Da müsste man erstmal definieren was Topform und Normalform überhaupt ist. Wann ist es ein eher mäßiger Tag von Alcaraz/Sinner gewesen und wann ein richtig schwacher? Wenn Alcaraz und Sinner in Topform sind, dann kann Zverev sie wahrscheinlich nicht schlagen ja, aber ich tue mich schwer mit solchen absoluten Aussagen, weil Sport meist komplexer ist. Was ich mit der Formulierung "aus eigener Kraft schlagen" meine, ist, dass Zverev die Waffen und das Spiel hat, um gegen Sinner und Alcaraz auch dann gewinnen zu können, wenn sie keinen schlechten Tag haben. Er kann sie schlagen, wenn sie einen durchschnittlichen Tag haben und damit setzt sich Zverev schon von ganz, ganz vielen anderen Spielern ab.
Und überhaupt, wer legt eigentlich fest, ob das Level von Alcaraz/Sinner jetzt Topform, Normalform, mäßig, schwach oder was auch immer ist? Wenn man Spiele von ihnen sieht, kann man das im Optimalfall ganz gut einschätzen, aber auch dann gibt keinen objektiven Messwert dafür. Genau an solchen Dingen entfachen sich ja auch immer die großen Diskussionen wenn es um die Einschätzungen von Karriereleistungen geht, siehe GOAT-Debatte usw. Selbst innerhalb eines Matches kann ein Spieler nur selten die ganze Zeit Topform abrufen.
Bei den FO 2024 und den AO 2026 war es ja zwischen Zverev und Alcaraz sehr sehr knapp. Gerade bei den AO war Alcaraz wirklich stark drauf. Der ist da völlig bequem ins HF durchmarschiert und Zverev war trotzdem sehr nahe dran ihn zu schlagen. Das spricht schon mal sehr für die Qualität von Zverev.
Ich bestreite ja nicht, dass die Umstände bei diesen zwei GS Zverev wirklich entgegenkamen. Wenn man sich das FO-Draw ansieht und es mit allen anderen FO-Draws in diesem Jahrtausend vergleicht, dann war das eine historische Chance und Zverev hat sie genutzt, wobei es in den frühen 2000er echt auch die ein oder andere bessere Gelegenheit in RG gab. Und natürlich gehört auch ein bisschen "Glück" (das Wort mag ich in dem Kontext eigentlich nicht) dazu, wie
@Hans Meyer auch schon geschrieben hat, der Zverev von RG 2024 hätte die FO-2026 wohl auch gewonnen. Der Ruud von 2022/2023 hätte diese FO wahrscheinlich auch gewonnen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Zverev nicht zu den Spielern gehört, die nur unter solchen Umständen einen GS gewinnen können. Bei Ruud war damals fast klar, er kann eigentlich nur gewinnen wenn Nadal oder Djokovic einen schlechten Tag haben oder körperlich nicht ganz auf der Höhe sind, ansonsten sieht er kein Land. Da ist Zverev von seinen spielerischen Möglichkeiten einfach eine andere Nummer. Er hätte von der Qualität her beispielsweise die FO auch mit einem Sieg über Spieler wie Murray oder Del Potro gewinnen können. Erstens hatte er schon vorher viel zu viele Erfolge und zweitens habe ich schon so viele Matches von Zverev gesehen, wo er mit absolut starkem Tennis die besten der Besten geschlagen hat. Wenn ich nur an den einen Finals-Auftritt von ihm gegen Djokovic 2018 denke oder das Olympia-HF gegen Djokovic oder auch den Sieg gegen Federer 2017 in Montreal. Und da gibt es ja so so viele Matches von ihm über die Jahre. Die 2 GS-Titel sind jetzt einfach passend für die Karriere von Zverev und ich würde schon sagen, dass er damit einen Platz in den Geschichtsbüchern hat, auch wenn das in Deutschland vielleicht nicht mehr so rüberkommt, weil Tennis hier nicht mehr den Stellenwert von früher hat, was bedauerlich ist.