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ALBA BERLIN
ALBA kommt als Deutscher Meister in die Saison. Und nicht irgendwie: Berlin drehte im entscheidenden fünften Finale gegen Bayern einen 20-Punkte-Halbzeitrückstand und gewann die Serie 3:2. Justin Bean wurde Finals-MVP.Trotzdem wäre es mir zu einfach, einfach „Meister + ein paar gute Neuzugänge = noch stärker“ zu rechnen.
Denn ausgerechnet von der Mannschaft, die in den Playoffs immer besser wurde, fehlen mit Michael Rataj, Moses Wood, J'Wan Roberts, Alex O'Connell und Bennet Hundt mehrere relevante Rotationsspieler.
Auf der anderen Seite hat ALBA im Sommer sehr gezielt Qualität eingekauft.
Und vor allem bleibt ein Kern, dem man vertrauen kann.
Was geblieben ist
Die wichtigste Nachricht ist für mich fast nicht irgendein Transfer, sondern die Kontinuität um:Martin Hermannsson
Jack Kayil
Malte Delow
Jonas Mattisseck
Sam Griesel
Justin Bean
Norris Agbakoko
Der aktuelle Profikader umfasst zwölf Spieler.
Hermannsson hat bis 2029 verlängert, Bean ebenfalls bis 2029. Und Jack Kayil wurde nach seiner Breakout-Saison sogar bis 2031 gebunden.
Gerade Kayil ist inzwischen kein Perspektivspieler mehr.
Mit 20 Jahren kam er vergangene Saison auf 12,4 Punkte und 3,4 Assists, wurde bester U22-Spieler der BBL und bester Nachwuchsspieler der Champions League. In den Finals gegen Bayern lieferte er 11,6 Punkte und 1,4 Steals.
Der nächste Entwicklungsschritt könnte ALBAs wichtigste interne Verstärkung sein.
Die Neuzugänge
Der auffälligste Transfer ist für mich Joe Wieskamp.Jena verliert seinen besten Spieler – und der Deutsche Meister nimmt ihn.
16,2 Punkte, 7,7 Rebounds und 41,1 Prozent Dreier. Wieskamp war statistisch der effektivste BBL-Spieler der vergangenen Saison.
Das ist keine Wette auf die Übertragung aus Rumänien, Polen oder der ProA. ALBA weiß bereits ziemlich genau, dass sein Spiel in dieser Liga funktioniert.
Er bringt genau etwas, das dem Meisterkader teilweise fehlte: High-Level-Shooting kombiniert mit Größe und Rebounding auf den Positionen drei und vier.
Der zweite große Zugang ist Jordan Ford.
Ford ist ein echter Scoring-Guard. Für Trento erzielte er 2024/25 17,0 Punkte in der italienischen Liga und 16,4 Punkte im EuroCup bei 44 Prozent Dreierquote. Danach folgten Trapani und Bahçeşehir.
Er muss bei ALBA nicht zwingend Point Guard spielen. Hermannsson und Kayil können organisieren – Ford kann vor allem das tun, was er am besten kann:
Punkte produzieren.
Mit Brandon Angel kommt außerdem ein interessanter Stretch-Big. In Israel erzielte er 16,8 Punkte und 7,9 Rebounds. Schon am College zeigte er bei Stanford mit 44,7 Prozent von außen enormes Shooting-Potenzial.
Und Julius Böhmer erweitert nach 10,4 Punkten in der ProA die ohnehin starke deutsche Guardrotation.
Was wurde verloren?
Hier würde ich vor allem Michael Rataj nicht kleinreden.Er kam erst im April, entwickelte sich aber während der Playoffs sehr schnell zu einem Leistungsträger und war zwischenzeitlich sogar Berliner Topscorer im Halbfinale. ALBA hätte ihn gerne behalten.
Auch Wood war mit 9,3 Punkten ein wichtiger Stretch-Forward. Roberts brachte Energie, Defense und Rebounding. O'Connell gab zusätzliche Guard-/Winggröße.
Damit verliert Berlin einiges an:
• Länge
• defensiver Vielseitigkeit
• Rebounding
• Frontcourt-Physis
Die neuen Spieler sind offensiv vielleicht sogar talentierter.
Ob der neue Kader defensiv genauso unangenehm wird wie die Meistermannschaft im Mai und Juni, muss sich aber erst zeigen.
Wahrscheinliche Kaderidee
Martin HermannssonJack Kayil
Joe Wieskamp
Justin Bean
Norris Agbakoko
Jordan Ford könnte genauso gut starten und sehr schnell zum besten Berliner Scorer werden.
Offensive Analyse
Offensiv gefällt mir ALBA möglicherweise sogar besser als vergangene Saison.Hermannsson besitzt weiterhin eines der besten Spielverständnisse der Liga. Kayil kann immer mehr selbst kreieren. Ford bringt individuelles Shotmaking. Wieskamp verändert mit seinem Shooting das Spacing.
Dazu kommen Bean als hervorragender Connector und Angel als weiterer Big, der den Court öffnen kann.
Das erlaubt Calles sehr unterschiedliche Kombinationen.
Hermannsson/Ford/Wieskamp/Bean/Angel kann beispielsweise extrem viel Shooting aufstellen.
Mit Kayil, Delow, Griesel und Agbakoko kann ALBA wiederum größer und physischer werden.
Der vielleicht wichtigste Unterschied: Berlin sollte weniger davon abhängig sein, dass Hermannsson jeden komplizierten Halbfeldangriff organisiert.
Ford und Wieskamp können schlicht selbst Punkte machen.
Das ist besonders für Playoffbasketball wertvoll.
Defensive Analyse
Hier bin ich etwas skeptischer.Auf dem Perimeter gibt es keinerlei Sorgen.
Kayil, Mattisseck und Delow können enormen Druck erzeugen. Griesel bringt Größe, Bean ist intelligent und beweglich.
Aber die Centerposition ist dünner, als man es von einem Meisterkandidaten erwarten könnte.
Norris Agbakoko ist mit 2,17 Metern der klare klassische Center. Dahinter steht mit Nevio Bennefeld ein 19-jähriges, 2,11 Meter großes Top-Talent, das gerade seinen ersten Profivertrag unterschrieben hat und parallel in Bernau spielen soll.
Angel kann Center spielen, ist mit 2,04 Metern aber eher moderner Small-Ball-Big.
Roberts, Wood und Rataj haben im letzten Jahr gemeinsam viel Frontcourt-Mobilität aufgefangen.
Wenn Agbakoko ausfällt oder in einem Matchup Probleme bekommt, wird es spannend.
Das ist für mich aktuell die klarste strukturelle Schwachstelle des Kaders.
Deutsche Rotation
Hier spielt ALBA weiterhin in einer eigenen Liga.Kayil, Mattisseck, Böhmer, Delow, Griesel, Agbakoko und Bennefeld stehen im aktuellen Kader.
Und das sind nicht einfach Spieler mit deutschem Pass.
Kayil kann Star-Potenzial entwickeln. Delow und Mattisseck sind bewährte BBL-Verteidiger. Agbakoko kann starten. Griesel gehört zur Rotation. Böhmer muss sich erst beweisen, hat aber BBL-Erfahrung.
ALBA kann komplette Lineups mit deutschen Spielern aufstellen, ohne sportlich massiv abzufallen.
Das ist über eine lange Saison ein riesiger Vorteil.
Pedro Calles und die Meister-DNA
Auch hier sehe ich einen wichtigen Unterschied zu vielen Konkurrenten.Calles muss keine neue Mannschaftsphilosophie installieren.
Der Kern kennt sein System. Die jungen Spieler kennen ihre Rollen. Hermannsson und Bean sind klare Führungsspieler.
Und vor allem hat diese Gruppe gerade erlebt, dass sie auch in schwierigen Situationen nicht auseinanderfällt.
Die Meisterschaft war kein souveräner Durchmarsch – vielleicht macht sie psychologisch gerade deshalb wertvoll.
Dieses Team weiß inzwischen, dass es Bayern in einer Serie schlagen kann.
Internationale Belastung
ALBA spielt erneut in der Basketball Champions League.Das ist Belastung – aber gegenüber vielen anderen BBL-Klubs kein neues Problem.
Berlin kennt internationale Reisen, englische Wochen und Belastungssteuerung seit Jahren. Zudem ist der Kader tief genug, um insbesondere auf den Guard- und Wingpositionen Minuten zu verteilen.
Die größere Sorge ist eher die schmale klassische Centerrotation als die Anzahl der Spiele.
Größte Stärke
Guard-/Wingqualität plus außergewöhnlich starke deutsche Rotation.ALBA kann groß, klein, offensiv oder defensiv spielen und besitzt sehr viele Spieler, die mehrere Rollen übernehmen können.
Größte Schwäche
Frontcourt-Tiefe und Rim Protection hinter Agbakoko.Wieskamp, Bean und Angel sind sehr gute Basketballspieler – aber sie ersetzen nicht automatisch die defensive Physis von Rataj, Roberts und Wood.
Swing Factor
Jack Kayil.Wenn das vergangene Jahr nur der Anfang war und Kayil jetzt vom besten Nachwuchsspieler der Liga zu einem der besten deutschen Guards überhaupt wird, verändert das ALBAs Niveau noch einmal.
Dann besitzt Berlin mit Hermannsson, Kayil und Ford drei sehr unterschiedliche hochwertige Creator.
Gesamturteil
Offseason-Tendenz: ungefähr gleich stark, offensiv möglicherweise verbessertGrößte Stärke: Guard-/Wingtiefe und deutsche Rotation
Größte Schwäche: Tiefe auf Center
Swing Factor: Jack Kayil
Negativer Verlauf: Platz 4–6
Realistisch: Platz 1–3
Best Case: Platz 1 / Meisterschaft
Erwartete Saisonrolle: klarer Titelkandidat
Sicherheit: hoch
Tier 1.
ALBA ist für mich weiterhin ein Titelkandidat – allerdings nicht einfach deshalb, weil Berlin gerade Meister geworden ist.
Ich finde sogar, dass man die Abgänge aus der Meistermannschaft ernst nehmen muss. Vor allem Rataj war in den Playoffs wichtiger, als seine Saisonstatistik vermuten lässt.
Was mich trotzdem überzeugt, ist die Kombination aus bewiesener BBL-Qualität und Kontinuität.
Wieskamp war einer der besten Spieler der Liga. Ford hat auf hohem europäischen Niveau bereits bewiesen, dass er scoren kann. Hermannsson, Bean, Delow, Mattisseck und Agbakoko kennen das System. Und Kayil könnte noch einmal einen gewaltigen Schritt machen.
Deshalb sehe ich Berlin nicht zwangsläufig stärker als den Meisterkader – aber möglicherweise offensiv kompletter.
Die eine Frage, die ich mir bis Saisonstart wirklich stelle:
Ist dieser Frontcourt defensiv gut genug, wenn es gegen Bayerns Größe und Physis geht?
Denn genau dort sehe ich aktuell den größten Unterschied zwischen den beiden wahrscheinlich stärksten Kadern der Liga.