Nachdem am Samstag die Spieler nach und nach eingetrudelt sind und nun die Medicals anstehen, wäre doch ein guter Zeitpunkt eine erste Bilanz der Offseason zu machen. Wo stehen unsere Baskets im Vergleich zur restlichen Liga?
Zunächst: Die Fitness First Würzburg Baskets beginnen die Saison 2026/27 aus einer Position, die vor einigen Jahren noch außergewöhnlich gewesen wäre, inzwischen aber beinahe zum neuen Anspruch des Standorts gehört.
Würzburg beendete die vergangene Hauptrunde auf dem fünften Tabellenplatz und gehörte damit zum dritten Mal in Folge zu den besten sechs Mannschaften der BBL.
Im Viertelfinale folgte eine äußerst enge Serie gegen die Telekom Baskets Bonn. Würzburg gewann zwei Spiele, unterlag im entscheidenden fünften Duell im Telekom Dome aber mit 63:66. Die Saison endete damit in einer Serie, in der wenige Ballbesitze über den Einzug ins Halbfinale entschieden haben.
Dieser Kontext ist wichtig für die Saison 26/27. Die neue Mannschaft muss sich vielmehr an einem Vorgänger messen lassen, der in der BBL zur erweiterten Spitze gehörte und auch international konkurrenzfähig war. Auch wenn die Erwartungshaltung schon defensiver formuliert wurde, wird der neue Kader mit den Teams der letzten Jahre verglichen werden.
Der personelle Umbruch ist größer, als es die Zahl der sieben Neuverpflichtungen zunächst vermuten lässt. Die defensive und kulturelle Grundstruktur wurde teilweise erhalten. Die offensive Hierarchie dagegen muss fast vollständig neu entstehen.
Der Verein hat fünf Rückkehrer ausdrücklich als Bestandteil des Kaders 2026/27 bestätigt:
- Charles Thompson
- Alen Pjanic
- Lukas Herzog
- Leo Saffer
- Marko Petric
Stand 3. August 2026 liegt keine gesonderte Vereinsmeldung vor, mit der Skladanowskis Vertrag oder seine Zugehörigkeit zum neuen BBL-Kader offiziell bestätigt wurde. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Skladanowski gemeinsam mit dem Team in die Vorbereitung startet.
Sein wahrscheinlicher Verbleib ist dabei sportlich durchaus relevant.
Skladanowski war in der Vorsaison nicht nur ein Perspektivspieler am Ende der Bank, sondern zeitweise Bestandteil der Startformation. Unter der Annahme, dass er bleibt, gibt er Würzburg zusätzliche Größe, Athletik und defensive Flexibilität auf dem Flügel. Vor allem erhöht er den Floor der deutschen Rotation.
Die Abgänge sind:
- Marcus Carr nach Bologna
- Davion Mintz nach Dubai
- Brae Ivey (unbekannt)
- Johnathan Stove nach Rostock
- David Muenkat nach Hamburg
- Eddy Edigin Jr. nach Braunschweig
Carr war der primäre Organisator der Offensive und der Spieler, der am häufigsten einen ersten Vorteil erzeugen konnte. Er kontrollierte Pick-and-Roll-Situationen, kam an die Freiwurflinie und konnte auch spät in der Wurfuhr noch einen brauchbaren Abschluss herstellen.
Mintz war der zweite zentrale Shot Creator. Er verband hohes Dreierpotenzial mit Pull-up-Scoring und der Fähigkeit, schwierige Würfe gegen eine bereits organisierte Verteidigung zu treffen.
Ivey gab dem Team einen weiteren Ballhandler, einen physischen Guard-Verteidiger und zusätzliche Entlastung in der Spielorganisation. Stove und Muenkat waren keine dominanten Offensivspieler, aber wichtige Verbindungsspieler, die verteidigen, physisch dagegenhalten und kleinere Vorteile verwerten konnten. Edigin brachte Erfahrung, Energie und eine klar definierte Backup-Rolle im Frontcourt ein.
Der zentrale Verlust besteht deshalb mindestens in drei Bereichen:
- nachgewiesene BBL-Creation.
- eine klare offensive Hierarchie
- defensive Physis im Backcourt und auf dem Flügel.
Neu verpflichtet wurden:
- Kenny Dye
- Sam Griffin
- Max Jones
- Eddie Colbert III
- Calvin Wishart
- Brandon Tischler
- Marvin Ogunsipe
Würzburg scheint die offensive Verantwortung auf mehr Spieler verteilen zu wollen.
Kenny Dye kommt nach drei Profijahren in Europa aus Rumänien. Bei Steaua Bukarest war er mit 16,8 Punkten der zweitbeste Scorer und mit 4,5 Assists der beste Vorlagengeber seiner Mannschaft.
Er soll voraussichtlich die nominelle Point-Guard-Rolle übernehmen. Sein Profil unterscheidet sich aber von Carr. Dye wirkt weniger wie ein physisch dominanter Pick-and-Roll-Guard und stärker wie ein kontrollierter, wurfstarker Spielmacher, der seine Entscheidungen aus dem Rhythmus der Offensive heraus trifft.
Entscheidend ist, ob er gegen BBL-Verteidigungen konstant genügend Druck auf den ersten Verteidiger und die gegnerische Helpside ausübt.
Bei Sam Griffin ist die vorgesehene Rolle besonders eindeutig. Sportdirektor Kresimir Loncar bezeichnete ihn ausdrücklich als Spieler, der die Position und Funktion von Davion Mintz übernehmen soll.
Griffin erzielte in der türkischen BSL 12,5 Punkte in knapp 21 Minuten und traf 44 Prozent seiner Dreier. Zuvor spielte er in Griechenland und kurzzeitig in der spanischen ACB.
Er ist damit der Würzburger Neuzugang mit dem stärksten bisherigen Nachweis in hochwertigen europäischen Ligen. Griffin kann aus dem Dribbling werfen, ohne Ball gefährlich sein und sich eigene Abschlüsse erarbeiten.
Trotzdem ersetzt er Mintz nicht automatisch. Eine starke Dreierquote in einer kompakten Rolle ist etwas anderes als die dauerhafte Verantwortung, in engen BBL-Spielen 25 bis 30 Minuten lang primärer oder sekundärer Creator zu sein.
Max Jones ist ein 1,93 Meter großer Linkshänder, der laut Würzburger Einschätzung alle drei kleinen Positionen spielen kann. Für Manchester erzielte er 17,2 Punkte in der britischen Liga und 20,0 Punkte in der ENBL. Im ENBL-Finale kam er auf 36 Punkte.
Er bringt Physis, Selbstvertrauen und eigene Wurferzeugung mit. Gleichzeitig ist seine Übertragbarkeit auf BBL Niveau besonders schwer einzuschätzen.
In offensiver Hinsicht kann Jones Würzburg genau das geben, was nach den Abgängen von Carr und Mintz fehlt: einen Spieler, der unabhängig vom System einen Abschluss erzeugt. Defensiv muss sich zeigen, ob er größere BBL-Flügel dauerhaft kontrollieren kann.
Jones besitzt wahrscheinlich die größte Spanne zwischen Floor und Ceiling innerhalb der voraussichtlichen Starting Five.
Eddie Colbert III kommt aus der BNXT League, in der er für Aalst 16,7 Punkte und 7,5 Rebounds erzielte und 40 Prozent seiner Dreier traf. Würzburg beschreibt ihn primär als Power Forward, der zugleich auf beiden Flügelpositionen eingesetzt werden kann.
Seine Verpflichtung verändert das Profil der Mannschaft. Mit Colbert kann Würzburg den Power-Forward-Spot mit einem echten Distanzschützen besetzen und Charles Thompson dadurch mehr Raum für Screens, kurze Rollbewegungen und Abschlüsse am Ring geben.
Seine offensive Passung erscheint logisch. Die offene Frage betrifft seine Verteidigung: Kann er physisch gegen etablierte BBL-Power-Forwards bestehen, beim defensiven Rebound helfen und im Pick-and-Roll mindestens neutral bleiben?
Calvin Wishart kehrt nach einer starken ProA-Saison aus Koblenz zurück. Dort kam er auf 14,9 Punkte, 5,5 Assists und 3,6 Rebounds und traf 40,5 Prozent seiner Dreier. Er kennt Würzburgs Philosophie und das Training unter Filipovski bereits aus seiner ersten Zeit am Standort.
Das reduziert sein Integrationsrisiko. Wishart dürfte als zweiter Point Guard beginnen, hat aber das Potenzial, auch gemeinsam mit Dye eingesetzt zu werden. Dadurch könnte Würzburg häufiger mit zwei echten Ballhandlern spielen als in der Vorsaison.
Seine ProA-Produktion ist noch kein Beleg dafür, dass er auf BBL-Niveau dieselbe Verantwortung tragen kann. Sie zeigt aber, dass er sich in einer größeren Rolle weiterentwickelt hat.
Brandon Tischler ist wahrscheinlich die sicherste Neuverpflichtung hinsichtlich der unmittelbaren BBL-Übertragbarkeit.
Er bringt mehrere Jahre BBL-Erfahrung, Größe, Rebounding und die Fähigkeit mit, verschiedene Flügelpositionen zu verteidigen. Würzburg bezeichnet ihn als einen der besten Verteidiger der Liga und sieht offensiv weiteres Entwicklungspotenzial.
Tischler kann besonders wichtig werden, weil die offensiv stärkste mögliche Würzburger Startformation nicht automatisch die beste defensive Formation sein muss. Gegen große oder besonders gefährliche Wings ist eine Starting-Rolle Tischlers anstelle von Jones oder Griffin durchaus vorstellbar.
Er gibt Filipovski damit die Möglichkeit, je nach Gegner zwischen Creation, Shooting und Verteidigung zu gewichten.
Marvin Ogunsipe bringt 106 BBL-Spiele, Physis und Erfahrung als deutscher Big Man mit. Seine Verpflichtung hätte Würzburg grundsätzlich eine stabile Frontcourt-Absicherung hinter Thompson gegeben.
Der Verein teilte bei seiner Verpflichtung allerdings ausdrücklich mit, dass Ogunsipe nach einer Verletzung zunächst nicht zur Verfügung steht. Ein verbindlicher Zeitpunkt für seine Rückkehr wurde nicht genannt.
Das ist für die Floor-Bewertung relevant. Solange Ogunsipe fehlt, ist die nominelle Tiefe auf den großen Positionen größer als die tatsächlich verfügbare Tiefe.
Thompson ist nicht nur der beste verbliebene Würzburger Einzelspieler. Er ist das strukturelle Zentrum des neuen Kaders.
Defensiv kann er den Ring schützen, im Pick-and-Roll unterschiedliche Deckungen spielen und kleinere Spieler zumindest zeitweise übernehmen. Offensiv benötigt er keine hohe Usage, um Einfluss zu nehmen. Er setzt Screens, schließt effizient ab, passt aus kurzen Rollbewegungen und kann zusätzliche Ballbesitze über Rebounds erzeugen.
Das neue Würzburger Spacing könnte ihm offensiv sogar besser entgegenkommen als manche Formationen der Vorsaison. Gleichzeitig darf die Mannschaft nicht den Fehler machen, seine Vielseitigkeit mit unbegrenzter Belastbarkeit gleichzusetzen. Besonders solange Ogunsipe fehlt, wäre eine zu große Abhängigkeit von Thompson riskant.
Der zweite Fixpunkt: Sasa Filipovski
Der größte Würzburger Kontinuitätsvorteil sitzt an der Seitenlinie.
Filipovski verlängerte seinen Vertrag im März bis 2029. Er steht seit Ende 2021 in Würzburg und hat mehrfach gezeigt, dass er neue Kader schnell strukturieren, Rollen definieren und Spieler weiterentwickeln kann.
Gerade im Vergleich mit Teams, die gleichzeitig Trainer, System und große Teile des Kaders wechseln, ist das ein erheblicher Vorteil.
Filipovski kennt Thompson, Pjanic, Herzog und die übrigen Rückkehrer. Wishart kennt wiederum bereits die Würzburger Trainings- und Spielphilosophie. Tischlers defensives Profil passt grundsätzlich zum bisherigen Ansatz.
Das garantiert keinen Erfolg. Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Würzburg früher als einige direkte Konkurrenten eine funktionierende defensive Grundordnung und klare Rollen besitzt.
Schon am 12. September reist die Mannschaft nach Bulgarien. Vom 14. bis 20. September muss Würzburg im Qualifikationsturnier bis zu vier K.-o.-Spiele gewinnen, um erneut die Basketball Champions League zu erreichen. Bei einem Scheitern würde die Mannschaft im FIBA Europe Cup antreten.
Das hat zwei Seiten.
Positiv ist, dass die neue Mannschaft sehr früh unter Wettbewerbsdruck eine Hierarchie entwickeln muss. Die BCL-Qualifikation kann das Zusammenwachsen beschleunigen.
Negativ ist, dass kaum Zeit für eine langsame Integration bleibt. Dye, Griffin, Jones und Colbert müssen ihre Rollen beinahe sofort finden. Zudem trifft Würzburg gleich zum Auftakt auf Manchester Basketball, also den früheren Verein von Max Jones.
Die frühe Qualifikation ist deshalb nicht nur ein Zusatztermin. Sie ist der erste echte Belastungstest der gesamten Kaderkonstruktion.
Aber was ist nun zu erwarten?
Der Floor tritt ein, wenn:
- Dye gegen aggressive BBL-Verteidigungen nicht konstant genug Vorteile erzeugt,
- Griffin zwar effizient wirft, aber keine größere Creation-Rolle tragen kann,
- Jones defensiv gezielt attackiert wird,
- Colberts Produktion aus der BNXT League nur teilweise übertragbar ist,
- Wishart noch Zeit für den Sprung von der ProA benötigt,
- Ogunsipe länger fehlt,
- und keine klare Crunchtime-Hierarchie entsteht.
In diesem Szenario bleibt Würzburg wegen Thompson, Filipovski, der deutschen Rotation und der grundsätzlichen Tiefe konkurrenzfähig. Die Mannschaft könnte aber in engen Spielen deutlich schwächer abschneiden als der Vorgänger.
Vorläufiger Floor: Kampf um die Play-Ins.
Im wahrscheinlichsten Szenario übertragen nicht alle Neuzugänge ihre bisherige Produktion vollständig, aber mehrere Spieler erfüllen ihre vorgesehenen Rollen.
Dye organisiert verlässlich, ohne Carrs individuelle Dominanz zu erreichen. Griffin wird ein wichtiger Scorer und Schütze. Jones produziert offensiv, bleibt aber wechselhaft. Colbert gibt dem Team das gewünschte Spacing. Thompson gehört weiterhin zu den besten Centern der Liga. Tischler, Herzog, Pjanic und Wishart stabilisieren die Rotation.
In diesem Verlauf ist Würzburg nicht zwingend spektakulärer oder individuell stärker als im Vorjahr. Die Mannschaft könnte aber tiefer, ausgeglichener und weniger leicht auf ihre Guards zu reduzieren sein.
Realistischer Korridor: Direkte Playoff-Qualifikation.
Für das Ceiling wären vier positive Entwicklungen notwendig:
1. Dye überträgt seine Effizienz und wird zu einem verlässlichen BBL-Starting-Point-Guard.
2. Griffin bestätigt seine Produktion auch mit größerer Verantwortung.
3. Mindestens einer aus Jones und Colbert entwickelt sich zu einem überdurchschnittlichen BBL-Starter.
4. Die deutsche Rotation um Tischler, Pjanic, Herzog, Wishart und den voraussichtlich verbleibenden Skladanowski gibt Würzburg einen klaren Tiefenvorteil.
Dann könnte das Team offensiv schwerer auszurechnen sein als der Vorgänger. Thompson würde von besserem Spacing profitieren, während Filipovski aus einer tiefen Rotation unterschiedliche defensive Formationen entwickeln könnte.
Vorläufiges Ceiling: Top Four der Hauptrunde und Halbfinale.
Für noch mehr müsste Würzburg einen echten primären Creator auf Spitzenniveau entwickeln. Das könnte Griffin sein, möglicherweise Dye oder im überraschendsten Szenario Jones. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Potenzial vorhanden, der Nachweis aber noch nicht.
Um Vergleiche mit anderen Teams zu schaffen, ist die Baseline festzuhalten. Würzburg besitzt:
- einen der besten Center der Liga
- einen etablierten und langfristig gebundenen Headcoach
- eine tiefe und vielseitige Rotation
- mehrere Schützen
- mehr verteiltes Ballhandling
- interessante Entwicklungsmöglichkeiten
- eine wahrscheinlich starke deutsche Bank
Würzburg fehlt bislang:
- ein nachgewiesener BBL-Lead-Guard
- eine sichere Crunchtime-Hierarchie
- Gewissheit über die defensive Stabilität der offensiv stärksten Formation
- kurzfristige Planungssicherheit bei Ogunsipe
Das Gesamtfazit der Offseason der Baskets lautet für mich daher:
Würzburg hat keinen eindeutig stärkeren, sondern einen anders konstruierten Kader als in der Vorsaison. Der neue Aufbau besitzt mehr Breite und kollektives Entwicklungspotenzial, aber weniger nachgewiesene Spitzen-Creation. Der Floor bleibt wegen Thompson, Filipovski und der Rotation vergleichsweise hoch. Ob Würzburg erneut zur oberen BBL-Gruppe gehört, entscheidet sich vor allem daran, ob aus den vielen interessanten offensiven Optionen eine klare Hierarchie für enge Spiele entsteht.