Wenn wir über frühe Kaderbewertungen sprechen, finde ich Trier als Beispiel ziemlich spannend.
Trier ist aktuell eines der wenigen Teams, bei denen eine ernsthafte Zwischenanalyse überhaupt schon Sinn macht. Der Kader ist vermutlich auch dort noch nicht final in Stein gemeißelt, aber die Richtung bekommt man schon ziemlich gut zu greifen.
Trier versucht offenbar, den defensiven Floor deutlich anzuheben, ohne die offensive Stärke aus der Vorsaison zu verlieren.
Trier spielte 25/26 mit einer Pace von 79,1 ein ziemlich hohes Tempo.
Das Offensive Rating lag bei 110,3, die True Shooting Quote bei 59,5 Prozent und die effektive Feldwurfquote bei 55,4 Prozent.
Das Problem lag eher auf der anderen Seite. Das Defensive Rating lag bei 117,0. Die Gegner kamen auf 93,4 Punkte im Schnitt, trafen 47,1 Prozent aus dem Feld und hatten selbst eine effektive Feldwurfquote von 54,0 Prozent. Trier konnte scoren und hat eben auch sehr viel zugelassen.
Und so holen sie Justin Simon aus Ulm. Zweiter in der Wahl zum Defensive Player of the year. Direkt hinter EJ Onu - der Erster bei dieser Wahl wurde.
Simon adressiert den ersten Teil des defensiven Problems: individuelle Defense, Druck am Ball, Passing Lanes, Athletik auf dem Flügel. Onu adressiert den zweiten Teil: Ringbeschützung, Länge, Blocks, Abschlüsse verändern.
Das ist schon eine Ansage.
Jordan Roland bleibt als zentraler offensiver Anker. Dazu kommt Eli Brooks zurück. Das hat in der letzten Hinrunde schon sehr stark funktioniert. Roland plus Brooks ist ein anderes Brett. Damit hat Trier zwei klare Guard-Optionen, die scoren, kreieren und schwierige Würfe nehmen können.
Simon ist ein Spieler, der dir einen Abend kaputtmachen kann, ohne selbst 18 Punkte aufzulegen. Einer, der den besten gegnerischen Guard oder Wing nervt, Passing Lanes attackiert, physisch ist und in Transition Druck macht
Onu bringt 2,11 m, Ringprotection und Shotblocking,
Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, kam Onu letzte Saison alleine fast auf so viele Blocks im Schnitt wie die gesamte Trierer Mannschaft. Das sagt schon einiges darüber, was Trier sich da ins Zentrum der Defense holt.
Dazu verpflichtet Trier auf den deutschen Spots Hundt und Krimmer. Auch das sind keine Zufallstransfers.
Natürlich verliert Trier auch Qualität.
Urald King und George King sowie Ashworth wurden ebenso verabschiedet wie Adekunle. Er ist für mich vielleicht sogar der unterschätzteste Verlust, weil ein deutscher Wing mit Wurf in der BBL einfach wertvoll ist.
Trotzdem wirkt Trier Stand jetzt ziemlich klar gebaut.
Der 12er-Kader könnte ungefähr so aussehen:
PG: Eli Brooks, Bennet Hundt
SG: Jordan Roland, Behnam Yakhchali, Evans Rapieque
SF: Justin Simon, Clayton Guillozet
PF: Moritz Krimmer, Marco Hollersbacher
C: EJ Onu, Marten Linßen, Maik Zirbes
Natürlich sind die Positionen nicht ganz sauber trennbar.
Simon kann defensiv mehrere Positionen abdecken. Guillozet ist eher Connector zwischen Guard und Flügel. Zirbes wird vermutlich eher situativ und als Leader wichtig sein als dauerhaft viele Minuten zu bekommen. Bei seiner Vertragsverlängerung wurde ja ausdrücklich von einer „neuen Rolle“ gesprochen.
Die wahrscheinlichste Starting Five wäre für mich:
Brooks – Roland – Simon – Krimmer – Onu
Die Offense ist stark guardlastig aufgebaut. Brooks und Roland müssen viel Shotmaking und Creation tragen. Simon und Onu geben der Defense ein sehr klares Gesicht. Krimmer ist der deutsche Funktionsspieler dazwischen.
Die größte offene Frage bleibt für mich das Spacing.
Simon ist kein klassischer Shooter. Onu sowieso nicht. Krimmer ist eher Körper, Rolle und Rebounding als Stretch-Gefahr. Je nachdem, wie stabil Yakhchali, Guillozet oder andere Rotationsteile werfen, kann es im Halbfeld auch mal eng werden.
Im Vergleich zu uns hat Trier Stand heute vielleicht den klareren defensiven Floor. Würzburg hat für mich dagegen das spannendere offensive Ceiling. Mehr Spacing-Fantasie, mehr Variabilität und unterschiedlichere Rollen. Aber eben auch mehr Übersetzungsfragen aus den vorherigen Ligen unserer neuen Imports.
Trier ist leichter zu lesen. Würzburg ist variabler, aber spekulativer.
Die Gladiators sind für mich definitiv ein Kandidat, der die Vorjahresleistung toppen kann. Platz 8, Play-In, Aus dann in der ersten Playoff-Runde gegen Bayern — das war schon stark. Und der Umbau wirkt so als wolle man sich damit nicht zufrieden geben.
Mit der rosaroten Fanbrille auf der Nase sag ich dennoch: „Residenz schlägt Porta, fränkisch ist mein Wein — Gladiators gegen Baskets? Würzburg in drei!“