An sich: der Bundestrainer soll nominieren, wen er für richtig hält. Und wenn es der Ersatzspieler ist, der dem Stammspieler vorgezogen wird - dann hat das hoffentlich einen Plan. Und wenn man bspw. und höchst hypothetisch einen Weltklassestürmer daheim lassen muss, weil man schon zwei dabei hat, geht es halt nicht anders. Alles fein.
Nur hat Nagelsmann ja selbst den (unter den Vorgängern oft vermuteten) Pfad der Trainerlieblinge und vorgezogenen Spieler verlassen, Leistung wieder als wichtiges Kriterium und andere genannte Schlagwörter als Notwendigkeit implementiert, hat den Hype um diesen frischen Wind bewusst mitgenommen, hat Spieler öffentlich in die Pflicht genommen, die nicht nach dieser Maßgabe abliefer(te)n.
Ob das ein Kommunikationsfehler ist oder ob er grundsätzlich so naiv war, zu glauben, dass ihn die typischen Mechanismen rund um einen Bundestrainer und seine Auswahl nicht einholen werden?
Dazu dann noch Nebenkriegsschauplätze wie die Nummer mit Undav und ich frage mich, ob der Trainer Nagelsmann vielleicht in Bezug auf die Reife nicht einen Schritt vor der Person Nagelsmann ist.
Das ist für mich eben der wesentliche Punkt. Natürlich würde ich nicht jede sportliche Entscheidung so treffen wie JN, aber dafür ist er BT. Das Problem sind nicht die Entscheidungen an sich, die lassen sich, jeder für sich, schon begründen - sondern wie er das kommuniziert bzw nicht kommuniziert.
De facto galt ter Stegen bis Mitte Februar als Nr.1 für die WM, wenn er nur irgendwie auf ein paar Spiele kommt und gesund ist. Dann kam der endgültige Ausfall und erst
dann wurde Baumann zur Nr.1 ausgerufen (obwohl er auch schon da die WM-Quali als Nr.1 bestritten hatte). Genaugenommen war Baumann nur für 2 LS (die im März) der auserwählte WM-Keeper. Das lässt eine Rückkholaktion für Neuer in der Sache durchaus zu, man hätte das mit guter Kommunikation und vor allem offensiver auch verkaufen können.
Es fühlt sich aber an, als würde mit Baumann ein TW aus dem Nichts degradiert, der 2 Jahre als klare Nr.1 für die WM galt. Und das ist natürlich der mangelhaften bis ungenügenden Kommunikation geschuldet.
Und das gilt eben für so viele von Nagelsmanns Enstcheidungen. Natürlich kann er trotz Eskapaden an Rüdiger festhalten. Natürlich kann er Sane trotz mäßiger Saison bei Gala berufen. Natürlich kann er einen anderen MS-Typ als Undav für die Stammelf bevorzugen. Und natürlich kann er auch Neuer zurückholen, auch kurz vor der WM. Das sind Entscheidungen, die ich zum großen Teil nicht so treffen würde, aber das lässt sich alles begründen.
Aber nicht, wenn man vorher medial so vorprescht, wie JN es nunmal ständig tut, und Maßstäbe und Vorgaben in die Welt setzt, die er selbst dann nicht einhält. Teilweise auch gar nicht einhalten oder durchhalten kann.
Das ist für mich das Kernproblem, nicht die Entscheidungen in der Sache. Und die Gefahr ist natürlich immens, dass das zu Lasten des Teamzusammenhalts geht. Kann auch alles aufgehen, aber das Risiko ist definitiv da und es ist komplett unnötig und hausgemacht.
Ich finde die Erfahrung lehrt, dass Vorbereitung und Teamchemie vor und bei Turnieren immer der wesentliche Faktor bei der deutschen NM waren. 2008, 2010, 2014, 2016 und 2024 war das gut und entsprechend gut waren auch die Turniere. 2012, 2018, 2021 und 2022 gab es immer irgendwelche atmosphärischen Störungen, die sich auch auf die Leistung auswirkten. 2006 sehe ich als absoluten Sonderfall: da gab es im Vorfeld jede Menge Störungen von außen, die man aber zu einer Wagenburgmentalität für sich nutzen konnte.
So gesehen sind die Aussichten für die WM alles andere als gut und ich persönlich habe im Moment auch kein allzu gutes Gefühl, völlig unabhängig von der individuellen Qualität im Kader, dem Spielplan, etc.