2014 Gui Lai (Coming home)
China
Plot
Die Lehrerin Feng Wanyu (in der Folge nur noch Yu genannt) der Mittelschule Guangming hat seit 10 Jahren nichts mehr von ihrem Ehemann, dem Professor Lu Yanshi (in der Folge nur noch Lu genannt), gehört. WĂ€hrend der Kulturrevolution Chinas um das Jahr 1970 soll Lu nun aus einem GefĂ€ngnis fĂŒr politische HĂ€ftlinge geflohen sein. Die einzige Tochter, Dan Dan, ist SchĂŒlerin einer Tanzakademie und linientreu. Yu und Dan Dan werden verhört. Dan Dan will kooperieren, wĂ€hrenddessen Yu zögert. Lu taucht in der Stadt auf. Dan Dan kommt nach Hause, als sich Besuch einstellt. Die Partei, vertreten durch Deng und seinem Kumpel Liu, suchen nach Lu.
Dan Dan war nur gerade 3 Jahre alt, als der Vater verhaftet wurde und ins GefĂ€ngnis wanderte. Obwohl Dan Dan die bessere TĂ€nzerin ist, wird ihr die Kollegin Cui Meifang aus politischen GrĂŒnden fĂŒr die Hauptrolle einer grossen Tanzvorstellung vorgezogen.
Lu nĂ€hert sich dem Haus seiner Familie, klettert ĂŒber eine Leiter ĂŒber einen Nebeneingang ins Haus. Vor dem Haus befindet sich Wachpersonal, da man mit der Ankunft Lus rechnet.
Lu klopft an die HaustĂŒre. Seine Frau Yu hört das Klopfen. Sie ahnt, dass Lu draussen ist. WĂ€hrend dessen kommt Dan Dan nach Hause. Lu dreht die TĂŒrfalle. Gestört durch Dan Dan lĂ€uft Lu an ihr vorbei. Dan Dan folgt ihm. Sie schliesst aus der Art, wie sich Lu verhĂ€lt, dass er Lu sein muss. Schliesslich sprechen die zwei zusammen. Lu ahnt, dass sie Dan Dan sein muss und nennt sie auch so. Er stellt sich als ihr Vater vor. Sie sei gross geworden. Dan Dan kennt Lu nicht. Lu fĂŒhrt aus, dass er nur sie und ihre Mutter sehen wolle. Dan Dan beschert ihm eine Abfuhr, indem sie sagt, dass niemand ihn sehen wolle. Lu bittet Dan Dan Yu auszurichten, dass er sie morgen um 08.00 h beim Bahnhof erwarte.
Lu schreibt Yu einen Zettel und schiebt ihn unter der WohnungstĂŒr durch. Yu sieht den Zettel und hebt ihn auf, liest die Mitteilung.
Dan Dan spricht mit dem Wachmann. Sie steckt ihm, dass sie die Tanzhauptrolle Wu Qinghua in der roten Abteilung der Frauen aus politischen GrĂŒnden nicht bekommen habe. Der Geheimdienstmann verspricht mit der Schule zu sprechen. Im Gegenzug wird Dan Dan ihren Vater verraten.
Yu hat beobachtet, wie Dan Dan mit dem Wachmann sprach und macht sich ihren Reim.
Zu Hause kommt es zum Streit zwischen Yu und Dan Dan. Yu wird Dan Dan sagen, dass sie sich seit sie jung sei immer um sie gekĂŒmmert habe. Jetzt mĂŒsse sie sich um ihren Mann kĂŒmmern. Dan Dans Sache sei es, Wu Qinghua zu tanzen.
Yu geht um 08.00 h zum Bahnhof, wo Lu seit 07.30 h auf sie wartet. Auch Dan Dan erscheint am Bahnhof. Yu sucht Lu. Schliesslich wagt sich Lu aus der Deckung, ruft im Durcheinander nach Yu. Diese sieht ihn, aber schon sind die KommissĂ€re hinter Lu her. Yu sieht das aus ihrer Position und fleht Lu an, zu rennen, aber es nĂŒtzt nichts. Lu wird geschnappt und abgefĂŒhrt, in einen Wagen gesteckt und weggefahren.
Trotz des Verrats wird Dan Dan die Hauptrolle als TĂ€nzerin nicht bekommen. Yu weigert sich, die Vorstellung zu besuchen.
3 Jahre spÀter endet die Kulturrevolution. Lu wird aus dem GefÀngnis entlassen und kommt mit dem Zug heim. Dan Dan sieht Lu am Bahnhof herumsitzen. Sie erzÀhlt Lu, dass Yu nicht kam, um ihn abzuholen, gibt aber keine weiteren ErklÀrungen dazu ab. Dan Dan tanzt nicht mehr und arbeitet in einer Textilfabrik.
Lu kehrt heim. Yu öffnet zwar die TĂŒre und begrĂŒsst ihn, bittet ihn, sich zu setzen. Nach einer Weile bemerkt Lu aber, dass Yu ihn offensichtlich nicht erkennt. Yu hĂ€lt ihn fĂŒr den Polizeibeamten Fang. Sie wird wĂŒtend und bittet Lu, die Wohnung zu verlassen. Dan Dan taucht auf. Lu erzĂ€hlt ihr, dass Yu ihn nicht erkannt habe. Lu wurde rehabilitiert. Man zeigt Yu den Brief, aber die weint nur und sagt, Lu werde nach Hause kommen. Yu leidet unter GedĂ€chtnisverlust. Schliesslich verlĂ€sst Lu die Wohnung. Man bringt ihn erstmal in einem nahen Laden beim Kiosk unter.
Seit der neuerlichen Verhaftung vor 3 Jahren hatte Yu aufgehört, die TĂŒre zu schliessen. Sie wollte sicher sein, dass sie Lu nie mehr rausschliessen wĂŒrde. In ihrer Wohnung wimmelt es vor Zetteln, welche sie als Erinnerungshilfen geschrieben hat. Yu leidet seit einem Jahr an psychogenischer Amnesie. Dan Dan besucht sie morgens und abends. Sie lebt nicht bei Yu, weil diese nicht will, dass Dan Dan bei ihr lebt.
Lu verfolgt Yu, sieht, dass sie zum Bahnhof lÀuft und die Neuankömmlinge betrachtet. Sie wartet auf die Passiegiere des Zuges aus Xining wartet und hofft, dass ihr Lu aussteigen wird.
Lu wird ein Brief fĂŒr Yu mitgegeben. Es ist ein stark verspĂ€teter Brief, den er vom Lager aus geschrieben hat. Im Brief steht, dass er am 5. ankommen werde, ohne allerdings einen Monat dazu zu schreiben. Lu informiert Dan Dan. Der Brief wird Yu von Dan Dan ĂŒberreicht. Yu liest ihn und macht sich daran, ein Plakat zu malen: darauf steht: Lu......
Dan Dan bittet den wartenden Lu herein, aber Yu erkennt Lu noch immer nicht.
Lu erkundigt sich beim Facharzt Dr. Wang, wie es zur Krankheit Yus kommen konnte. Wang beschreibt diverse Krankheitsursachen, aber einen genauen Grund zu nennen erscheint ihm unmöglich. Der Spezialist meint, man könne da im Moment nicht viel tun, erwĂ€hnt immerhin Hypnose als Therapie und andere psychologische Behandlungen, welche es aber in China nicht gĂ€be. Wang schlĂ€gt Lu ein Experiment vor: es ginge um den Deja Vu-Effekt: durch die Vorstellung könne das Hirn ein fiktionales GedĂ€chtnis aufbauen. Durch die Schaffung gleicher Momente im richtigen Leben, könne der Patient das fiktionale GedĂ€chtnis in seinem Unterbewusstsein aktivieren und dieses als wirklich erscheinen lassen. Dies werde erzielt. , indem man PlĂ€tze, an welchen man lebte, besuche, sich Filme anschaue, welche man gesehen habe, Musik höre, welcher man gelauscht habe. Briefe, BĂŒcher, alte Fotos seien ebenfalls hilfreich.
Dan Dan bringt die FotobĂŒcher. Ueberall ist Lu herausgeschnitten. Lu fragt, wer das gemacht hĂ€tte und Dan Dan bekennt, dass sie dafĂŒr verantwortlich war. Die Komissarin Suzhen, welche bei der Verhaftung Lus eine Rolle spielte, hilft Lu. Sie war frĂŒher zusammen mit ihrem Mann Wei mit Lu und Yu befreundet, war eine alte Klassenkameradin von Yu und besitzt noch ein Foto aus der Zeit, als die vier mal zusammen waren. Sie ist freundlich zu Lu und gibt ihm das Foto mit. Von Suzhen erfĂ€hrt Lu, dass sich Wei umgebracht hat.
Lu bittet Dan Dan, Yu zu sagen, dass sie das Foto aufbewahrt habe. Dan Dan zeigt Yu das Foto, auf dem Wei, Suzhen, Lu und sie zu sehen sind. Yu nimmt Dan Dan die Geschichte ab, dass sie das Foto aufbewahrt hat. Gemeinsam sehen sie sich das Foto nochmal an. Yu erkennt Lu tatsĂ€chlich auf dem Foto. Wieder fĂŒhrt Yu aus, dass Lu zurĂŒckkommen werde. Dan Dan öffnet die TĂŒre und Lu erscheint, aber Yu erkennt ihn noch immer nicht, schliesst Lu die TĂŒre vor der Nase zu. Allerdings sagt Yu zu Dan Dan, dass der Mann ihr familiĂ€r vorkomme. Dan Dan sagt ihr, dass dies Lu sei, aber Yu hĂ€lt ihn noch immer fĂŒr einen Fremden.
Im Treppenhaus wird Dan Dan traurig. Sie kann nicht verstehen, dass Yu alles vergisst, aber ihren damaligen Verrat nicht. Lu tröstet sie.
Yu will das seit langer Zeit nicht gebrauchte Klavier fĂŒr Lu stimmen lassen. Lu gibt sich als Klavierstimmer aus. Yu gibt ihm zu trinken und erkennt ihn nicht.
Immer am 5. des Monats macht sich Yu schön und geht zum Bahnhof. Lu spielt Piano als Yu heimkommt. Yu wundert sich ĂŒber die Töne, den Klang des Spiels. Sie freut sich. Lu spielt weiter und Yu beginnt zu weinen und das Kino wohl mit ihr. ZĂ€rtlich hĂ€lt Yu die Hand auf Lus Schulter. Auch Lu vergisst TrĂ€nen. Die Beiden umarmen sich, aber schon erscheint Lu Yu wieder fremd und schlĂ€gt ihm die Hand weg. Dan Dan wirkt traurig, meint, die zwei seien wohl einfach zu lange voneinander getrennt gewesen.
Dan Dan sagt Lu, dass Yu nichts davon wisse, dass sie mit dem Tanzen aufgehört habe und wo sie lebe. Es tue ihr so leid, fĂŒr sie zwei. Aber auch Lu fĂŒhlt sich schuldig. Er sagt, gĂ€be es ihn nicht, wĂŒrde Dan Dan gut mit der Mutter zusammen leben.
Die Beiden kommen sich menschlich nÀher und Dan Dan wird Lu hier zum ersten Mal Vater nennen. Sie sagt ihm, dass sie ihn damals an die KommissÀre verraten habe und Lu gesteht, dass er dies bereits wusste. Der Genosse Deng hÀtte es ihm erzÀhlt.
Bald darauf trifft ein Paket von Lu fĂŒr Yu ein. Darin befinden sich eine Unmenge von Briefen, welche Lu fĂŒr Yu geschrieben hatte. Yu bittet Lu, ihr die Briefe vorzulesen, was Lu geduldig tut. Die Briefe gefallen Yu und sie bittet Lu, wiederzukommen und ihr noch mehr Briefe vorzulesen.
Yu wollte nicht, dass Dan Dan eine TĂ€nzerin wird. Sie hĂ€tte es lieber gehabt, wenn sich Dan Dan fĂŒr die Wissenschaft oder die Technologie interessiert hĂ€tte. Es sei Lus Wunsch gewesen, dass Dan Dan TĂ€nzerin geworden sei.
Lu stoppt, Yu Briefe vorzulesen. Dan Dan erkundigt sich nach dem Grund. Lu betrachtet es als sinnlos, sieht sich nur noch in der Rolle des Vorlesers und sieht keine Verbesserung von Yus Zustand.
Dan Dan tröstet ihn, sagt ihm, damit wĂ€re er Yu doch nahe gewesen und hĂ€tte sich um sie gekĂŒmmert. Alles andere spiele doch keine Rolle. Lu hört ihr interessiert zu und beschliesst, dies zu ĂŒberdenken.
Ueber die Briefe lÀsst Lu Yu wissen, dass bei allen Fehlern, welche Dan Dan gemacht haben sollte, sie doch nur ein Kind sei. Jeder mache Fehler. Es hÀnge von ihr ab, eine gute Mutter zu sein. Es wÀre nicht richtig gewesen, Dan Dan aus dem Haus zu kicken. Er hoffe, dass Yu sie wieder bei ihr wohnen lassen. Lu wird Dan Dan abholen und sie nach Hause bringen.
Yu öffnet Dan Dan die TĂŒre und bittet sie, die Tanzakademie zu verlassen und nach Hause zu kommen. Als Dan Dan den von Lu geschriebenen Brief liest, weint sie.
Dan Dan wird fĂŒr Yu und Lu in Yus Wohnung die Hauptrolle Wu Qinghua der roten Abteilung der Frauen tanzen.
Lu bringt Dan Dan Essen. Als Lu Yu sanft zudecken will, verwechselt Yu Lu mit Fang. Lu sei nicht exekutiert worden. Sie habe sich fĂŒrs ganze Leben Schuld aufgeladen, aber er könne sie nicht mehr berĂŒhren. Sie fordert ihn auf, die Wohnung zu verlassen.Sie werde nicht mehr vergewaltigt werden.
Yu schliesst sich ein, stellt StĂŒhle vor die TĂŒre, um sie abzuriegeln. Lu fragt Dan Dan , wann Fang dies der Mutter angetan habe? Dan Dan meint, sie wĂ€re noch klein gewesen, erinnere sich aber immerhin, dass er sie mal mit einer Schöpfkelle geschlagen habe.
Lu sucht Fangs Wohnung mit einem Schöpflöffel hinter dem RĂŒcken auf. Von dessen Frau erfĂ€hrt er, dass Fang selber verhaftet worden sei. Die Frau ist eine Furie. Lu lĂ€sst den Schöpflöffel hinter seinem RĂŒcken sinken. Auch Fangs Frau wartet mit ihrem Kind verzweifelt auf Fangs ungewisse RĂŒckkehr
Yu wartet sehnlichst auf den Briefevorleser, aber der sei krank, berichtet ihr Dan Dan. Jiaozi wird gekocht. Yu besucht Lu, der krank ans Bett gefesselt ist und bringt ihm die Speise zur StÀrkung.
Viele Jahre spÀter: Lu ist merklich Àlter geworden, genauso wie Yu. Am Tag des 5. des Monats macht sich Yu noch immer schön. Dan Dan hilft ihr in den Mantel. Lu steht mit seiner Rikscha bereit. Man fÀhrt zum Bahnhof. Dan Dan schaut den Zweien traurig nach. Am Bahnhof wartet Yu noch immer auf ihren Lu und Lu wartet wohl auf sich selbst.
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Coming Home ist ein Werk des chinesischen Kultregisseurs Zhang Yimou. Der Film basiert auf dem Roman "Der Kriminelle Lu Yanshi" von Geling Yan.
Allerdings sollen hier nur ca. die letzten 30 Seiten des Romans fĂŒr den Film massgebend sein (mir liegt der Roman nicht vor).
Zwar spielten die UmstÀnde und Folgen der chinesischen Kulturrevolution im Film durchaus eine Rolle, aber die Verfehlungen des politischen Gefangenen Lu Yanshi werden im Film nicht erlÀutert.
Der Film wurde vom Publikum durchaus gut aufgenommen und soll weltweit ĂŒber 47 Millionen Dollar eingespielt haben.
Bei den Kritiken zum Film habe ich von langweilig, zu langsam erzÀhlt, fehlender Tiefe bis zu sehr gutem, unterhaltsamem Film die ganze Bandbreite lesen können. Zweifellos scheint das Werk zu polarisieren. Entweder man liebt den Film oder man mag ihn nicht.
FĂŒr die Freunde von Action, leichter, sĂŒffiger Unterhaltung, welche sich einfach einen lockeren Filmabend machen wollen, kann ich den Film nicht empfehlen. FĂŒr die AnhĂ€nger von anspruchsvollem, emotionalem Kino, welche wenigstens rudimentĂ€re China-Kenntnisse besitzen und sich geistig und psychologisch fordern lassen wollen, könnte dieser Film eine wahre Schatztruhe sein.
Man kann Zhang Yimou nicht vorwerfen, er hÀtte die Familiengeschichte um Lu Yanshi und Feng Wanyu zu hastig erzÀhlt. BedÀchtig und gemÀchlich wird dem Betrachter/der Betrachterin die Familiengeschichte um Professor Lu Yanshi und Feng Wanyu und deren Tochter Dan Dan nÀher gebracht. Allerdings leitet das ErzÀhltempo etwas fehl, denn in diesem 111 Minuten langen Werk ist einiges an Inhalt verpackt, werden viele Themen angesprochen und nicht selten hat Zhang Yimou es verstanden, seine aufgetischten Kostbarkeiten gut zu verstecken.
Heldin des Werks ist wohl Feng Wanyu, welche von Zhang Yimous Muse Gong Li gut gespielt wird. Ihr wĂŒrde ich ein gewisses Overacting bei gewissen Passagen ankreiden. Ich meine, Zhang Yimou hat da an einigen Stellen nicht gut aufgepasst. Weniger wĂ€re da und dort imo besser gewesen. Sie verhĂ€lt sich zu ihrem Mann loyal und ist die Einzige, welche ihn, als es zur Crunch Time kommt, nicht verrĂ€t. Ihre Figur hat mich an Dostojewskis FĂŒrst Myschkin erinnert. Sie liebt ihren Mann, egal was kommen möge und zahlt dafĂŒr einen hohen Preis, indem sie vom Polizeikommissar Fang vergewaltigt wird und so wohl unbewusst ihrem gelieben Yanshi die Todesstrafe erspart. Möglich, dass ihr GedĂ€chtnisverlust sie davor bewahrte, völlig verrĂŒckt zu werden. Zhang Yimou hat es raffiniert verstanden aufzuzeigen, wie tief Wanyus Liebe ist, denn selbst als sie ihre Entscheidungen kaum mehr rational treffen kann, ist es deutlich, dass sie Yanshi noch immer liebt.
Die Tochter Dan Dan ist eine interessante dramaturgische Figur. Sie ist anfangs linientreu eingestellt. Ihre Tanzbewegungen wirken zwar zunĂ€chst unglaublich prĂ€zise, aber der Drill ist unangenehm zu spĂŒren. Besonders ausdrucksstark wirkte das zunĂ€chst nicht, wenngleich die Perfektion ihres Tanzes eindrĂŒcklich war. Jedenfalls war Dan Dans Privatvorstellung fĂŒr Yanshi und Wanyu in der Wohnung einiges gefĂŒhlvoller. Das war eine Meisterleistung der Schauspielerin Zhang Huiwen. Ueberhaupt war Huiwen der heimliche Star der Filmbesetzung. Sie ĂŒberzeugte sowohl als AnhĂ€ngerin der Partei, als reuige SĂŒnderin, als Kumpanin von Yanshi, dem sie im Verlaufe des Filmes eine richtige Tochter wurde. Laut der Geschichte hatte Dan Dan keine wirklichen Erinnerungen an Yanshi und diesen Wandel vom Unbekannten zum Vater hat sowohl das Drehbuch als auch die Schauspielerin Huiwen sehr gut hinbekommen.
Lu Yanshi, der von Chen Daoming hervorragend gespielt wird, ist ein wĂŒrdiger Partner zu Wanyu Feng. Ihre Liebe wird glaubhaft, tief und rein dargestellt. Es ist erstaunlich, was sich Zhang Yimou und wohl auch Geling Yan alles fĂŒr Yanshi einfallen liessen, um die verschĂŒttete Seele Wanyus freizuschaufeln. Mal betĂ€tigt sich Yanshi als Klavierstimmer, mal als Vorleser oder beschafft sich bei der Ex-VerrĂ€terin Suzhen ein Foto. Yanshi kĂ€mpft verzweifelt darum, dass Wanyu wieder gesund wird. Beim Klavierspiel hatte ich fĂŒr einen Moment den Eindruck, dass es ihm gelingen könnte und ich habe hier Zhang Yimou im Verdacht, diesen Einschub ganz bewusst gesetzt zu haben. Es ist eigentlich der einzige wirkliche Lichtblick im Film, dass sich Wanyu je von ihrem schweren Trauma erholen könnte. Bei der Klavierszene und beim Abdecken von Wanyu mit der Decke kamen sich Wanyu und Yanshi wohl am NĂ€chsten. Beide Male ging die Sache fĂŒr Yanshi schlecht aus. Erst als Yanshi seine Ambitionen aufgab und Wanyu so akzeptierte, wie sie sich prĂ€sentierte, konnte Yanshi eine gewisse NĂ€he zu Wanyu wiederherstellen, auch wenn diese eine andere Form annahm, als man es sich als Betrachter gewĂŒnscht hĂ€tte.
Der Film handelt auch von Verrat. Dan Dan verrÀt Yanshi, Yanshi verrÀt seine Familie, Deng verrÀt sowohl Yanshi als spÀter auch Dan Dan, Wei bringt sich wohl vor lauter Verrat um. Suzhen verrÀt Yanshi ebenso. Die einzige Akteurin, welche niemanden verrÀt, ist Wanyu. Sie geht allerdings kaputt dabei.
Ein weiteres Thema, welche im Film nicht zu kurz kommt, ist die Heilung von Verletzungen, vom Verzeihen. Yanshi verzeiht Zhen, Deng, Dan Dan, Fang, Wanyu verzeiht Dan Dan.
Betreffend der Jiaozi-Szene habe ich eine eigene Theorie entwickelt, welche ich Zhang Yimou gerne unterbreiten wĂŒrde. Wanyu kocht fĂŒr den kranken Yanshi Jiaozi und bringt es ihm in dessen Wohnung. Es ist das einzige Mal, dass sie dort auftaucht. FĂŒr das Zubereiten von Jiaozi braucht es sehr viel Zeit. Das ist kein Gericht, welches man auf die Schnelle kocht, wenn es denn richtig gemacht wird. Jiaozi war fĂŒr mich immer ein sehr reiner, tiefer Ausdruck der Liebe einer Köchin fĂŒr den Bekochten. Zudem ist Jiaozi traditionell ein chinesisches Mahl, welches historisch zur Heilung eingesetzt wurde. In den Teig wurden HeilkrĂ€uter gelegt, um der KĂ€lte entgegenzuwirken. Es ist möglich, dass Yimou Jiaozi sehr bewusst als Symbol eingesetzt hat. Die Jiaozi-Szene hatte ich mir tief beeindruckt angeschaut und hielt es fĂŒr einen absoluten Geniestreich Zhang Yimous. Jedenfalls bin ich wohl der Einzige, dem dies aufgefallen ist oder dies so interpretiert hat, denn in keiner Besprechung wird diese Szene erwĂ€hnt. Meine Kontakte in China sagen mir eher, dass es möglich ist, dass ich hier zuviele Symbole reininterpretiere. Jiaozi sei ein völlig normales Mahl und stĂŒnde grundsĂ€tzlich fĂŒr nichts anderes als fĂŒr eine Speise. Allerdings sei das heilende Element tatsĂ€chlich bekannt und könnte als Symbol richtig sein. Die chinesischen Fachkreise waren von beiden meiner Annahmen jedenfalls nicht restlos ĂŒberzeugt. Ich wĂŒrde Zhang Yimou dennoch gerne darauf ansprechen.
Coming Home ist wie von vielen Kritikern angefĂŒgt, auch ein deprimierender, trauriger Film. Die Story lastet schwer auf der Leinwand. Als Hoffnungsschimmer taugen höchstens die Akzeptanz des Schicksals, das Leben im hier und jetzt. Sinnbildlich dafĂŒr die Schlussszene, als Yanshi im tiefverschneiten Bahnhof in seiner Rikscha zusammen mit Wanyu auf sich selber wartet. Er wirkt nicht unglĂŒcklich, was mir immerhin ein leichtes LĂ€cheln abtrotzte.
Persönlich halte ich Coming Home fĂŒr ein krass unterschĂ€tztes Meisterwerk. Psychologisch ist die Geschichte unglaublich fein und schlau erzĂ€hlt. Zhang Yimou verstand es, das Abtragen von psychischen VerschĂŒttungen sichtbar zu machen. ZurĂŒck blieb sowohl bei Lu als auch Yu ein reines, edles Ich. Höhepunkte des Filmes sind die vielfach umstrittene Klavierszene und das psychologische, ruhige Schlussfeuerwerk am Bahnhof.
Der Film ist zwar tatsĂ€chlich tieftraurig, aber wenn man ganz genau hinschaut, kann man einen nachhaltigen Trost erkennen. Coming Home ist eine sanfte cineastische Umarmung fĂŒr Verzweifelte, Hoffnungslose, Traurige, Verletzte. KĂ€lte und WĂ€rme spielen im Film eine grosse Rolle und am Ende bleibt eine seltsame WĂ€rme, welche das Herz und die Seele auf rĂ€tselhafte Weise angenehm umgibt.
Der Film ist bei Youtube zur Zeit in voller LĂ€nge mit arabischen Untertiteln zu sehen. Bei opensubtitles.org gibts einen englisch sprachigen Untertitel, 720p BluRay, der dazu passt.
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