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Wie haltet ihr euren Glauben am Leben?


Religionsstifter Jesus Christus.
Ich will hier keinem ans Bein pinkeln oder ihm den Spaß an seinem Glauben verderben, aber ich halte den Begriff "Religionsstifter" für Jesus schon für ziemlich interpretativ, ich würde sogar sagen falsch.
Historisch kann man wohl feststellen, dass es um die Zeitenwende etliche Wanderprediger in dieser Region - also am Rand des Imperium Romanum - gab. Einer davon hieß wohl Yeshua. Er wurde als gläubiger Jude geboren und starb auch als solcher. Man könnte ihm allenfalls einen Reformwillen bzgl. des Judentums unterstellen.
Tatsächlich war dieser eine Wanderprediger in einer Zeit unterwegs, in der es vor solchen nur wimmelte (gefällt mir ganz gut in Life of Brian). Und Yeshua scheint keineswegs einer der populärsten gewesen zu sein. Zumind. taucht er - bis jetzt - in keiner einzigen zeitgenössischen Quelle auf. Aus römischer Sicht also ganz klar ein Spinner von vielen. Berühmter waren Johannes der Täufer oder Judas der Galliläer oder etliche andere.
Es kamen halt 2 entscheidende Dinge - wie oben schon geschrieben einer der vielen mMn unglücklichen Zufälle - zusammen: die Juden - aus röm. Sicher monotheitische Spinner - waren in einer Phase der Endzeiterwartung d.h. der Messias sollte JETZT kommen. Und zweitens, stellten sich die Römer in der Besetzung dieses Gebiets selten dämlich an, eben weil ihnen der Glaube an einen Gott fremd war und ihnen die jüdischen Spezifika ziemlich egal. Die römische Besetzung befeuerte also die Radikalisierung bestimmter jüdischer Gruppen.
Warum setzte sich dann über die nächsten Jahrhunderte ausgerechnet jener Wanderprediger durch?
Naja, auch das ist wieder einigen Zufällen geschuldet. Sein unique selling point war der Glaube an ein Jenseits/Auferstehung/Vergebung der Sünden - Nächstenliebe ist mMn natürlich eine super Idee, aber eigentlich hier nur ein netter Bonus.
Das traf nun auf eine römische Welt in der laut neuerster Studien bis zu einem Drittel der Bevölkerung Sklaven gewesen sein könnten. Im Diesseits gab es für die nix zu gewinnen, aber ein Glaube, der die Erlösung im Jenseits versprach, war da natürlich super sexy. Dort und in der Unterschicht scheint sich dieser Glaube der "Loser" der Gesellschaft im Reich zuerst verbreitet zu haben.
Der Aspekt "Vergebung dere Sünden" wurde dann natürlich auch für die Römer - scheinbar zuerst viele Römerinnen - recht attraktiv, denn die Behandlung der übrigen Bevölkerung war ja offensichtlich. (Und ja, hier spielt Nächstenliebe dann natürlich schon eine Rolle)
Mit der Übernahme des Christentum zur Staatsreligion wird die ganze Nummer aber ganz klar zum Machtinstrument. Und in der Kombination mit der dem Monotheismus eigenen Überzeugung die Wahrheit zu kennen, spielte von jetzt Missionierung auch eine große Rolle.
Aber auch hier wurde das von den Herrschern doch in erster Linie als Machtinstrument und nicht aus Sorge um das Seelenheil der Missionierten betrieben.
Ich verstehe Aussagen wie
Kreuzzüge, Inquisition, Kindesmissbrauch, Machtmissbrauch, oder wie ich es erlebt habe falsche Gesetzlichkeit, das alles sind Dinge die durch Menschen geschehen sind, die die Institution Kirche/Religion für ihre eigenen Zwecke missbraucht haben
aber tatsächlich greifen sie mir persönlich doch zu kurz.
Machen wir uns doch folgendes bewusst: Die 3 großen monotheistischen Weltreligionen verehren im Grunde alle ein und den selben Gott. Der christliche Gott = Allah = Jahwe. Also der Typ mit Adam und Eva, dem Paradies, Abraham, Moses, Sintflut etc.
(Anmerkung: dieser eine Gott muss einen seltsamen Sinn für Humor haben, wenn er allen Gläubigen zB unterschiedliche Speisevorschriften gibt und die sich dann darüber die Köpfe einschlagen können...)
Und jetzt versuch ich mal ganz vorsichtig zu formulieren: Wenn ich mir anschaue, was diese 3 Religionen auf diesem Planeten in den letzten 1700-1500 Jahren so getrieben haben, da fällt es mir echt schwer ein Netto-Positiv auszumachen.
Natürlich gab es einzelne Leuchttürme wie Mutter Theresa. Keine Frage.
Aber so gut wie alle Verbrechen der Menschheit wurden seit dem eben auch mit dem jeweiligen Glauben aufgeladen oder sogar ganz legitimiert.
Vorsicht, ich behaupte nicht das Christentum/Judentum/der Islam seien an sich "böse", sondern dass monotheistische Religionen mit institutioneller Struktur / Kirche sich einfach ideal für Machtmissbrauch/Eroberung (inkl. Zwangsbekehrung) etc. benutzen lassen.
Und wenn man das dann global sieht, dann fallen die Missbrauchsfälle in Deutschland - so schrecklich die natürlich auch sind - kaum mehr ins Gewicht im Vergleich zu Holocaust, Sklavenhandel in der frühen Neuzeit, Unterwerfung und Zwangschristianisierung von Afrika, Süd- und Mittelamerika, Australien etc.
Wenn ich diese Woche Pete Hegseth reden höre oder sehe wie für Trump "gebetet" wird, will ich halt tatsächlich nur kotzen.
Es zeigt mir aber, dass auch heute diese Art von Glauben noch genau so missbraucht werden kann.
Und an dieser Stelle ist der mMn fromme - und natürlich nachvollziehbare - Wunsch, doch bitte den Glauben von der Institution Kirche zu trennen - und so die Entartungen der Vergangenheit quasi zu verhindern - ein Truschluss.
Hoffentlich war das jetzt nicht zu negativ. Aber es ist einfach ein Thema, dass mich seit langem beschäftigt.
 
Yeah, I know ;) Wollte durch die Nennung nur das Standardgegenargument entkräften.

Btw lassen sich auch polytheistische Religionen gut für Machtmissbrauch instrumentalisieren. Siehe Hinduisten in Indien und ihr Vorgehen gegen Muslime. Bzw. geht das sogar bei nicht-theistischen Religionen. Siehe Buddhisten in Myanmar und ihr Vorgehen gegen Muslime
 
@Grimon

Das Christentum basiert doch aber auf den Lehren von Jesus Christus. Natürlich ist der Ursprung (Abrahamitische Religion) gleich. Aber Jesus hat doch viele Dinge vom Alten Testament aufgehoben, erneuert (Auge um Auge, unreines Essen, Gesetzlichkeiten. Vieles aus dem alten Testament hat er auch zitiert um zu zeigen, das die Prophezeiung erfüllt wurde.
Letztendlich hat sich das Christentum aber auf seine Lehren begründet und wurde durch seine Nachfolger verbreitet. Deswegen finde ich schon kann man von Religionsstifter reden... Was aber dann die Römer daraus gemacht haben, als es Staatsreligion wurde, dass ist dann Macht, Instrumentalisierung und hat nicht mehr viel mit dem Ur-Christentum (Erste Gemeinden, Apostelgeschichte) zu tun.

Zum Netto-Positiv... ich finde auch hier, dass es das Werk des Menschen ist, die den Glauben missbraucht haben und immer noch tun (nicht alle). Deshalb finde ich es unerlässlich zu sehen, was eigentlich die wirklichen Lehren des Christentums sind. Sicherlich nicht, was viele Menschen über die Jahrtausende daraus gemacht haben.
 
Meine Mutter aus Süditalien war "gläubig", aber nicht besonders religiös, sie verstand es einfach nicht besser.
Mein Vater kam aus Istrien (Kroatien) und war auch "gläubig", aber nicht besonders religiös.
Beten gabs in der Wohnung nicht, ab und an ging Mutter zu Weihnachten in die Kirche...

Kurz: Kulturell hätte ich den "Irrglauben" mitbekommen können/müssen. Ich wurde getauft, weil ich mich nicht wehren konnte. Die Kommunion als Kind fand ich noch "egal", bei der Firmung ging ich noch zum Firmunterricht, fragte mich was ich da sollte und "verweigerte" die Beichte. Ich wählte Religion in im Anschluss sobald ich konnte ab und trat kurz nach dem Lehrbeginn aus der Kirche aus.

Ich glaube an die Evolutionstheorie. Einen Gott oder verschiedene gibt es nicht. Menschen brauchen das mMn oft eher als Hoffnungsanker. Glauben wird die Menschheit oder den Planeten aber nicht retten.
 
@maberlinho Ich will dir da echt nicht dreinreden oder deine Gefühle verletzen. Ich hoffe, dass kommt also nicht falsch rüber.
Aber da du mich direkt ansprichst, doch eine kurze Replik
Das Christentum basiert doch aber auf den Lehren von Jesus Christus.
Wäre mir als Aussage zu pauschal. Natürlich sind die Botschaften aus dem Neuen Testament zentral.
Aber wenn ich das Christentum als Weltreligion sehe, sind da zahllose Inhalte oder Praktiken, die nicht wirklich auf Jesu Lehren zurückgehen.
Ich bin kein Religionswissenschaftler, aber ich denke, die Sakramente spielen z.B. schon eine große Rolle im heutigen Christentum. Und z.B. die Ohrenbeichte (d.h. ich erzähle meine Sünden einem Priester) ist halt ganz klar eine Erfindung des Mittelalters.
Heiligenverehrung und Reliquienverehrung spielen im Christentum auch eine große Rolle. Kam beides auch erst im Mittelalter dazu. (OK, da ging's eher nicht um Macht, sondern um das Erzeugen von Tourismus und dadurch Einnahmen).
Ich könnte da jetzt lange weitere Punkte aufzählen, von denen ich denke, dass sie im Christentum eine wichtige Rolle spielen, die aber sicherlich nicht auf "Lehren" des originalen Wanderpredigers zurückgehen, aber ich denke mein Punkt diesbezüglich sollte jetzt schon klar sein.
Aber Jesus hat doch viele Dinge vom Alten Testament aufgehoben, erneuert
Wie gesagt, weil er - so weit man das historisch beurteilen kann - das Judentum reformieren wollte.
Was eigentlich ein Fortschritt war. In einer Gesellschaft in der Rache im Sinn von das Zurückzahlen eines Unrechts Norm/Gebot war, war das Konzept "Höchstens ein Auge für ein Auge - nicht mehr!" quasi ein Fortschritt und sollte Eskalation vermeiden. Es war ursprünglich also nicht als Aufforderung zur Gewalt gedacht.
Letztendlich hat sich das Christentum aber auf seine Lehren begründet und wurde durch seine Nachfolger verbreitet.
Puh. Das ist mir zu ...mhm... wie sag ich's am besten... OK, jetzt ganz vorsichtig: zu dünnes Eis was historisch belegbare Fakten betrifft. Die "Lehren" wurden so weit das die Quellen hergeben erst mal mündlich weitererzählt und die Evangelien dann wohl so ab 70 n. Chr. - über die nächsten 30 Jahre hin - aufgeschrieben.
Und wer sollen seine "Nachfolger" gewesen sein? Meinst du die "echten" 12 Apostel?
Da muss man mit den offiziellen Gräbern natürlich extrem vorsichtig sein.
Petrus und Paulus könnten da historisch zumind. "funktionieren" einfach weil die Fundsituation und Tradition in den historischen Rahmen passt.
Bei allen anderen wird's schon haarig. Oft tauchen die Gebeine im Mittelalter halt plötzlich auf und schwups hat man einen tollen Wallfahrtsort. Bei Santiago de Compostela funktioniert das ja bis heute. Sein Grab dort wurde aber erst im 9. Jahrhundert "entdeckt".
Deswegen finde ich schon kann man von Religionsstifter reden
Wie gesagt: Ja, die Religion geht auf ihn zurück. Aber eine neue Religion wollte er ziemlich sicher nicht begründen.
Was aber dann die Römer daraus gemacht haben, als es Staatsreligion wurde, dass ist dann Macht, Instrumentalisierung und hat nicht mehr viel mit dem Ur-Christentum (Erste Gemeinden, Apostelgeschichte) zu tun.
Puh. Das finde ich auch ganz schwierig. Die Konstantinische Wende war 313 n. Chr, ab da war das Christentum erlaubt und ab 380 dann Staatsreligion. (Fun fact, des Kaisers Mama reiste damals selber ins Heilige Land und - surprise - fand praktischerweise gleich das Original-Kreuz der Hinrichtung.)
Das von dir erwähnte Ur-Christentum hat mMn mit der Weltreligion von heute ziemlich wenig zu tun.
 
@Grimon
Nein, alles gut. Ich finde du schreibst verständlich, sachlich und ohne mich persönlich anzugehen. Auch finde ich, dass wir bei der Definition gar nicht soweit auseinander liegen.
Für mich haben all die (vor allem katholischen) Dinge die du aufgezählt hast und die nichts mit der Lehre des Wanderpredigers zu tun haben, absolut keine Bedeutung. Darüber definiere ich auch nicht das Christentum.

Jesus war aber mehr als nur ein Wanderprediger. Er hat von sich behauptet Gottes Sohn zu sein. Er hat sich ins Zentrum seiner Lehren gestellt: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich." ; "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Damit hatte er schon eine vom jüdischen Glauben (u.a. Gesetzeserfüllung, Gott Opfer bringen) losgelösten Weg beschritten, auf den das Christentum begründet ist.

Wenn man so will bin ich dann auch kein Anhänger des Christentums, wie es vor allem von der katholischen Kirche, aber auch von der evangelischen Kirche praktiziert wird.
Ich glaube es ist ein Unterschied das Christentum als Kulturgut zu sehen oder es nach dem Vorbild Jesus versuchen auszuleben. Was über die Jahrtausende entstanden ist, da gebe ich dir recht, hat nicht mehr alles mit der Lehre von Jesus Christus zu tun.
 
Wenn man seinen Glauben ‚am Leben erhalten‘ muss, dann ist das schon keine sehr gute Voraussetzung. 😄 Das klingt danach, als müsse man sich selbst irgendwie überzeugen.

Vertreuen ist etwas Schönes, aber ich würde nichts Glauben, was nicht auf Selbsterfahrung beruht. Aber wenn eine Glaubenspraktik dazu führt, dass jemand tatsächlich ein besseres Leben führt, dann macht die Person etwas richtig. Daran sollte sich jede Religion, Geisteshaltung etc. messen.
 
Ich glaube es ist ein Unterschied das Christentum als Kulturgut zu sehen oder es nach dem Vorbild Jesus versuchen auszuleben. Was über die Jahrtausende entstanden ist, da gebe ich dir recht, hat nicht mehr alles mit der Lehre von Jesus Christus zu tun.

sus war aber mehr als nur ein Wanderprediger. Er hat von sich behauptet Gottes Sohn zu sein. Er hat sich ins Zentrum seiner Lehren gestellt: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich." ; "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Damit hatte er schon eine vom jüdischen Glauben (u.a. Gesetzeserfüllung, Gott Opfer bringen) losgelösten Weg beschritten, auf den das Christentum begründet ist.

Vorab: Ich finde es gut, wenn man sein Leben "nach Jesus" ausrichtet, im Sinne davon, dass man - verkürzt gesagt - Nächstenliebe lebt.

Aber man sollte schon nicht ganz außer Acht lassen, wie das Evangelium und das Neue Testament entstanden ist. Die ersten Schriften über Jesus sind uns knapp 40 Jahre(?) nach seinem Ableben bekannt. Jetzt kann man natürlich überlegen, wie es wäre, wenn man heute im Jahr 2026 eine Geschichte eines Menschen zusammenfassen würde, der von 1956-1986 gelebt hat. Und als Basis hat man ausschließlich mündliche Überlieferungen. Wie vertrauenswürdig wären solche Geschichten?

Über die Jahre wurde die Bibel ja zighaft noch mal angepasst und übersetzt etc. Also natürlich hast du als "Jesus-Gläubiger" (ist nicht negativ gemeint, wollte nur einen prägnanten Begriff nehmen) die Kirche gebraucht, damit du heute überhaupt diese Lehren kennst. Und selbst wenn man den kirchlichen Lehren abschwören würde und sagt, dass man möglichst weit an die vermeintlichen Originalquellen rangeht, so bleibt dennoch eben nur das Wort des Menschen. Und (jetzt meine eigene Logik) dieses Wort kann kaum direkt von Gott kommen, sonst würde es in dem Buch nicht so viele Widersprüche geben und unterschiedliche Fakten bzgl. der gleichen Geschichte (Evangelienunterschiede bspw.)
 
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