Nachdem hier die Idee aufkam, dass vielleicht Leon Kratzer verkündet wird — und es dann doch „nur“ Marvin Ogunsipe wurde — kann ich emotional schon verstehen, dass einige erstmal ernüchtert sind.
Gerade wenn auf Social Media vorher der Eindruck entsteht, da könnte noch eine große Überraschung kommen.
Und dann ist es Ogunsipe, der erstmal verletzt ist. Das verursacht Enttäuschung, für die Ogunsipe selbst nichts kann.
Ich glaube nur, wir müssen gerade ein bisschen aufpassen, dass wir zwei Dinge nicht vermischen: Erwartungshaltung und Kaderbewertung.
Aus meinen Posts der letzten Wochen kann man ja vermutlich herauslesen, dass ich vielleicht eine etwas romantische Vorstellung davon habe, was in diesem neuen Kader stecken könnte. Ich mag die Idee hinter diesem Baukasten. Ich mag die Rollen. Ich mag die Vorstellung, dass wir offensiv variabler werden.
Aber gerade deshalb finde ich eine etwas sachlichere Standortbestimmung ganz hilfreich.
Realistisch kann man Anfang Juli bei wenigen Teams schon eine wirklich ernsthafte Kaderanalyse vornehmen.
Bei uns macht es Sinn, weil schon viele zentrale Zu- und Abgänge feststehen. Trier, Ulm und Chemnitz sind ebenfalls weit genug, um erste funktionale Analysen zu wagen. Bei Bamberg, Bonn, Vechta, Rostock oder dem MBC kann man aktuell vor allem bewerten, was verloren gegangen ist — aber noch nicht endgültig, was daraus wird. Bayern hat erste große Bewegungen benannt, ALBA ist noch schwer zu greifen, Ludwigsburg und Oldenburg sind mitten im Umbau, Frankfurt, Braunschweig, Jena, Hamburg und Hagen sind ebenfalls noch nicht final genug, um seriös ein Ranking daraus zu basteln.
Ein echtes Power Ranking macht für mich erst dann Sinn, wenn die Kader weitgehend stehen.
Auf der emotionalen Ebene verstehe ich die Diskussion trotzdem. Ein Zugang nach dem anderen wird bei anderen Teams verkündet und der Gedanke entsteht: „Warum haben wir den nicht geholt?“. Gerade bei bekannteren Namen ist das völlig normal. Man kennt sie, man hat Bilder im Kopf, man erinnert sich an gute Spiele — und schon wirken sie automatisch sicherer als unsere Neuzugänge, die vorher vielleicht eher unter dem Radar geflogen sind.
Letztlich antizipieren wir alle gerade anhand von Namen, Statistiken, Highlight-Clips und Rollenfantasien.
Wenn ich aber auf unseren Kader schaue, der auch noch nicht ganz fertig sein dürfte, sehe ich ehrlich gesagt nicht nur Fragezeichen. Ich sehe ziemlich viele Ausrufezeichen — nur eben andere als letztes Jahr.
Dye bringt auf der Eins mehr klassische Organisation, Effizienz und Rhythmusidee. Nicht der nächste MVP-Guard, aber vielleicht jemand, der das Spiel besser sortiert und andere besser aussehen lässt.
Griffin bringt Shooting, Shotmaking und eigene Wurfkreation. Offensiv dürfte er ziemlich klar der Mintz-Nachfolger sein. Defensiv ist er für mich das größte Fragezeichen, aber als Scoring Guard passt die Idee.
Jones ist für mich extrem spannend, weil er als 2/3-Hybrid nicht nur abschließen, sondern auch selbst kreieren kann. Wenn er BBL-tauglich verteidigt, kann er ein sehr wichtiger Verbindungsspieler werden.
Colbert könnte auf der Vier die Statik verändern. Nicht als Muenkat-Kopie, sondern als Stretch-Forward mit Rebounding. Wenn sein Wurf übersetzt, wird der freie Dreier auf der Vier hoffentlich nicht mehr zur philosophischen Grundsatzentscheidung.
Tischler ist vielleicht der unterschätzteste defensive Transfer. Der Spielertyp, der einem Kader Halt geben kann: BBL-erprobt, körperlich, positionsvariabel, low usage, defensiv verlässlich.
Wishart gibt eine zweite Struktur-Option. Kein Spieler, den man überhöhen muss, aber jemand, der als Backup-Guard Ordnung geben kann und den Standort kennt. Ich hoffe darauf, dass ee sogar die größte Überraschung des Kaders wird.
Und Ogunsipe ist, wenn fit, kein Highlight-Transfer, aber ein erfahrener local Big, der Körper, Rebounding und Frontcourt-Tiefe geben kann. Vielleicht kein Name, bei dem alle aufspringen. Aber ein sinnvoller Baustein, gerade wenn man bedenkt, dass Thompson nicht 34 Minuten pro Spiel die Zone alleine verwalten kann.
Je nachdem was Skladanowski macht, bedarf es noch Anpassungen auf der 4/5.
Wir verlieren Creation, Guard-Druck, Physis, Wing-Defense, Athletik und Big-Body.
Gleichzeitig kommt ein anderer Baukasten.
Mehr Organisation. Mehr Shooting. Mehr Spacing. Mehr Variabilität. Mehr Möglichkeiten, den Ball nicht immer nur in dieselben Hände zu legen.
Die zentrale Frage ist für mich deshalb:
Bekommt Sasa aus diesem Kader wieder eine Defense gebaut, die deutlich über dem Ligaschnitt liegt?
In den guten Sasa-Jahren war Würzburg defensiv ungefähr drei Punkte besser als der BBL-Schnitt im Defensive Rating. Das ist für mich ein ziemlich guter Zielkorridor. Nicht zwingend beste Defense der Liga. Aber klar besser als Durchschnitt. Unangenehm. Kontrolliert. Playoff-tauglich.
Und vorne ist die zweite Frage:
Entsteht durch mehr Spacing, mehr Ballhandling und mehr Rollenvielfalt eine neue offensive Statik?
Für mich ist der aktuelle Stand deshalb am ehesten:
- hohes offensives Ceiling,
- spannendere Rollenverteilung,
- mehr Variabilität,
- aber riskanterer defensiver Floor.
Und genau dafür haben wir im März vielleicht die wichtigste Personalentscheidung getroffen.