Oh mein Gott, hier war ja was

Sorry, das ist mir wirklich völlig durchgegangen und im Rahmen meiner Reise war ich doch recht beschäftigt mit anderen Dingen. Ich versuch hier jetzt nochmal mit ein paar Aufzeichnungen und Blick auf die Spiele meine weitere Zeit in Argentinien zu rekapitulieren (und ggfls später auch noch was zu Uruguay, Chile und Brasilien zu schreiben, wo ich binnen der sechs Wochen ebenfalls unterwegs war). Ist jetzt aber auch schon wieder vier Monate her.
Nach den paar fußballfreien Tagen sollte es am Wochenende wieder losgehen, die Zeit in Buenos Aires lässt sich trotzdem auch so ganz gut rumkriegen, die Stadt ist einfach wirklich gigantisch und traumhaft abwechslungsreich. Volle Empfehlung. Für das Wochenende stand dann aber mit Boca - River natürlich das erhoffte absolute Highlight an, zunächst war es allerdings gar nicht mal so leicht, für das WE eine geeignete und nicht maßlos überteuerte Unterkunft zu finden, denn an dem Wochenende spielte Dua Lipa in BA und die Preise explodierten förmlich. Dementsprechend habe ich mich für den Freitag dann wirklich das einzige Mal auf der Reise für ein klassisches Hostel mit nem 12er-Dorm entschieden, worauf ich eigentlich überhaupt keine Lust mehr hatte, aber dort konnte ich dann für unschlagbare elf Euro nächtigen - war nicht geil, aber man hat die Nacht einigermaßen rumbekommen. Für die zwei Nächte danach hatte ich ein okayes Airbnb gefunden.
Samstags sollte es dann aber wieder zum Fußball und zunächst ging es in den Norden nach Belgrano, wo der Drittligist CA Excursionistas spielte. Auch hier mal wieder ein okayes Stadion, ein bisschen was los auf den Tribünen und dazu in der Mittagssonne entspannen - herrlich. Zudem sprach mich hier unmittelbar vor dem Spiel ein anderer Groundhopper an, der erst am Vortag in BA ankam und so kamen wir ins quatschen. Er hats gefeiert, dass ich Meppener bin, er selbst kam aus Kaiserslautern und ist FCK-Fan, fährt aufgrund einer Querelen in seiner Gruppierung mit anderen FCK-Leuten aber nicht mehr dort, sondern tatsächlich nur noch zu Auswärtsspielen mit Palermo, weil es zwischen seiner Gruppe und Palermo seit einigen Jahren einige Kontakte gibt. Muss man sich einfach mal vorstellen, die ballern regelmäßig alle zwei Wochen aus RLP nach Norditalien, um dort Palermo auswärts zu sehen.
Naja, in jedem Fall haben wir uns ziemlich gut verstanden, natürlich wollte er auch am Tag danach zum Superclasico und wir stellten schnell fest, dass wir beide das Ticket über den gleichen Kontakt bekommen sollten und somit auch die gleichen Infos zu Treffpunkt etc. erhielten. Erstmal war aber noch die Frage, wo es am Samstag zum zweiten Spiel für mich hingehen sollte, ich hatte Huracan sehr klar ins Auge gefasst (es gab aber noch eine Alternative, an die ich mich gerade nicht mehr erinnere), der Lautrer wollte aber auch nach Huracan, sodass wir gemeinsam in die Gegend fuhren, sich die Wege aber dort erstmal trennten, da er über einen Kontakt ein Ticket auf der anderen Seite als ich hatte.
Huracan gehört ebenfalls zu den größeren Vereinen in BA, ist der Lokalrivale von San Lorenzo und spielte im Estadio Tomas Adolfo Duco. Und was soll ich sagen, ich war und bin noch immer schockverliebt. Es sieht von außen bereits fantastisch aus, aber von innen ist das zweifelsohne eines der geilsten Stadien, die ich jemals gesehen habe und ich bin ganz ehrlich, womöglich würde ich es in einer imaginären Ranking-Liste sogar auf Platz 1 setzen. Bilder gibt es hier, sie machen die Steilheit der Tribünen aber auch nur bedingt deutlich, dazu ist dieser Turm und die riesengroße Coca-Cola-Werbung an manchen Seiten einfach super kurios und einzigartig.
https://www.europlan-online.de/estadio-tom%E1s-adolfo-duc%F3/stadion-6085.html
Das Stadion war lange nicht ausverkauft, Huracan spielte eine beschissene Saison und das zeigte sich auch beim 0:2 gegen Newells Old Boys an dem Tag. Stimmungsmäßig hat es natürlich auch Laune gemacht, aber es war nicht so gigantisch wie bei anderen Spielen wenig überraschend. Aber das Stadion, meine Güte, was für ein absoluter Traum. Gegen Ende des Spiels quatschten mich dann zwei Jungs und zwei Mädels an, ob ich ein Foto von ihnen machen könnte - es stellte sich heraus, dass einer von denen ebenfalls Deutscher war (aus der Ecke Hannover) und während des Spiels mit den drei Argentiniern ins Gespräch kam (im Gegensatz zu mir sprach er perfekt Spanisch), wenige Minuten später nahmen die Argentinier uns beide mit in ihrem Auto, um uns wieder in Richtung der Innenstadt und unseren Unterkünften zu bringen. Absolut wahnsinnig sympathische Menschen gewesen und den Samstagabend verbrachten der Lautrer vom Vormittag, der andere Deutsche vom Huracan-Spiele und ich dann noch gemeinsam mit reichlich Bier und Co., in verschiedenen Bars, war ein absoluter Weltklasse-Abend.
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Dann kam der Sonntag und man musste erstmal die Strapazen des Vorabends aus den Ärmeln schütteln, denn mit Boca - River stand natürlich DAS Spiel der Spiele an und zudem blieb natürlich auch immer noch ein bisschen Restzweifel, ob auch alles klappt.
Erstmal zur wahrscheinlich wichtigsten Frage: Wie kommt man an Tickets? Das ist bei Boca über normale Wege nahezu aussichtslos, da quasi alles an Socios, also Mitglieder, geht. Aber natürlich ist das Verkaufen an Fußballtouristen, Gelegenheitsurlauber und Groundhopper auch irgendwo ein Businessmodell. Man kann das natürlich über eigens vorhandene Agenturen machen, die Touren zu den Spielen anbieten, diese sind aber in meinen Augen maßlos überteuert und abseits von Boca kommt man halt sowieso fast immer irgendwie an Tickets (ich hab von Leuten gehört, die wirklich völlig absurde Preise für normale Spiele bei solchen Agenturen gezahlt haben, wo ich völlig entspannt an der Tageskasse reinkam, aber gut, es ist natürlich die vollkommen einfache und bequeme Variante, muss jeder selbst wissen).
Gerade auf Facebook gibt es allerdings einige Gruppen und Seiten zum Thema Groundhopping, wo natürlich auch immer wieder nach Ticketmöglichkeiten etc in Buenos Aires gefragt wird und da stößt man dann auch immer wieder auf Empfehlungen bestimmter Personen, die verlässlich Tickets auch für Boca liefern können. Gerade im deutschsprachigen Raum stößt man da immer wieder auf einen Schweizer, der seit einigen Jahren in BA lebt und gute Kontakte zu Boca und "La 12" (der Barra Bocas) hat, er hat zudem auch ein Buch über die "Fußballhauptstadt Buenos Aires" geschrieben und ich hatte auch schonmal ein Podcast mit ihm gehört, dementsprechend meldete ich mich frühzeitig bereits viele Wochen vorher bei ihm. Er sagte damals, dass er den Preis fürs Spiel erst so 7-10 Tage vorher erfährt, sich dann aber auch nochmal meldet - hat dann auch alles funktioniert und ich bekam schließlich 450.000 argentinische Pesos zu hören - das sind umgerechnet rund 270 Euro. Die Karte kommt dann direkt von "La 12" - und dementsprechend ist die Karte für die Hintertorseite, dort wo die Barra steht, also quasi mitten im Pulk. Das ist natürlich nicht ohne und aus neutraler Sicht hat man natürlich auch gerne einen klaren Blick auf die Fankurve, aber gut, so läuft das eben da (und Leute, die über andere Kontakte Tickets dann auch auf der Haupttribäne oder Gegentribüne hatten, zahlten dafür bei dem Spiel über 500 Euro).
270 Euro sind mit deutlichem Abstand das teuerste Ticket, das ich jemals für ein Fußballspiel zahlte, es war ja quasi nochmal der doppelte Preis vom Copa-Halbfinale Racing-Flamengo zwei Wochen zuvor, das bis dato mein teuerstes Ticket war. Aber gut - once in a lifetime - was will man machen? Andere Spiele von Boca kriegt man über den Schweizer übrigens häufig so für rund 100 Euro, je nach Gegner mehr oder weniger, River gibt natürlich einen gehörigen Aufschlag.
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Anstoß am Sonntag war um 16.30 Uhr. Die Ticketübergabe sollte nicht direkt über den Schweizer stattfinden, sondern über einen Argentinier, dazu wurden mir ein Tag vorher Bilder vom Treffpunkt sowie von der Person geschickt, die um 13 Uhr ankommen sollte. Dementsprechend musste man sich auch mit reichlich Vorlauf auf den Weg nach La Boca machen, ich wusste aber ja immerhin durch den Lautrer vom Vortag, dass er exakt die gleichen Instruktionen erhalten hatte, wir verabredeten uns dann auch für dort vor Ort. Vor dem Losfahren gab es allerdings erstmal eine logistische Herausforderung - denn die 450.000 Euro mussten vor Ort in Bargeld übergeben werden. Und Bargeld ist in Argentinien ja so eine Sache, zumal die Scheine lediglich bis 20.000 gehen und zudem diese auch rar sind. Ich musste also irgendwie wirklich riesige Geldbündel an mir verstauen, das dürften tatsächlich vier oder fünf Bündel gewesen sein, mit denen ich unterwegs war. Absurdistan.
Fahrt mit dem Uber zum Treffpunkt war schon wild, weil bereits 1-2 Kilometer zuvor überall auf den Straßen spürbar war, was hier heute los ist, einzelne Gruppen bereits Party machten etc, immer wieder auch Rauch gezündet und getanzt wurde. Der Treffpunkt selbst war dann an einer vielbefahrenen Hauptstraße, wo immer wieder vollbepackte Busse mit unzähligen Boca-Fans lang fuhren und vorfreudig grölten - absolut herrlich. Immer wieder auffällig: Personen im Gespenster-Outfit, eine Provokation Richtung River, nachdem die vor einigen Jahren mal das Desaster erlebten, in die zweite Liga abzusteigen.
Gut, und dann stellte ich mich an den Treffpunkt, der Kollege vom Vortrag traf bald ebenfalls ein. Und nein, wenig überraschend, waren wir nicht alleine. Es waren rund 15 (!) Deutsche, die sich plötzlich an dieser Ecke versammelt hatten und offensichtlich allesamt über den Schweizer Karten organisieren ließen. Und wie gesagt, das ist nur einer der Mittelsmänner, da gibt es noch deutlich mehrere, da kann man sich natürlich vorstellen, wieviele Groundhopper da an so einem Tag unterwegs sind. War schon eine recht kuriose Situation, wir sind dann mit ein paar Hamburgern, einem Fürther und einem Wolfsburger noch ein bisschen ins Quatschen gekommen, denn der Bote ließ klassisch argentinisch auf sich warten - abgemacht war wie gesagt 13 Uhr, irgendwann war es 14:15 Uhr
Irgendwann kam er dann aber und signalisierte uns, dass wir nicht alle gleichzeitig auf ihn zustürmen sollten, scheinbar schaut die örtliche Polizei nach solchen Sachen durchaus. Es war ein bisschen chaotisch, da der Kollege kein Wort Englisch sprach (und bei uns aber auch keiner Spanisch). Es wirkte zwischendurch auch so, dass er 1-2 Tickets zu wenig hatte, aber dann hatten plötzlich doch alle ihr Ticket in der Hand - und völlig absurd war einfach, wie wirklich 15 Leute der Reihe nach 450.000 Argentinische Pesos in Cash in seinen Rucksack warfen. Natürlich hat er das nicht vor Ort nachgezählt, man hätte also auch weniger geben können, aber bei der deutschen Gründlichkeit hats wahrscheinlich wirklich jeder bis zum letzten Tausender nachgezählt

Die ganze Situation war aber trotzdem völlig skurril, ich kam mir vor wie in einem schlechten Film bei ner Drogenübergabe und dann ist der Typ halt einfach mit rund 7,5 Millionen Pesos in seinem Rucksack auf seinem Roller wieder abgedampft
Ich hielt also plötzlich ein Ticket in der Hand, wo als Preis übrigens 30000 Pesos draufstand, also rund 17 Euro

Aber gut, jetzt musste es nur noch gehen. Wir (der Lautrer, der Fürther, der Wolfsburger und ich) machten uns dann auf dem Weg zur Bombonera und auf den Wegen und Straßen dahin herrschte einfach absolutes positives Chaos. Überall wurde gegrillt, gesoffen und getanzt und irgendwann hatten wir uns durchgekämpft und der Ungewissheit ob der gültigen Tickets wich der puren Erleichterung, denn wir kamen durch jede der zahlreichen Kontrollen durch.
Und dann stehst du da. In der Bombonera. Läufst die Treppen hoch. Es ist rund 15 Uhr, 15:10 Uhr, also noch viel Zeit bis zum Anpfiff. Und dann kommst du da oben im Hintertorblock an. Und siehst...wie der Block brechend voll ist. Brechend. Es war unmöglich für uns vier, auch nur eine Stufe herunterzugehen. Du willst dich ja auch nicht an den Leuten da vorbeidrängeln und quetschen, wenn du der Sprache nicht mächtig bist und zudem natürlich auch nicht zwingend argentinisch aussiehst. Wir mussten also allesamt (aber verteilt über 50 Meter) ganz oben uns platzieren und versuchen, irgendwas vom Spielfeld zu sehen. Das war aber nicht so einfach, denn über unserer Tribüne war noch der Oberrang und die Mauern des Oberrangs ragten quasi in unser Sichtfeld, das dementsprechend wirklich eingeschränkt war. Ich gebe zu, das war schon erstmal ein ziemlicher Downer, erst recht mit dem Gedanken am 270 Euro. Nichtsdestotrotz war die Atmosphäre natürlich gigantisch und als das Spiel näher rückte, konnte ich mit einigen Verrenkungen auch das Spielfeld einigermaßen gut sehen und zumindest das Spiel auch verfolgen. Ich hatte aber tatsächlich keine Chance, das ganze Stadion in seiner Pracht zu sehen, erst nach dem Abpfiff ging das. Und natürlich konnte ich auch Choreo und Tifo-Material nicht sehen, da wir dafür natürlich auf der falschen Tribüne standen, Videos hinterher waren aber weltklasse. Aber die Stimmung, meine Güte, die Stimmung. Gigantisch, ungezügelt, laut, wild. Das Spiel war zunächst typisch argentinisch grausam, Boca ging dann aber kurz vor der Pause in Führung, da brachen alle Dämme. Ich versuchte die Gunst der Stunde zu nutzen, im Torjubel einfach ein paar Stufen nach unten zu fallen, wurde aber quasi umgehend wieder nach oben getreten

Keine Chance!
Zweite Halbzeit war dann von Boca-Seite tatsächlich ein gutes Spiel, River war chancenlos. Es fiel noch das 2:0, die Party war riesig. Mit Abpfiff traf ich die anderen drei wieder, wir verweilten natürlich noch im Stadion und gingen dann endlich mal, als sich das Rund etwas leerte, einige Stufen runter, um die Dimension des Stadions auf sich wirken zu lassen. Blau und Gelb sind fantastische Farben und das kommt einfach schon richtig geil. Es war natürlich etwas schade, was die Plätze während des Spiels betraf, nichtsdestotrotz war es eine absolut denkwürdige und unvergessliche Erfahrung. Wir waren nach dem Spiel und der ganzen Eindrücke allesamt dermaßen platt, es dauerte ein bisschen, bis wir ein Uber bekommen hatten (La Boca ist dann im Dunkeln schon auch nicht mehr das allergeilste Viertel), aber schafften es dann letztlich, uns wieder im Zentrum absetzen zu lassen und gingen dort zu viert noch was essen, ehe es dann aber auch wirklich völlig ko ins Bett ging. Jetzt brauch ich ne Pause.