühl hat, dass diese hart arbeiten, wird sich bei uns gefühlt auch zu viel auf Erfolgen ausgeruht
Zudem haben viele unserer Sportler schnell eine Selbstzufriedenheit und man hat das Gefühl, die wenigsten haben die Motiviation für ihren Erfolg wirklich an die Grenze zu gehen. Das mag auch an den Strukturen im Verband und der schlechten Förderung liegen, aber ich habe bei den meisten nicht wirklich das Gefühl das sie für den Sport leben und das allerletzte aus sich herausholen.
 
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Die Olympiade läuft wie erwartet. Daher weder zufrieden noch enttäuscht.

Bei Leuten die enttäuscht sind, frage ich mich, ob diese die letzten Jahre bzw. diese Weltcupsaison in den verschiedensten Disziplinen überhaupt verfolgt haben. Ich lese zum Beispiel, dass die Biathlonbilanz so schlecht wäre. Ja das stimmt, wir haben keine Einzelmedaille. Aber woher und von wem soll die auch kommen? Die Athleten haben im Vorfeld auch keine Hoffnung auf Erfolg gemacht, Olympia war hier ein Abziehbild des Weltcups.
Uns fehlt es in quasi allen Wintersportarten an Nachwuchs und die früheren Leistungsträger haben aufgehört bzw. sind über dem Zenit. Zudem gibt es nun mal auch eine Konkurrenz und diese schläft nicht. Während man da oft das Gefühl hat, dass diese hart arbeiten, wird sich bei uns gefühlt auch zu viel auf Erfolgen ausgeruht
Zudem haben viele unserer Sportler schnell eine Selbstzufriedenheit und man hat das Gefühl, die wenigsten haben die Motiviation für ihren Erfolg wirklich an die Grenze zu gehen. Das mag auch an den Strukturen im Verband und der schlechten Förderung liegen, aber ich habe bei den meisten nicht wirklich das Gefühl das sie für den Sport leben und das allerletzte aus sich herausholen.
Allerdings sollten die meisten den Unterschied zwischen Olympischen Spielen und einer Olympiade kennen :belehr:
 

LeZ

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Dass sich deutsche Sportler nicht anstrengen würde ich aber auch als gewagt ansehen.
 

Huck huckt weg

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Dass sich deutsche Sportler nicht anstrengen würde ich aber auch als gewagt ansehen.
Das steht auch nirgends. Es geht eher das man das Gefühl hat bei vielen könnte viel mehr gehen, wenn der Wille und Ehrgeiz noch ausgeprägter wäre. Ist natürlich auch eine Typsache, aber genau diese Typen fehlen uns meiner Meinung nach.
 

LeZ

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Dann muss ich auf Erfolgen ausruhen, keine Motivation haben und zu selbstzufrieden sein falsch verstanden haben, mein Fehler.

Tatsächlich würde ich auch sagen, dass man in Deutschland ganz furchtbar schlecht ist, positiv mit Emotionen umzugehen. Aber in einer anderen Richtung. Versagensangst wie bei Preuß kommt nicht daher, dass man total sorglos an seinen Wettkampf geht. Und beste, zweitbeste und fünftbeste Laufzeit erreicht man auch nicht, wenn man ein bisschen rumbrettelt um als Tourist zu Olympia zu fahren.
 

Marti

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In vielen klassischen Wintersportarten ist aktuell schlicht und ergreifend das Talent nicht in dem Maße da wie es früher der Fall, gerade im Biathlon und der NoKo, da würde ich aber nicht sagen, dass dies ein neuer Dauerzustand sein muss (Klar kommt in der NoKo auch drauf an ob und wie sie weiter gefördert wird).. Im Langlauf nochmal viel frappierender, wenngleich Deutschland bis auf die Phase unter Angerer und Teichmann eh nie die Großmacht war und Schweden bei den Frauen und Norwegen bei den Männern in anderen Ligen spielen...
Im Biathlon hat man bei den Männern den Anschluss an Frankreich und Norwegen schon seit einigen Jahren massiv verloren. Bei den Frauen sieht es zwar besser aus, aber auch hier hat sich die Saison über abgezeichnet, dass es nichts werden wird aus unterschiedlichen Gründen im Vergleich zu den Männern.

Das Eisschnelllaufen ist seit einigen Jahren halt ne Riesen Shitshow in Deutschland auf organisatorischer Ebene. Ja man hat mit Finn Sonnekalb ein Riesen Talent, aber die DESG als Verband ist halt ein einziger Witz. Wie soll man sich als Athlet oder Athletin ungestört entwickeln wenn man für so nen Witzverein läuft vor dem man eher Angst haben muss, als das er einen fördert?

Wo wir bei den Talenten sind, mit Emma Aicher hat man bei den Alpinen unbestritten ein Ausnahmetalent, aber darüber hinaus eben auch nicht viel...

Und viele andere Sportarten, wie die Style Disziplinen im Snowboard oder selbst so eine etablierte große Sportart wie Eiskunstlauf (klar hier hat man in Deutschland seit Szolkowy/Savchenko seine Strategie gefunden) erhalten in vielen anderen Ländern halt eine viel größere Wertschätzung und spielen zum Beispiel auch im Kontext von Subkulturen eine viel größere Rolle als sie es in Deutschland tun.
Nun könnte man sagen, mit guter Sportförderung macht man das weg, aber es muss halt auch das Interesse da sein und entsprechende Trainingsbedingungen bestehen... Wie lange gab es in Deutschland keine Superpipe?

Im Eiskanal hat man eben seinen Technologie, Athlet:innen und finanziellen Vorsprung, der mehr oder weniger Erfolgreich auch in den kommenden Jahren weiter zum tragen kommen wird.
 
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Letztlich haben wir halt einfach zahlenmäßig auch zu wenige Wintersportler…gestern meinten sie, dass in Frankreich viermal so viele junge Biathleten zur Verfügung stehen. Dann steigt auch die Chance, dass da echte Weltklasse mit dabei ist. Auch im Skispringen gibt es einfach viel mehr junge Slowenen und Österreicher.
Ja, wir sind ein einwohnerstarkes Land, gerade im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, aber letztlich haben wir leider nicht so viel von den Alpen abbekommen. In vielen anderen Teilen Deutschlands fehlt inzwischen der verlässliche Schnee, um die Wintersport-Zentren auf dem Niveau aufrecht erhalten zu können.
 

Marti

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Letztlich haben wir halt einfach zahlenmäßig auch zu wenige Wintersportler…gestern meinten sie, dass in Frankreich viermal so viele junge Biathleten zur Verfügung stehen. Dann steigt auch die Chance, dass da echte Weltklasse mit dabei ist. Auch im Skispringen gibt es einfach viel mehr junge Slowenen und Österreicher.
Ja, wir sind ein einwohnerstarkes Land, gerade im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, aber letztlich haben wir leider nicht so viel von den Alpen abbekommen. In vielen anderen Teilen Deutschlands fehlt inzwischen der verlässliche Schnee, um die Wintersport-Zentren auf dem Niveau aufrecht erhalten zu können.
Klar Quantität spielt schon auch ne Rolle. Wobei man natürlich auch hier wieder damit kommen könnte, was ja immer gerne behauptet wird (keine Ahnung obs stimmt), dass aktives Sport treiben (vielleicht von Teamsportarten abgesehen) nicht so Teil Heranwachsens ist in Deutschland, wie es das in anderen Ländern zu sein scheint...
Ist ja gerne das Argument der Skandinavier... "Wir gehen halt auch jedes Wochenende mit unseren Kiddies an die frische Luft" um es mal unterkomplex zu formulieren...

Wobei ich da nie in irgend ner Form wissenschaftliche Evidenz für gesehen habe.
 
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