Der Boxsport befindet sich aktuell in einer spannenden, aber auch etwas kontroversen Phase. Auf der einen Seite haben wir dominante Champions und große Namen, auf der anderen Seite fehlt es vielen Fans an echten „Superfights“.
In der nächsten Woche haben wir mit Inoue vs. Nakatani so einen Superfight, der sicherlich Potential zum sportlich besten Kampf der gesamten Dekade hat. Ich finde das vom Timing also schon interessant nun darauf hinzuweisen, dass es solche Duelle kaum gibt

Am selben Tag findet noch Benavidez vs. Ramirez statt und die Woche darauf Wardley vs. Dubois.
Am Ende kann es solche Nummern auch nicht zu häufig geben, weil es sonst auch nichts Besonderes ist. Es gibt 1-2 Duelle im Jahr, die stehen über den Dingen (Inoue vs. Nakatani) - und dutzende weitere Duelle, die Weltklasse sind (Benavidez vs. Ramirez, Wardley vs. Dubois).
Gleichzeitig warten Fans immer noch auf große Kämpfe zwischen Top-Boxern verschiedener Verbände. Die Vielzahl an Titeln sorgt zwar für mehr Champions, aber auch für Unklarheit darüber, wer wirklich die Nummer 1 ist.
Das ist ein ewiges Problem. Die Titelinflation macht es undurchsichtig und verwässert auch die sportliche Qualität, aber so ist eben der Boxsport aufgestellt. Man kann sich auch davon befreien und nur die sportliche Qualität der jeweiligen Ansetzungen betrachten.
Nehmen wir mal an, dass Wardley vs. Dubois kein WM-Kampf wäre, sondern einfach ein nationales Top-Duell um einen Interims-Titel, oder sowas. Die Ansetzung wäre nicht weniger verlockend und interessant dadurch, weil es stilistisch einfach heiß ist.
Wenn man so den Boxsport annimmt und betrachtet, dann hat man viel mehr Spaß im Alltag. Dann bewertet man nicht nach irgendwelchen Titeln oder Platzierungen, sondern schaut sich Kämpfe und Card einfach individuell an. Ich für meinen Teil kann auch mit ambitionierten Aufbaukämpfen auf einer tiefen Undercard was anfangen, weil ich es erfrischend und spannend finde. Die Möglichkeit der individuelle Betrachtungsweise ist schon ziemlich breit.
Auch das Thema Comebacks bleibt präsent. Ehemalige Stars kehren immer wieder für einzelne Kämpfe zurück, was zwar Aufmerksamkeit bringt, aber auch die Frage aufwirft, ob dies die Entwicklung neuer Boxer bremst.
Comebacks gab es schon immer, das Thema bekommt man niemals mehr klein. Heute hat man eben auch noch die Influencer-Szene, die ebenso Teil davon ist. Ein Jake Paul hat mit Mike Tyson und AJ so ziemlich die größten Kämpfe der letzten Jahre bestritten, was ziemlicher non sens eigentlich ist.
Am Ende ist das auch wieder eine Frage der individuellen Betrachtung. Kann ich mit dem Zirkus etwas anfangen und springe auf den Hypetrain mit auf - oder lehne ich das für mich persönlich reizlos ab?
Grundsätzlich können solche Comebacks aber schon auch etwas Gutes bedeuten. Der Boxsport polarisiert zumeist dadurch nochmal und Kämpfer erhalten auf der Undercard eine starke Plattform, die sie in solch einer Form häufig nicht erhalten. Das ist durchaus auch eine Chance für den Profiboxsport. Das Relevante ist am Ende ja, dass man auch noch diskutiert wird. Wenn man nicht komplett den gesellschaftlichen Wert verlieren möchte als Profiboxsport, dann braucht man große polarisierende Events die zeigen: Hey, das Boxen kann noch Stadien füllen und gesellschaftlich relevant sein.
Ist das aktuelle Boxen spannender denn je – oder fehlt euch die klare Struktur und die großen Kämpfe wie früher?
Ich bin sicherlich zu tief drin in der Materie, ein Gelegenheitszuschauer ist wahrscheinlich interessanter bei der Frage.
Wenn ich es objektiv aber betrachten sollte, so haben wir beispielsweise in Deutschland schon eine spannende Phase: Agit Kabayel ist WM-Anwärter im Schwergewicht, könnte hierzulande ein Stadion füllen. Wir hatten mit Abass Baraou einen historischen Titelvereinigungskampf in diesem Jahr, der leider nach Punkten verloren ging. Davor das Jahr konnte Tina Rupprecht sämtliche Titel in Potsdam vereinigen.
Aus nationaler Perspektive ist es schon eine recht spannende Zeit, insbesondere durch Agit Kabayel. Nun auch das Ringside Zone-Event zeigt auf, dass Hochglanz-Events weiterhin erfolgen werden.
International macht es für mich keinen großen Unterschied. Es gibt immer gute und große Kämpfe, das wird sich auch nie ändern. Fast jede Woche ist in der Theorie wirklich was Spannendes irgendwo dabei, meistens sogar mehrere Duelle.
Vermutlich hatte man durch das Saudi-Geld schon eine hohe Frequenz an wirklich großen Kämpfen, diese Frequenz könnte sich etwas legen.
Aber das Boxen gab es vor Riad schon - und es wird auch danach weitergeben. Nun dräng Zuffa Boxing dieses Jahr noch in den Markt hinein, mit ungewissen Folgen. Ich finde diese gesamten Entwicklungen einfach spannend, da ist doch momentan wirklich viel drin.