Groundhopping


Lucatoni14

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Bin seit letzter Woche in Buenos Aires unterwegs, habe bis dato acht Spiele gesehen und es folgen wohl noch ein paar am Wochenende. Es ist der absolute Wahnsinn.
Viel Spaß noch und würde mich sehr über einen Bericht freuen. Mache mir da Sorgen um die Sicherheit und wäre cool wenn du da mal dein erlebtes teilen würdest !
 

Vega

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Viel Spaß noch und würde mich sehr über einen Bericht freuen. Mache mir da Sorgen um die Sicherheit und wäre cool wenn du da mal dein erlebtes teilen würdest !
Hab gerade ein bisschen Zeit, dementsprechend fang ich einfach mal an.

Eine Südamerika-Reise, insbesondere mit dem Wunsch, Fußball in Buenos Aires zu schauen, stand tatsächlich schon jahrelang auf meinem absoluten Wunschzettel. Ich habe mir nun sechseinhalb Wochen genommen, um ein bisschen durch Südamerika zu traveln - geplant sind Argentinien, Uruguay und Brasilien, der Fokus liegt aber ganz klar auf Argentinien. Ich bin vor 12 Tagen losgeflogen, bin also seit dem 27. Oktober in Buenos Aires. Mein Ursprungsplan war eigentlich, in Montevideo bzw. Uruguay zu starten und von dort nach 5-6 Tagen dann mit der Fähre rüber nach Buenos Aires zu fahren, was recht einfach möglich ist. Allerdings kam dann der Fußball-Spielplan raus...und in der ersten Woche waren schließlich für mittwochs und donnerstags die Halbfinal-Rückspiele in der Copa Libertadores und der Copa Sudamericana angesetzt - und zwar jeweils in Buenos Aires, die Spiele waren Racing vs. Flamengo und Lanus vs. Universidad de Chile.

Dementsprechend war klar, dass ich direkt nach Buenos Aires muss und irgendwie versuchen muss, dort an Karten ranzukommen - was sich mal zumindest für das Libertadores-Spiel zwischen Racing und Flamengo als nicht allzu einfach erweisen sollte, bzw. im normalen Verkauf gab es absolut keine Chance. Über die klassischen Facebook-Groundhopping-Gruppen und 1-2 bekannten Kontakten ist man dann aber auf den einen oder anderen Argentinier aufmerksam gemacht worden, der für diese Highlight-Spiele Tickets vertickt. Ein in England lebender Rumäne empfahl mir Nico, durch dessen Hilfe er und mittlerweile reichlich seiner Bekannten, in Argentinien bislang immer ins Stadion gekommen sind.

Die Kontaktaufnahme war unproblematisch und recht schnell stand fest, dass er 140 Euro für das Ticket haben will - tatsächlich erstmal ein Preis, bei dem man schluckt, die anderen "Anbieter" waren aber deutlich teurer. Müsste nichtsdestotrotz (bis jetzt) das teuerste Ticket sein, das ich jemals für ein Fußballspiel bezahlt habe - aber bitte, das ist quasi im Vergleich das CL-Halbfinal-Rückspiel noch dazu gegen einen riesigen Gegner und MIT Gästefans, die bei internationalen Spielen ja erlaubt sind, während es sie in Argentinien im Ligabetrieb quasi nicht gibt.

Zugleich war ich aber auch ordentlich nervös und angespannt, denn ich war gerade mal zwei Tage im Land und ausgerechnet das Spiel dementsprechend mein Länderpunkt, viel mehr geht eigentlich nicht. Anstoß war um 21:30 Uhr Ortszeit, ich sollte mich um 19 Uhr mit Nico an einem Treffpunkt in Stadionnähe treffen und das wäre beinahe schief gegangen, da ich naiv noch den Stadtverkehr von Buenos Aires unterschätzte und mit meinem Uber ewig im Stau stand. Ich kam erst um 19:30 Uhr an, Nico wartete glücklicherweise und schickte mir nach Übergabe des Geldes einen QR-Code aufs Handy, der ehrlich gesagt nicht irre vertrauenswürdig aussah :D Ich war allerdings offensichtlich nicht der einzige, der für dieses Spiel die Dienste Nicos (und seiner 1-2 Kollegen, das scheint ein Business zu sein) in Anspruch nahm, denn an dem Treffpunkt waren ebenfalls drei Jungs aus Eindhoven sowie zwei weitere Deutsche, der eine aus Duisburg und der andere aus Hannover, mit denen man schließlich ins Quatschen kam.

Während wir dort noch auf der Straße standen, fuhren im Übrigen immer wieder zahlreiche Busse an uns vorbei, in denen unzählige Racing-Fans standen, sangen und frenetisch feierten - dazu fand auf der Straße ein fulminantes Feuerwerk statt, es knallte und blitzte eigentlich an jeder Stelle, es war absolut irre. Nico und seine Begleiter ebneten uns dann schließlich den Weg und wir folgten, durch die erste, zweite, dritte Kontrolle, alles geklappt. Schließlich standen wir quasi schon im Stadionumfeld und mussten nur noch die finale Hürde zur Tribüne bezwingen - und dort am Ticketscan funktionierten die uns zugeschickten Tickets allerdings nicht. Bei niemandem.

Großartig, dachte ich natürlich. Bei Nico und seinen Kollegen kam Hektik auf, er versuchte uns zu entspannen, zeigte ständig nen Daumen nach oben. Wenn man mit ihm übrigens per Whatsapp im Vorfeld schrieb, hatte man den Eindruck, dass er tolles Englisch spricht - aber nein, er spricht quasi kein Wort :D Nach ein bisschen hektischem Telefonieren wurden wir plötzlich zu einem anderen Gate geführt und irgendjemand drückte jedes Mal seine Arbeitskarte auf den Scan und wir konnten nach und nach passieren. Und waren drin. Wie, war mir dann auch absolut ******egal, hauptsache drin und vollkommen geflasht vom Stadion, von der Atmosphäre, von den Racing-Fans, die sich bereits im gesamten Stadionumlauf lautstark und frenetisch einsangen. Der Flamengo-Block ebenfalls super gefüllt, aber quasi nicht zu verstehen.

Ich glaube wir waren gegen 20:30 Uhr im Stadion...es hieß also erstmal warten, und dann noch länger warten, denn der Anstoß verschob sich auf 22 Uhr. Und was dann folgte, war das gigantischste Intro, das ich jemals erlebt habe. Das komplette Stadion wurde dermaßen mit Feuerwerkskörpern, Fackeln und bunten Lichtern eingehüllt, mehr Silvester ging wirklich nicht. Wer sich ein Bild von dem Spektakel machen möchte, bitteschön, ich habe den einen oder anderen gehört, der es mit der Schlacht von Hogwarts verglich, das ist durchaus akkurat :D


Gigantisch, einfach gigantisch.

Das Spiel war schließlich so, wie man sich wohl ein südamerikanisches Fußballspiel vorstellt. Unfassbar laut, unfassbar hektisch, unfassbar theatralisch, unfassbar torarm, unfassbar unsportlich. Also direkt die komplette Experience. Flamengo hatte das Hinspiel sehr spät 1:0 gewonnen, Racing brauchte also ein Tor - aber es fiel natürlich nicht, sondern blieb leider beim 0:0, auch wenn Racing in der zweiten Halbzeit lange in Überzahl spielte. Absoluter Witz waren die sechs Minuten Nachspielzeit, da wäre das doppelte angemessen gewesen. Ein 0:0 in einem solchen Spiel ist aus Besucherperspektive immer bitter, es war grundsätzlich ein absolut denkwürdiges und fantastisches Erlebnis, eines der krassesten Stadionerlebnisse meines Lebens ... aber zugleich hat man immer noch den Gedanken, wie unfassbar die Hütte weggeflogen wäre, wenn Racing da ein Tor schießt und ausgleicht.

Das Spiel war schließlich dann auch erst kurz vor Mitternacht zu Ende und es war echt ein ziemlicher Akt, ein Uber für den Heimweg zu kriegen. Ich war im Endeffekt sehr froh, dass ich das Spiel neben dem Kollegen aus Duisburg verbringen konnte und wir schließlich auch gemeinsam zurückfuhren, er zudem bereits Argentinien-Erfahrung hatte, weil er schon zweimal da war. Ich fand die Szenerie jetzt nicht bedrohlich oder so, aber zu zweit gibt einem da doch ein besseres Gefühl, gerade wenn man zum ersten Mal ein Argentinien-Spiel besucht hat.

Ich mache hier jetzt erstmal einen Cut, sonst wird der Text zu lang.
 

Vega

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Bin dementsprechend mit brutal vielen Eindrücken irgendwann vielleicht so gegen halb zwei wieder in der Unterkunft gewesen und konnte mich an den Bildern und Videos kaum sattsehen. Aber am Donnerstag stand dann ja direkt das nächste Highlight an. CA Lanus mag jetzt für den Laien nicht der erste Klub sein, an den man in Argentinien denkt, aber die spielen gerade eine richtig gute Saison und standen nach einem 2:2 im Hinspiel in Santiago mit guten Chancen vor dem Einzug ins Finale, man hatte dort sogar eine noch bessere Ausgangslage liegen lassen nach einer 2:0-Führung, die ein gewisser Charles Aranguiz für Universidad in der neunten Minute der Nachspielzeit per Elfmeter noch egalisieren konnte.

Karten für Lanus hatte ich am Montag direkt nach meiner Ankunft in BA noch am Flughafen versucht zu kaufen, da der Vorverkauf in der Nacht begann (ja, drei Tage vor dem Spiel, kein Witz). Hat allerdings mit meiner deutschen Kreditkarte nicht geklappt und da ich überhaupt nicht einschätzen konnte, wie schnell die Tickets weg sein würden, habe ich mich dann entschieden, mit meinem kompletten Gepäck als erstes per Uber raus nach Lanus zu fahren, das tatsächlich ein Stadtteil ein bisschen außerhalb ist und ich somit plötzlich dickbepackt wie ein bescheuerter Tourist in irgendwelchen industriellen Straßen stand, wo ich offensichtlich nicht hingehörte. Am Stadion wurde ich allerdings von einer Frau angesprochen, die auf meine Frage nach Tickets für das Game mir helfen konnte und mich an den richtigen Eingang brachte - das war unfassbar hilfreich und 15 Minuten später hatte ich mein Ticket für 80000 ARG-Pesos, was ungefähr 40 Euro sind, also absolut ok. Ich machte mich dann aber auch schleunigst wieder raus aus Lanus, ich will damit gar nicht sagen, dass es ein gefährlicher Stadtteil ist, aber ich war gerade erst frisch da und hatte irre viel Gepäck dabei.

Durch die Erfahrungen des Vortages mit dem Verkehr machte ich mich diesmal auch wieder wahnsinnig früh auf nach Lanus am Donnerstag dann und reservierte mir schonmal für 30 Minuten nach dem Spiel ein Uber in einer Seitenstraße (war natürlich Risiko für eine etwaige Verlängerung dabei). Nun stand ich wieder in den Gassen, in denen ich am Montag schon quasi war, und wo die Anwohner vor dem Stadion gerade dabei waren, ihre Asado-Grillstände aufzubauen und Getränke wie Nationalgetränk Fernet-Cola anzubieten. Hab dort fantastisch gespeist und war zudem sehr angetan davon, dass die ganze Umgebung, alle Häuser etc. eigentlich auch in den weinroten Farben von Lanus angemalt sind - das zieht sich hier tatsächlich immer wieder durch die ganzen Stadtteilvereine, die sind einfach irre krass verankert im Alltag der Leute und das spiegelt sich auch im Bild des Viertels komplett wieder. Kurz sah ich dort auch die Jungs aus Hannover und Duisburg wieder, deren Karten waren allerdings für eine andere Tribüne, so ging es schnell für mich in die andere Richtung.

Und es machte einfach schon wieder direkt richtig Bock. Bereits locker eine Stunde vor Anpfiff war die Barra Brava (so heißen die Fankurven hier) unten im Stadion und spielte ihre fantastischen melodischen Rhythmen, mitsamt kompletter Blas- und Trommelkapelle, wo man einfach direkt anfängt, mitzuwippen und sich gar nicht sattsehen kann. Kurz vor dem Spiel gingen sie dann auf ihre Plätze hinter dem Tor, wo immer die typischen Bänder der Barras gespannt sind, was es zudem auch wirklich bei jedem Verein gibt gefühlt.

Ich hatte ja gesagt, dass bei internationalen Spielen Gästefans erlaubt sind, das war hier allerdings nicht der Fall, da es im August zwischen Independiente und Universidad zu heftigen Ausschreitungen kam, weshalb Universidad die nächsten Jahre nicht nach Argentinien reisen darf. Aber seis drum, die Lanus-Kurve hat dafür komplett entschädigt. Es ist natürlich klar, dass ich hier eines der größten Spiele der Vereinsgeschichte gesehen habe und die Atmosphäre wahrscheinlich nicht immer derart fantastisch ist, aber was das ganze Stadion da wieder über 90 Minuten abgerissen hat, war absolut gigantisch, eine fette Feuerwerk-Show vor dem Anpfiff gab es natürlich auch. Lanus machte tatsächlich auch ein gutes Spiel und ging früh in Führung - der Torjubel sensationell, wurde dann aber vom VAR wieder einkassiert. Den Jubel wars trotzdem wert. Nach der Pause traf Universidad aus dem Nichts zum 1:0 - auch spannend, wie unfassbar leise es dann wegen der nicht vorhandenen Gäste wird, aber auch hier schaltete sich der VAR ein - und der Jubel danach war noch besser, als bei dem eigenen aberkannten Tor. Wenige Minuten danach dann der nächste riesige Jubel - und diesmal zählte der Treffer für Lanus zum 1:0, endlich dann auch mal mein erstes richtiges Tor (ich hatte ehrlich gesagt felsenfest damit gerechnet, dass es Abseits war) und bis zum Schlusspfiff hat da einfach wirklich das komplette Stadion mitgemacht, völlig egal, von 3 bis 83, ob VIP oder einfache Plätze, ALLE standen, ALLE sangen, ALLE drehten komplett frei. Eventuell bin ich jetzt Lanus-Fan :D Im Finale gehts am 22. November gegen Atletico Mineiro, Spiel findet dann in Asuncion statt.

Meine Idee der Uber-Reservierung funktionierte tatsächlich hervorragend und ich kam recht gut und schnell wieder weg. Klar, nach dem Spiel musste ich da im Dunkeln durch die Straßen laufen - unsicher habe ich mich da aber nicht gefühlt, man ist natürlich auch im absoluten Pulk der ganzen Fans und es sind soviele Leute unterwegs, dass da eigentlich wohl kaum was passieren dürfte.

Was ich grundsätzlich am groundhoppen tatsächlich auch immer wieder sehr feier und mag, ist, dass man in Ecken kommt, in die man sonst niemals kommt. Kein normaler Buenos-Aires-Tourist würde wahrscheinlich in seinem Leben nach Lanus kommen, vielleicht schaut man mal bei Boca, River oder Racing vorbei, treibt sich ansonsten aber in den Haupt-Vierteln der Stadt herum. Sowas finde ich tatsächlich immer sehr spannend.
 

Vega

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Zu wahnsinnig ausführlichen Eindrücken komm ich hier jetzt leider wirklich zu selten. Ich versuch mal das, was ich noch bis dato gesehen habe, einigermaßen flott runterzuschreiben, bin selbst gerade in Iguazu und besuche morgen und übermorgen die Wasserfälle.

Nach den beiden Spielen in den jeweiligen Copa-Wettbewerben bei Racing und Lanus, die ja nun wirklich die Messlatte unfassbar hoch gelegt haben, stand dann ab dem Freitag der argentinische Liga-Alltag an. Freitagabends war ich bei San Lorenzo gegen Deportivo Riestra, San Lorenzo gehört ja auch zu den größeren Vereinen, Riestra ist ziemlicher Emporkömmling der letzten Jahre und hat sein winziges Stadion tatsächlich direkt neben dem wunderschönen Estadio Pedro Bidegain von San Lorenzo. Vor der Gegend bei San Lorenzo wird gerne mal gewarnt, in der Tat sind die Häuserblocks hinter der gegenüberliegenden Hauptstraße wohl nicht ohne, für mich war die Anreise mit dem Uber aber ziemlich entspannt, auch wenn ich einmal komplett ums Stadion rumlaufen musste - hab mich da nicht sonderlich unwohl gefühlt, es ist aber auch immer ein Unterschied, ob es hell oder dunkel ist. Hab das Spiel mit dem Kollegen aus Duisburg, den ich bei Racing kennengelernt hatte, geschaut und zugegeben, nach den beiden Spektakeln war ich erstmal vom Support der Heimfans durchaus angetan, aber jetzt auch nicht begeistert. So plätscherte die erste Halbzeit etwas dahin, aber ich musste vielleicht auch einfach mal meine Antennen neu ausrichten. Die zweite HZ hat dann zugegebenermaßen auch richtig Bock gemacht, San Lorenzo gewann in einem bescheidenen Spiel 1:0 und die Kurve hat mir da doch einige Ohrwürmer beschert. Nach dem Spiel gings mit dem Duisburger Kollegen per ÖPNV zurück in die City - auch das recht entspannt, ich hätte mich aber womöglich in der Situation dann etwas mehr stressen lassen, wenn ich alleine gewesen wäre und ich ggfls. wieder irgendwo auf ein Uber gewartet hätte.

Samstags stand dann die Qual der Wahl an - bzw., eigentlich war gar nicht so viel auszuwählen, aber man hatte theoretisch die Option, drei Spiele zu schauen. Los gehen sollte es diesmal in der zweiten Liga, wo die Aufstiegsplayoffs laufen und der CA Atlanta nach einem 0:1 im Hinspiel Deportivo Moron zu Gast hatte. Atlanta hat die gleichen fantastischen Vereinsfarben wie Boca, das Stadion und die Umgebung macht deshalb schon von Außen echt viel her und als ich dort ankam, kaufte ich mir erstmal ein Ticket an der Tageskasse und stürzte mich dann draußen noch ins Getümmel - denn unweit vom Stadion konnte ich hören, wie sich die Barra auf dem Weg zum Stadion machte und von zahlreichen umstehenden Fans gefeiert wurde. Das hat richtig Laune gemacht, Partystimmung kam allenthalben auf und ich hatte echt Bock aufs Spiel - auch wenn es an diesem Tag echt brutal heiß war, zum ersten Mal auf der bisherigen Reise und mich so ein Wetter durchaus schlaucht.

Beim Einlass habe ich dann aber direkt meinen Fauxpas realisiert - ich bejahte die Frage des Kassierers nach "Popular?", was im Umkehrschluss bedeutete, das mein Ticket nicht für die Haupttribüne gültig war, sondern für die Hintertortribüne, wo somit auch die komplett Barra stand. Erstmal sangen sich die Jungs noch unter der Tribüne (hier waren die Temperaturen erträglich) weiter ein und es war tatsächlich super cool, mal wirklich auf einen Meter an dem Orchester aus Trommeln, Pauken und Trompeten vorbeizulaufen. Zum Start ins Spiel zog der Klub ne Choreo hoch und fackelte etwas Rauch ab - und ich, auch wenn ich mich natürlich ganz Außen positionierte, mitten drin. Noch dazu in der gleißenden Hitze. Na klasse :D

Dementsprechend waren es echt anstrengende 90 Minuten, die zudem auch nicht durch das Spiel verbessert wurden. Moron hatte nur einen einzige Idee - 0:0 spielen und weiterkommen und der ging auf, auch weil sich Atlanta bereits nach 20 Minuten mit einer Roten Karte schwächte. Danach fiel gar nix mehr ein und so war dann auch das Spiel - gruselig und wirklich ein Paradebeispiel für unsportliches Zeitspiel, wie man es in Argentinien in einer unglaublichen Form erlebt.

Nach dem Schlusspfiff war ich platt. Und trotz eincremen mit dickem Sonnenbrand. Ich hätte nun noch sowohl Velez Sarsfield als auch am Abend CA Independiente jeweils in der ersten Liga schauen können - aber ich hab drauf verzichtet, bin zurück in die Unterkunft und hab mir dann im weiteren Verlauf noch einen entspannten Tag gemacht. War auch ok so, auch wenn ich dem Velez-Ground noch etwas hinterhertrauere, könnte aber sein, dass der noch fällt.

Auch am Sonntag hatte ich erst einmal viel Zeit, denn das einzige Spiel stand erst spät am Abend im größten Stadion des Landes an - im Estadio Monumental, dem Stadion von River Plate und dem Nationalstadion Argentiniens. Ich hatte ursprünglich mal geplant, das Wochenende in Uruguay zu verbringen, aber weil klar war, dass es das letzte Heimspiel von River in dieser Saison sein wird, habe ich dem Ground und dem Klub dann doch klar den Vorzug gegeben, an den letzten zwei Wochenenden war das Stadion jeweils belegt durch Konzerte von Dua Lipa und Oasis (ich hatte letzteres überlegt, aber die Preise waren mir dann auch too much, wäre aber schon episch geworden).

River ist sicherlich unzweifelhaft nach Boca der bekannteste argentinische Klub in unseren Gefilden, ich machte mich frühzeitig auf den Weg und war glaube ich rund drei Stunden vor Anpfiff schon am Stadion :D Ticket konnte ich tatsächlich recht entspannt online kaufen, dazu musste ich dort eine Face-ID machen, mit der ich Stadioneintritt erhalten sollte. Hat natürlich nicht funktioniert vor Ort, aber nach Durchgabe meines Reisepasses konnte ich rein.

Das Stadion ist unzweifelhaft ein absolutes Brett, mit Platz für über 85000 Zuschauer. Gigantisch einfach, man merkt zugleich aber auch, dass es das Nationalstadion ist und dementsprechend einen moderneren Anstrich als die meisten anderen Stadien im Land hat - Catering etc. sind hier schon deutlich amerikanisierter als anderswo :D River spielte an dem Abend gegen Gimnasia La Plata und verlor 0:1 durch einen Elfmeter für die Gäste, der gefühlt deren einzige Chance im Spiel war. Ich muss zugeben, ich war im Rahmen des Besuchs phasenweise ein wenig abgefuckt vom wirklich absolut grauenhaften Fußball, den ich da im fünften Spiel der Tour größtenteils zu boten bekam. Garniert mit den Schauspieleinlagen und Zeitspiel-Aktionen des Todes, war das phasenweise harter Tobak. Zur Krönung erhielt River, ebenfalls grottig, einen Elfmeter in der neunten Minute der Nachspielzeit, der schließlich in der 18. Minute der Nachspielzeit ausgeführt wurde, nachdem drei La Plata-Verteidiger den Schiedsrichter neun Minuten lang auf Schritt und Tritt folgten und belaberten - ohne auch nur eine Karte zu sehen. Selbstverständlich wurde der Strafstoß verschossen.

Man muss das wirklich so klar sagen: Die argentinische Liga ist in ihrer Form einfach irrer Quatsch. So viele fantastische Fußballer aus diesem Land, aber dann spielt man da mit 30 Mannschaften in einer Liga, aufgeteilt auf zwei Staffeln, in zwei Meisterschaften pro Kalenderjahr, mit 16 Spielen und dann anschließenden Playoffs. Wenn überhaupt steigt ein Team ab, das ist aber glaube ich auch nicht immer ganz sicher. Aber von diesen 30 Mannschaften haben 25 Mannschaften gefühlt wirklich keinen einzigen Plan, wie sie überhaupt Tore schießen wollen. In der Tat habe ich irgendwo etwas von Statistiken gelesen, dass in keiner anderen Liga der Welt so wenig Tore fallen wie in Argentinien, es gibt halt auch kaum Anreize, warum die Mannschaften versuchen sollten, ihr Heil in der Offensive zu suchen. Und als ich bei River gegen La Plata dann im fünften Spiel effektiv drei Tore gesehen hatte insgesamt (davon eines per Strafstoß), war ich wirklich stockgenervt :D Umso bemerkenswerter ist es im Übrigen bei dem Niveau der Spiele, mit welcher unfassbaren Leidenschaft, Emotion und Inbrunst die ganzen Argentinien halt trotzdem jede Woche ins Stadion rennen. Denn ja, die Atmosphäre ist ja nichtsdestotrotz fast überall herausragend und macht einfach nur gewaltig Bock.

Das war dann mein Wort zum Sonntag, am Montag standen dann natürlich zwei weitere Spiele an :D Erst spielte Platense am Nachmittag bei heißen Temperaturen gegen Sarmiento. Platense ist im Sommer im ersten Turnier des Jahres Meister geworden. Wie sie das geschafft haben, ist mir ein absolutes Rätsel, fünf Monate später haben sie das zweite Turnier des Jahres auf dem 15. und damit letzten Tabellenplatz beendet. Welcome to Argentina. Das Spiel war auch wieder eher dürftig, aber hey, es fielen zwei Tore!! Und da Platense spät der Ausgleich gelang, wurde das natürlich frenetisch gefeiert - das Stadion ist auch ganz nett, konnte mit den Spektakeln der letzten Tage aber nicht mithalten. Auffällig: Platense hat das gleiche Braun-Weiß wie St. Pauli und ich habe im Stadion mehrere Leute mit Pauli-Merch gesehen.

Nach dem Platense-Spiel ging es mit dem Hannoveraner vom Racing-Spiel per Uber nochmal weiter raus nach Banfield. Ebenfalls ein Bezirk, der außerhalb liegt, aber gefühlt von diesen Bezirken zu den besseren der Stadt gehört, den Eindruck machten auch die Häuser und Autos, die in den Straßen standen. Ich hatte bereits von ein, zwei bekannten gehört, dass Banfield ein ziemlicher Geheimtipp ist, der richtig Spaß macht (zugegeben, ich kannte vorher nicht viel über den Verein) und noch dazu spielte man heute gegen Lanus - die ich ja bereits vier Tage vorher ziemlich cool fand (auch fußballerisch), was quasi ein Derby ist und als "Clasico del Sur" gilt. Gästefans waren hier natürlich auch nicht erlaubt, aber es sollte zumindest ein besonderes Spiel sein.

Und ja, was soll ich sagen? Es war ein absoluter Volltreffer. Das Stadion ist weltklasse, zum Start gab es wieder eine irre Pyro und Feuerwerkshow und auf beiden Hintertorseiten wurden tolle Choreos gezeigt. Die Stimmung war über 90 Minuten herausragend und es entwickelte sich ehrlich gesagt das unterhaltsamste Spiel, das ich bis dato auf der ganzen Tour gesehen habe. Lanus hatte nach dem Erfolg in der Copa Sudamericana ordentlich rotiert und die besten Leute erst draußen gelassen, Banfield spielte sich in einen Quasi-Rausch (zumindest für argentinische Verhältnisse) und führte irgendwann 2:0, Lanus gelang noch der Anschluss, aber Banfield konnte den Sieg in einer packenden Schlussphase über die Zeit bringen. Das komplette Stadionerlebnis war eine absolute 1+ und ich war nach meinem zwischenzeitlichen Frust am Sonntag (ja, Jammern auf extrem hohem Niveau) wieder vollkommen beseelt mit Argentinien, ich hatte aber ja auch immerhin in zwei Spielen deutlich mehr Tore gesehen als an den fünf Tagen zuvor zusammen :D

Dienstags ging es dann schließlich, weil der Duisburger dort hinging, nochmal tief runter, 15:30 Uhr in die vierte Liga zu Deportivo Espanol. Lag tatsächlich auch daran, weil das Stadion offiziell ebenfalls über 30.000 Zuschauern Platz bietet und echt ein Brett ist, hier wurde wohl auch mal Erstligafußball gespielt, ehe es steil bergab ging. Das Stadion versprüht aber wirklich einen ganz eigenen Charme und ist herrlich abgewrackt, zudem sieht die Barra in den Spanien-Farben einfach toll aus (https://www.europlan-online.de/estadio-nueva-espa%F1a/stadion-6191.html), und ja, auch wenn im ganzen Stadion vielleicht maximal 200 Leute waren, gab es auch hier von einigen Unerschrockenen Support, sodass man einfach Dienstagnachmittags zu argentinischen Klängen um 15:30 Uhr mitwippte. Was genau da ausgespielt wurde, konnte keiner so genau sagen, es ging wohl um irgendein Playoff-Spiel für irgendeinen Pokalwettbewerb - in jedem Fall gewann Espanol 2:1 - schon wieder drei Tore!!! (Spoiler: Mehr habe ich noch bei keinem Spiel gesehen).

Nach acht Spielen in sieben Tagen war danach erstmal drei Tage Fußballfrei angesagt, ich habe aber noch eine weitere komplette Woche in Buenos Aires verbracht und werde die Tage dann hoffentlich nochmal was zu den weiteren Spielen schreiben. Ich war unter anderem beim Superclasico im Bombonera bei Boca vs River :) (und habe deutlich das teuerste Ticket meines Lebens gekauft)
 

K-Dot

Zauberfuß
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Mega Berichte, wirklich cool zu lesen, tausend Dank dafür! Die Reise ist auch ein kleiner Traum von mir. Aber mit
Ich war unter anderem beim Superclasico im Bombonera bei Boca vs River :)
hast du mich dann endgültig :D Das steht ganz oben auf meiner Stadion/Fussball-Bucketlist. Bin gespannt!
 

Cudi

A, B, C und die 6
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040
Ich war unter anderem beim Superclasico im Bombonera bei Boca vs River :)
Jetzt erzähl doch mal, wie war es? ;)

Wir sind über Ostern in London und ich habe meine Frau überreden können, uns dort auch ein Fußballspiel anzuschauen. Daher habe ich eben gerade Tickets für das FA Cup Viertelfinale von West Ham gegen Leeds United gekauft. War in England noch nie beim Fußball, obwohl ich schon 3x in London war, bin daher sehr gespannt. Die Tickets kosten tatsächlich nur 15 Pfund pro Stück. :D

2 Wochen später fahre ich mit meinem besten Kumpel nach Kopenhagen. Als HSV-Fan wäre ich natürlich am liebsten mit HSV-Schal ins Parken zum FCK gegangen, aber leider passt es vom Spielplan her nicht. Daher werden wir uns (ohne HSV-Zeugs) Bröndby IF gegen Sonderjyske anschauen. Die Spiele in Dänemark sind meist nicht ausverkauft, also habe ich online Tickets für die Haupttribüne 5. Reihe für umgerechnet 24 Euro bekommen. Schauen wir mal.
 

Vega

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Oh mein Gott, hier war ja was :D Sorry, das ist mir wirklich völlig durchgegangen und im Rahmen meiner Reise war ich doch recht beschäftigt mit anderen Dingen. Ich versuch hier jetzt nochmal mit ein paar Aufzeichnungen und Blick auf die Spiele meine weitere Zeit in Argentinien zu rekapitulieren (und ggfls später auch noch was zu Uruguay, Chile und Brasilien zu schreiben, wo ich binnen der sechs Wochen ebenfalls unterwegs war). Ist jetzt aber auch schon wieder vier Monate her.

Nach den paar fußballfreien Tagen sollte es am Wochenende wieder losgehen, die Zeit in Buenos Aires lässt sich trotzdem auch so ganz gut rumkriegen, die Stadt ist einfach wirklich gigantisch und traumhaft abwechslungsreich. Volle Empfehlung. Für das Wochenende stand dann aber mit Boca - River natürlich das erhoffte absolute Highlight an, zunächst war es allerdings gar nicht mal so leicht, für das WE eine geeignete und nicht maßlos überteuerte Unterkunft zu finden, denn an dem Wochenende spielte Dua Lipa in BA und die Preise explodierten förmlich. Dementsprechend habe ich mich für den Freitag dann wirklich das einzige Mal auf der Reise für ein klassisches Hostel mit nem 12er-Dorm entschieden, worauf ich eigentlich überhaupt keine Lust mehr hatte, aber dort konnte ich dann für unschlagbare elf Euro nächtigen - war nicht geil, aber man hat die Nacht einigermaßen rumbekommen. Für die zwei Nächte danach hatte ich ein okayes Airbnb gefunden.

Samstags sollte es dann aber wieder zum Fußball und zunächst ging es in den Norden nach Belgrano, wo der Drittligist CA Excursionistas spielte. Auch hier mal wieder ein okayes Stadion, ein bisschen was los auf den Tribünen und dazu in der Mittagssonne entspannen - herrlich. Zudem sprach mich hier unmittelbar vor dem Spiel ein anderer Groundhopper an, der erst am Vortag in BA ankam und so kamen wir ins quatschen. Er hats gefeiert, dass ich Meppener bin, er selbst kam aus Kaiserslautern und ist FCK-Fan, fährt aufgrund einer Querelen in seiner Gruppierung mit anderen FCK-Leuten aber nicht mehr dort, sondern tatsächlich nur noch zu Auswärtsspielen mit Palermo, weil es zwischen seiner Gruppe und Palermo seit einigen Jahren einige Kontakte gibt. Muss man sich einfach mal vorstellen, die ballern regelmäßig alle zwei Wochen aus RLP nach Norditalien, um dort Palermo auswärts zu sehen.

Naja, in jedem Fall haben wir uns ziemlich gut verstanden, natürlich wollte er auch am Tag danach zum Superclasico und wir stellten schnell fest, dass wir beide das Ticket über den gleichen Kontakt bekommen sollten und somit auch die gleichen Infos zu Treffpunkt etc. erhielten. Erstmal war aber noch die Frage, wo es am Samstag zum zweiten Spiel für mich hingehen sollte, ich hatte Huracan sehr klar ins Auge gefasst (es gab aber noch eine Alternative, an die ich mich gerade nicht mehr erinnere), der Lautrer wollte aber auch nach Huracan, sodass wir gemeinsam in die Gegend fuhren, sich die Wege aber dort erstmal trennten, da er über einen Kontakt ein Ticket auf der anderen Seite als ich hatte.

Huracan gehört ebenfalls zu den größeren Vereinen in BA, ist der Lokalrivale von San Lorenzo und spielte im Estadio Tomas Adolfo Duco. Und was soll ich sagen, ich war und bin noch immer schockverliebt. Es sieht von außen bereits fantastisch aus, aber von innen ist das zweifelsohne eines der geilsten Stadien, die ich jemals gesehen habe und ich bin ganz ehrlich, womöglich würde ich es in einer imaginären Ranking-Liste sogar auf Platz 1 setzen. Bilder gibt es hier, sie machen die Steilheit der Tribünen aber auch nur bedingt deutlich, dazu ist dieser Turm und die riesengroße Coca-Cola-Werbung an manchen Seiten einfach super kurios und einzigartig. https://www.europlan-online.de/estadio-tom%E1s-adolfo-duc%F3/stadion-6085.html

Das Stadion war lange nicht ausverkauft, Huracan spielte eine beschissene Saison und das zeigte sich auch beim 0:2 gegen Newells Old Boys an dem Tag. Stimmungsmäßig hat es natürlich auch Laune gemacht, aber es war nicht so gigantisch wie bei anderen Spielen wenig überraschend. Aber das Stadion, meine Güte, was für ein absoluter Traum. Gegen Ende des Spiels quatschten mich dann zwei Jungs und zwei Mädels an, ob ich ein Foto von ihnen machen könnte - es stellte sich heraus, dass einer von denen ebenfalls Deutscher war (aus der Ecke Hannover) und während des Spiels mit den drei Argentiniern ins Gespräch kam (im Gegensatz zu mir sprach er perfekt Spanisch), wenige Minuten später nahmen die Argentinier uns beide mit in ihrem Auto, um uns wieder in Richtung der Innenstadt und unseren Unterkünften zu bringen. Absolut wahnsinnig sympathische Menschen gewesen und den Samstagabend verbrachten der Lautrer vom Vormittag, der andere Deutsche vom Huracan-Spiele und ich dann noch gemeinsam mit reichlich Bier und Co., in verschiedenen Bars, war ein absoluter Weltklasse-Abend.

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Dann kam der Sonntag und man musste erstmal die Strapazen des Vorabends aus den Ärmeln schütteln, denn mit Boca - River stand natürlich DAS Spiel der Spiele an und zudem blieb natürlich auch immer noch ein bisschen Restzweifel, ob auch alles klappt.

Erstmal zur wahrscheinlich wichtigsten Frage: Wie kommt man an Tickets? Das ist bei Boca über normale Wege nahezu aussichtslos, da quasi alles an Socios, also Mitglieder, geht. Aber natürlich ist das Verkaufen an Fußballtouristen, Gelegenheitsurlauber und Groundhopper auch irgendwo ein Businessmodell. Man kann das natürlich über eigens vorhandene Agenturen machen, die Touren zu den Spielen anbieten, diese sind aber in meinen Augen maßlos überteuert und abseits von Boca kommt man halt sowieso fast immer irgendwie an Tickets (ich hab von Leuten gehört, die wirklich völlig absurde Preise für normale Spiele bei solchen Agenturen gezahlt haben, wo ich völlig entspannt an der Tageskasse reinkam, aber gut, es ist natürlich die vollkommen einfache und bequeme Variante, muss jeder selbst wissen).

Gerade auf Facebook gibt es allerdings einige Gruppen und Seiten zum Thema Groundhopping, wo natürlich auch immer wieder nach Ticketmöglichkeiten etc in Buenos Aires gefragt wird und da stößt man dann auch immer wieder auf Empfehlungen bestimmter Personen, die verlässlich Tickets auch für Boca liefern können. Gerade im deutschsprachigen Raum stößt man da immer wieder auf einen Schweizer, der seit einigen Jahren in BA lebt und gute Kontakte zu Boca und "La 12" (der Barra Bocas) hat, er hat zudem auch ein Buch über die "Fußballhauptstadt Buenos Aires" geschrieben und ich hatte auch schonmal ein Podcast mit ihm gehört, dementsprechend meldete ich mich frühzeitig bereits viele Wochen vorher bei ihm. Er sagte damals, dass er den Preis fürs Spiel erst so 7-10 Tage vorher erfährt, sich dann aber auch nochmal meldet - hat dann auch alles funktioniert und ich bekam schließlich 450.000 argentinische Pesos zu hören - das sind umgerechnet rund 270 Euro. Die Karte kommt dann direkt von "La 12" - und dementsprechend ist die Karte für die Hintertorseite, dort wo die Barra steht, also quasi mitten im Pulk. Das ist natürlich nicht ohne und aus neutraler Sicht hat man natürlich auch gerne einen klaren Blick auf die Fankurve, aber gut, so läuft das eben da (und Leute, die über andere Kontakte Tickets dann auch auf der Haupttribäne oder Gegentribüne hatten, zahlten dafür bei dem Spiel über 500 Euro).

270 Euro sind mit deutlichem Abstand das teuerste Ticket, das ich jemals für ein Fußballspiel zahlte, es war ja quasi nochmal der doppelte Preis vom Copa-Halbfinale Racing-Flamengo zwei Wochen zuvor, das bis dato mein teuerstes Ticket war. Aber gut - once in a lifetime - was will man machen? Andere Spiele von Boca kriegt man über den Schweizer übrigens häufig so für rund 100 Euro, je nach Gegner mehr oder weniger, River gibt natürlich einen gehörigen Aufschlag.

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Anstoß am Sonntag war um 16.30 Uhr. Die Ticketübergabe sollte nicht direkt über den Schweizer stattfinden, sondern über einen Argentinier, dazu wurden mir ein Tag vorher Bilder vom Treffpunkt sowie von der Person geschickt, die um 13 Uhr ankommen sollte. Dementsprechend musste man sich auch mit reichlich Vorlauf auf den Weg nach La Boca machen, ich wusste aber ja immerhin durch den Lautrer vom Vortag, dass er exakt die gleichen Instruktionen erhalten hatte, wir verabredeten uns dann auch für dort vor Ort. Vor dem Losfahren gab es allerdings erstmal eine logistische Herausforderung - denn die 450.000 Euro mussten vor Ort in Bargeld übergeben werden. Und Bargeld ist in Argentinien ja so eine Sache, zumal die Scheine lediglich bis 20.000 gehen und zudem diese auch rar sind. Ich musste also irgendwie wirklich riesige Geldbündel an mir verstauen, das dürften tatsächlich vier oder fünf Bündel gewesen sein, mit denen ich unterwegs war. Absurdistan.

Fahrt mit dem Uber zum Treffpunkt war schon wild, weil bereits 1-2 Kilometer zuvor überall auf den Straßen spürbar war, was hier heute los ist, einzelne Gruppen bereits Party machten etc, immer wieder auch Rauch gezündet und getanzt wurde. Der Treffpunkt selbst war dann an einer vielbefahrenen Hauptstraße, wo immer wieder vollbepackte Busse mit unzähligen Boca-Fans lang fuhren und vorfreudig grölten - absolut herrlich. Immer wieder auffällig: Personen im Gespenster-Outfit, eine Provokation Richtung River, nachdem die vor einigen Jahren mal das Desaster erlebten, in die zweite Liga abzusteigen.

Gut, und dann stellte ich mich an den Treffpunkt, der Kollege vom Vortrag traf bald ebenfalls ein. Und nein, wenig überraschend, waren wir nicht alleine. Es waren rund 15 (!) Deutsche, die sich plötzlich an dieser Ecke versammelt hatten und offensichtlich allesamt über den Schweizer Karten organisieren ließen. Und wie gesagt, das ist nur einer der Mittelsmänner, da gibt es noch deutlich mehrere, da kann man sich natürlich vorstellen, wieviele Groundhopper da an so einem Tag unterwegs sind. War schon eine recht kuriose Situation, wir sind dann mit ein paar Hamburgern, einem Fürther und einem Wolfsburger noch ein bisschen ins Quatschen gekommen, denn der Bote ließ klassisch argentinisch auf sich warten - abgemacht war wie gesagt 13 Uhr, irgendwann war es 14:15 Uhr :D

Irgendwann kam er dann aber und signalisierte uns, dass wir nicht alle gleichzeitig auf ihn zustürmen sollten, scheinbar schaut die örtliche Polizei nach solchen Sachen durchaus. Es war ein bisschen chaotisch, da der Kollege kein Wort Englisch sprach (und bei uns aber auch keiner Spanisch). Es wirkte zwischendurch auch so, dass er 1-2 Tickets zu wenig hatte, aber dann hatten plötzlich doch alle ihr Ticket in der Hand - und völlig absurd war einfach, wie wirklich 15 Leute der Reihe nach 450.000 Argentinische Pesos in Cash in seinen Rucksack warfen. Natürlich hat er das nicht vor Ort nachgezählt, man hätte also auch weniger geben können, aber bei der deutschen Gründlichkeit hats wahrscheinlich wirklich jeder bis zum letzten Tausender nachgezählt :D Die ganze Situation war aber trotzdem völlig skurril, ich kam mir vor wie in einem schlechten Film bei ner Drogenübergabe und dann ist der Typ halt einfach mit rund 7,5 Millionen Pesos in seinem Rucksack auf seinem Roller wieder abgedampft :D

Ich hielt also plötzlich ein Ticket in der Hand, wo als Preis übrigens 30000 Pesos draufstand, also rund 17 Euro :D Aber gut, jetzt musste es nur noch gehen. Wir (der Lautrer, der Fürther, der Wolfsburger und ich) machten uns dann auf dem Weg zur Bombonera und auf den Wegen und Straßen dahin herrschte einfach absolutes positives Chaos. Überall wurde gegrillt, gesoffen und getanzt und irgendwann hatten wir uns durchgekämpft und der Ungewissheit ob der gültigen Tickets wich der puren Erleichterung, denn wir kamen durch jede der zahlreichen Kontrollen durch.

Und dann stehst du da. In der Bombonera. Läufst die Treppen hoch. Es ist rund 15 Uhr, 15:10 Uhr, also noch viel Zeit bis zum Anpfiff. Und dann kommst du da oben im Hintertorblock an. Und siehst...wie der Block brechend voll ist. Brechend. Es war unmöglich für uns vier, auch nur eine Stufe herunterzugehen. Du willst dich ja auch nicht an den Leuten da vorbeidrängeln und quetschen, wenn du der Sprache nicht mächtig bist und zudem natürlich auch nicht zwingend argentinisch aussiehst. Wir mussten also allesamt (aber verteilt über 50 Meter) ganz oben uns platzieren und versuchen, irgendwas vom Spielfeld zu sehen. Das war aber nicht so einfach, denn über unserer Tribüne war noch der Oberrang und die Mauern des Oberrangs ragten quasi in unser Sichtfeld, das dementsprechend wirklich eingeschränkt war. Ich gebe zu, das war schon erstmal ein ziemlicher Downer, erst recht mit dem Gedanken am 270 Euro. Nichtsdestotrotz war die Atmosphäre natürlich gigantisch und als das Spiel näher rückte, konnte ich mit einigen Verrenkungen auch das Spielfeld einigermaßen gut sehen und zumindest das Spiel auch verfolgen. Ich hatte aber tatsächlich keine Chance, das ganze Stadion in seiner Pracht zu sehen, erst nach dem Abpfiff ging das. Und natürlich konnte ich auch Choreo und Tifo-Material nicht sehen, da wir dafür natürlich auf der falschen Tribüne standen, Videos hinterher waren aber weltklasse. Aber die Stimmung, meine Güte, die Stimmung. Gigantisch, ungezügelt, laut, wild. Das Spiel war zunächst typisch argentinisch grausam, Boca ging dann aber kurz vor der Pause in Führung, da brachen alle Dämme. Ich versuchte die Gunst der Stunde zu nutzen, im Torjubel einfach ein paar Stufen nach unten zu fallen, wurde aber quasi umgehend wieder nach oben getreten :D Keine Chance!

Zweite Halbzeit war dann von Boca-Seite tatsächlich ein gutes Spiel, River war chancenlos. Es fiel noch das 2:0, die Party war riesig. Mit Abpfiff traf ich die anderen drei wieder, wir verweilten natürlich noch im Stadion und gingen dann endlich mal, als sich das Rund etwas leerte, einige Stufen runter, um die Dimension des Stadions auf sich wirken zu lassen. Blau und Gelb sind fantastische Farben und das kommt einfach schon richtig geil. Es war natürlich etwas schade, was die Plätze während des Spiels betraf, nichtsdestotrotz war es eine absolut denkwürdige und unvergessliche Erfahrung. Wir waren nach dem Spiel und der ganzen Eindrücke allesamt dermaßen platt, es dauerte ein bisschen, bis wir ein Uber bekommen hatten (La Boca ist dann im Dunkeln schon auch nicht mehr das allergeilste Viertel), aber schafften es dann letztlich, uns wieder im Zentrum absetzen zu lassen und gingen dort zu viert noch was essen, ehe es dann aber auch wirklich völlig ko ins Bett ging. Jetzt brauch ich ne Pause.
 
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