Wie geht es Ihnen in den ersten Monaten in der Profisport-Pension? Dominic Thiem: Sehr gut. Es hat schon einige Zeit gedauert, bis ich es gewöhnt war, nicht mehr in der Früh trainieren zu gehen, aber ich bin mittlerweile sehr gut angekommen im neuen Alltag.
Der wie aussieht? Ich bin oft im Büro (von Thiem Energy, einer Energiegemeinschaft, Anm.) und auch viel unterwegs, tausche mich mit allen möglichen Experten über erneuerbare Energie aus, lese sehr viel über das Thema und versuche auch generell, über das Unternehmertum viel zu lernen.
Was wollen Sie hier erreichen? Am Ende will ich sagen können, dass wir es geschafft haben, sauberen Strom zu fairen Preisen anzubieten. Wir wollen die Gemeinschaft so groß wie möglich machen, so viele Unternehmen wie möglich dafür gewinnen und den aktuellen Photovoltaikstrom künftig vielleicht mit anderen erneuerbaren Quellen erschließen. Wir wollen es Schritt für Schritt ausbauen mit einem Energiemanagementsystem. Ich stehe noch am Anfang des neuen Kapitels und Nachhaltigkeit ist mehr als nur erneuerbare Energie. Möglicherweise stellen wir uns einmal auch breiter auf mit den Bereichen Gesundheit und Ernährung. Aber das ist noch ein weiter Weg mit viel Arbeit vor uns. Immer unter dem Aspekt, der Gesellschaft und dem Planeten etwas zurückzugeben.
Öffnet Ihr Bekanntheitsgrad viele Türen? Ich kann das auf jeden Fall nützen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Und ja, es stößt Türen wahrscheinlich etwas leichter auf, aber ich muss es auch schaffen, dann durchzugehen. Das ist die große Herausforderung.
Was zum Beispiel? Vorträge zu halten zu einem Thema, das für mich immer noch relativ neu ist, mit dem ich mich erst seit sieben, acht Monaten intensiv befasse. Im Vergleich dazu fällt es mir natürlich sehr leicht, wie zuletzt, beim Kongress des Deutschen Tennisbunds zu referieren. Das hat doch bis vor Kurzem mein Leben bestimmt.
Wie intensiv eigentlich jetzt noch? Es wird mich immer sehr interessieren. Jetzt aus der Sicht des Fans hebt sich für mich ein Grand Slam noch mehr von den anderen Turnieren ab als früher. Dafür nehme ich mir so viel Zeit wie möglich. Aber ich weiß nach wie vor alle Ergebnisse bis zu den Junioren. Ich will einfach up to date sein.
Was oder wer hat Sie heuer am meisten beeindruckt oder überrascht? Der Einzige, der mich überrascht hat, ist (der 18-jährige Brasilianer) João Fonseca. Diese Vorhand ist außergewöhnlich, so schnell und technisch brillant. Alles andere hat man kommen sehen: Jannik Sinner gegen Sascha Zverev im Australian-Open-Finale. Auch der erste große Titel von Jack Draper jetzt in Indian Wells. Sogar Mirra Andrejewa, obwohl es natürlich unglaublich ist, mit 17 solche Turniere zu gewinnen.
Sie haben Jannik Sinner in Monte Carlo getroffen. Auch über den Dopingfall gesprochen? Wir haben über alles Mögliche gesprochen, darüber aber nicht. Grundsätzlich genieße ich es jetzt sehr, ehemalige Kollegen ganz anders kennenzulernen. Das war früher wegen des Konkurrenzdenkens fast nicht möglich.
Wie beurteilen Sie den Fall Sinner? Ich habe gehört, dass die nachgewiesene Dosis so gering war, dass es zu keiner Leistungssteigerung führen kann. Aber ich habe mich insgesamt nicht so damit beschäftigt, dass ich mehr dazu sagen kann und will.
Wie viel spielen Sie selbst noch? Ich spiele viel Fußball, eigentlich wann immer es möglich ist. Das macht Spaß, hilft, fit zu bleiben, und ist ein guter Ausgleich nach anstrengenden Tagen. Sonst gehe ich laufen und ins Fitnessstudio, damit ich mein Gewicht halte. Tennis spiele ich im Moment wenig, so ein, zwei Mal im Monat mit dem Nachwuchs aus der Akademie (seines Vaters Wolfgang, Anm.).
Also schon mit den nächsten Thiems? Thilo Behrmann ist ein junger, hoffnungsvoller Spieler. Aber natürlich hat er noch einen sehr weiten Weg vor sich.
Und wie beurteilen Sie die Situation im heimischen Tennis? Österreich wartet auf jemanden, der oder die bei den größten Turnieren dabei ist.Wir haben sicher einige, die mittelfristig Top 100, also bei den Grand-Slam-Turnieren im Hauptbewerb sein können. Und das wäre schon großartig. Lukas Neumayer, Joel Schwärzler oder Sinja Kraus und Lilli Tagger haben sicher alle das Potenzial dazu.
Und Sebastian Ofner. Was trauen Sie ihm beim Comeback zu? Natürlich Ofi auch. Den zähle ich gar nicht da dazu, weil er schon Top 40 war. Es ist ein Vorteil, dass er die Situation schon kennt, es schon zwei Mal gut gemeistert hat. Ich halte es für möglich, dass er in zwei, drei Monaten wieder auf diesem Niveau ist.
Was wünschen Sie sich generell für das Tennis in Österreich? Ich habe mich in letzter Zeit mit vielen Leuten unterhalten über das Grundproblem, wie Tennis allgemein gesehen wird. Ich denke, es gibt keinen Sport, der so eine große Bekanntheit hat und von dem andererseits so wenige Profis leben können. Spieler um die 200 bis 300, in dem Bereich haben wir einige, spielen großartig, bekommen aber nicht die öffentliche Anerkennung. Eine größere Präsenz, auch wenn wir keine Top-10-Spieler haben, würde ich mir wünschen.
Mit Ihrem Comeback wäre die schlagartig wieder da. Haben Sie noch gar keinen Gedanken daran verschwendet? Nein, gar nicht. Wenn ich mir ein Match anschaue und es steht 5:5 im dritten oder fünften Satz, dann kommt schon das Kribbeln. Aber nur ganz kurz, weil im nächsten Moment denke ich dann daran, was nötig wäre, um das wieder erleben zu können. Da wahre ich dann ganz schnell wieder die Distanz (lacht).
Apropos: Hätten Sie, mit etwas Abstand betrachtet, in Ihrer Karriere etwas nicht oder anders gemacht? Wenn ja, was? Natürlich gibt es Dinge, die ich in der jeweiligen Situation jetzt anders machen würde. Da geht es um den Knackpunkt meiner Karriere und den Verlauf von 2021. Ich hätte schon zu Jahresbeginn nicht nach Australien fliegen (Thiem fühlte sich ausgelaugt, Anm.) und auch nach der Handgelenksverletzung länger pausieren sollen. Das war der Grund, warum ich es ein zweites Mal verletzt habe.
In welchem Moment haben Sie die Entscheidung getroffen aufzuhören? Das war beim Challenger in Zadar genau vor einem Jahr. Davor habe ich gesagt, ich will noch einmal bei null anfangen und alles reinstecken. Ich habe meinen Fitnesstrainer aus den USA geholt, habe viel Umfang trainiert, aber schon gemerkt, dass die Energie fehlt und dass ich (mit den Schlägen) nicht mehr so zünden kann wie die Jahre davor. Das gewisse Etwas hat gefehlt. Dann kam das Match gegen Luki (Neumayer - 2:6, 1:6), das alles hervorgebracht hat, was in mir geschlummert ist. Danach bin ich zwei Stunden allein dagesessen und habe den Entschluss gefasst.
Reizt Sie der Trainerjob? Stand jetzt ist das kein Thema. Einen hoffnungsvollen Spieler zu betreuen wie zum Beispiel Joel Schwärzler wäre ein 24/7-Job, den ich derzeit gar nicht machen kann und will. Was aber nicht heißt, dass ich nicht für jeden als Ratgeber offen bin. Wie für die Jungen in der Akademie.
Sie sind sehr regelmäßig in Salzburg. Warum eigentlich? Zum einen aufgrund der Partnerschaft mit Red Bull und BMW. Aber ich liebe auch die Gegend hier, die Stadt. Weihnachten war ich in Saalbach, im Februar in Leogang. Außerdem ist es für mich auch geografisch praktisch gelegen mit guten Anbindungen, weil ich regelmäßig in München und Köln bin, Lili besuchen.
Was die Frage nach der Familienplanung aufwirft. Die ist mittelfristig ein Thema. Wir genießen derzeit beide, dass wir unabhängig und ortsungebunden sind. Das wird sicher noch ein bis zwei Jahre so bleiben. Danach haben wir beide auf jeden Fall den Wunsch, eine Familie zu gründen.