Langer: Es handelt sich möglicherweise um einen der ausgeprägtesten Heimvorteile im internationalen Sport. Zunächst muss festgehalten werden: Der Effekt dieser Höhe ist real, messbar und sportlich relevant. In den Analysen des Fußballs zeigt sich, dass sowohl die gesamte Laufdistanz als auch insbesondere hochintensive Laufaktionen unter Höhenbedingungen signifikant reduziert sind. Für die Gesamtdistanz werden Rückgänge von etwa drei bis neun Prozent beschrieben, für High-Speed-Abschnitte sogar Einbußen von zehn bis 15 Prozent.
STANDARD: Welcher Mechanismus steckt dahinter?
Langer: Mit zunehmender Höhe sinkt der barometrische Druck, wodurch der Sauerstoffpartialdruck abnimmt. Die Folge ist eine reduzierte arterielle Sauerstoffsättigung und damit eine Einschränkung der aeroben Energiebereitstellung. Je größer die Höhe und je geringer der Grad der Akklimatisation, desto stärker fällt dieser Effekt aus. Auf einer Höhe von 2.240 Metern ist mit einem Rückgang der maximalen Sauerstoffaufnahme, also der VO₂max, von etwa zehn bis 13 Prozent zu rechnen. Historisch eindrucksvoll sichtbar wurde dieser Effekt bereits bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt. In den Mittel- und Langstreckenbewerben kam es, abhängig von Streckenlänge und Belastungsprofil, zu deutlichen Leistungseinbußen. Das berühmte 1.500-Meter-Finale mit dem US-Amerikaner Jim Ryun und der kenianischen Legende Kip Keino ist dafür ein klassisches Beispiel. Ryun lief ein hervorragendes Rennen, unterlag jedoch dem höhenadaptierten Keino, der im Hochland von Kenia auf praktisch derselben Höhe lebte und dessen physiologische Voraussetzungen unter diesen Bedingungen günstiger waren.