Ausscheiden aus der BCL- Quali und was das über den Kader aussagt
27. Mai 2026, Spiel 5 in Bonn. Würzburg liegt nach einer katastrophalen zweiten Hälfte mit 63:66 zurück. Noch einmal Ballbesitz, noch einmal die Chance, die Saison zu verlängern. Marcus Carr nimmt den Dreier zum Ausgleich... die Saison endet an dieser Stelle.
Knapp vier Monate später in Samokov das nächste Pflichtspiel. Wieder Do or Die. Wieder entscheidet sich im letzten Angriff über den Verbleib im Wettbewerb.
Diesmal hat man sich nach zwischenzeitlich 16 Punkten Rückstand sogar noch einmal zurückgekämpft, geht kurz vor Schluss 73:72 in Führung und bekommt nach dem Freiwurf von Manchester noch eine letzte Chance. Sam Griffin nimmt den Wurf. Daneben. BCL-Aus.
Natürlich kann man diese beiden Spiele nicht einfach miteinander gleichsetzen. Aber ich finde die Parallele interessant, weil momentan sehr schnell über die Qualität der neuen Mannschaft gesprochen wird. Vor allem Carr und Mintz werden dabei als Referenz genannt. So nach dem Motto: Genau diese individuelle Klasse fehlt uns jetzt.
Und da lohnt sich vielleicht ein Blick auf das, was damals tatsächlich passiert ist.
Würzburg hat gegen Bonn in diesem entscheidenden fünften Spiel 63 Punkte gemacht. 32,3 Prozent aus dem Feld, 25,8 Prozent von der Dreierlinie. Der eFG lag bei 38,5 Prozent, der True Shooting Wert bei 44 Prozent.
Marcus Carr hatte 10 Punkte bei 4/16 aus dem Feld und 2/9 Dreiern. Davion Mintz kam auf 8 Punkte bei 2/9. Nimmt man Brae Ivey noch dazu, kamen die drei Guards zusammen auf 30 Punkte bei 9/34 Würfen.
26,5 Prozent Trefferquote.
Und ich glaube, niemand von uns würde heute ernsthaft behaupten, Marcus Carr oder Davion Mintz hätten deshalb keine Qualität gehabt.
Genau deshalb tue ich mich schwer damit, nach einem Pflichtspiel schon ziemlich endgültige Urteile über Kenny Dye oder die Qualität der neuen Guard Rotation zu fällen.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass ich das Manchester-Spiel irgendwie schönreden möchte. Das Ausscheiden ist eine Enttäuschung. Würzburg war Favorit und Manchester ist ein Gegner, den ein BBL-Playoffteam schlagen sollte. FIBA selbst hat das Ergebnis als eines der großen Upsets dieser Qualifikation eingeordnet.
Aber wenn wir anfangen, daraus abzuleiten, dass Würzburg grundsätzlich die individuelle Qualität der vergangenen Saison fehlt, dann sollte man sich die Zahlen schon etwas genauer anschauen.
Gegen Manchester hat Würzburg 73 Punkte erzielt. 38,5 Prozent aus dem Feld, 30 Prozent von draußen. Auch das ist offensiv nicht gut, aber sogar besser als damals in Bonn.
Noch interessanter wird es bei den Guards.
Dye, Griffin und Jones kamen gemeinsam auf 37 Punkte bei 13/33 aus dem Feld. Das entspricht einem eFG von 50 Prozent und einem True Shooting von rund 53 Prozent.
Carr, Mintz und Ivey lagen im letzten Spiel gegen Bonn bei einem eFG von knapp 34 Prozent.
Beweist das irgendetwas?
Eigentlich nur, wie vorsichtig man sein sollte, wenn man einzelne Spiele zur grundsätzlichen Bewertung von Spielern heranzieht.
Denn natürlich waren Carr und Mintz herausragende Basketballer. Das ist gar nicht die Frage. Aber auch sie konnten ein Do-or-Die-Spiel haben, in dem offensiv fast gar nichts funktioniert.
Kenmy Dye's shooting gegen Manchester war schlimm. Da gibt es nichts schönzureden.
2 Punkte. 1/7 aus dem Feld. 0/4 Dreier. Ein True Shooting von ungefähr 14 Prozent.
Wenn man nur auf sein eigenes Scoring schaut, kann ich verstehen, warum der Auftritt bei einigen hier so schlecht hängen geblieben ist.
Aber dann stehen da eben auch 7 Assists bei nur einem Turnover und 3 Steals.
Sieben Assists bei einem Ballverlust sind für einen Point Guard alles andere als gruselig.
Dye war als Scorer an diesem Abend überhaupt kein Faktor. Als Spielmacher war sein Spiel deutlich besser, als es sich in der Diskussion gerade liest.
Und ich glaube, da kommt noch etwas dazu: Möglicherweise legen wir bei Dye gerade den falschen Maßstab an.
Würzburg hat ihn meines Erachtens nie als neuen Marcus Carr angekündigt. Loncar hat bei seiner Verpflichtung vor allem davon gesprochen, dass Dye das Spiel lesen und den Rhythmus kontrollieren kann. Er kam aus Rumänien mit 16,8 Punkten und 4,5 Assists. Natürlich soll und muss von ihm auch Scoring kommen. Zwei Punkte reichen sicher nicht.
Aber der Spieler, der als Scorer und Self Creator verpflichtet wurde, ist Sam Griffin.
Und ausgerechnet Griffin macht gegen Manchester 26 Punkte in knapp 26 Minuten. 9/17 aus dem Feld. 6/10 Dreier. Rund 71 Prozent True Shooting.
Das passt für mich überhaupt nicht zu der Erzählung, dass Würzburg in diesem Spiel gezeigt hätte, dass kein individueller Scorer mehr vorhanden ist. Griffin hat genau das gemacht.
Dass sein letzter Wurf nicht fällt, ändert daran genauso wenig, wie Carrs Fehlwurf in Bonn seine Qualität verändert hat.
Die Frage, die ich viel spannender finde, ist deshalb eine andere: Wie gut funktioniert diese Rollenverteilung, wenn ein Gegner Würzburgs erste Optionen wegnimmt?
Dye soll organisieren. Griffin soll scoren. Jones soll zusätzliche Creation bringen.
Ob diese Mischung auf BBL-Niveau wirklich reicht, wissen wir noch nicht.
Nach Manchester darf man daran Zweifel haben. Vor allem Jones hat mich bislang noch nicht überzeugt. Aber das ist für mich etwas anderes als die Feststellung, dass dem Kader grundsätzlich die individuelle Qualität fehlt.
Was mich gegen Manchester deutlich mehr beschäftigt, ist die Defensive.
Manchester hatte am Ende einen eFG von 58,2 Prozent. 50,9 Prozent aus dem Feld. 55,6 Prozent bei den Zweiern. 42,1 Prozent von draußen. Das ist enorm effizient.
Und gleichzeitig hat Würzburg vieles gemacht, was normalerweise dabei hilft, ein Spiel zu gewinnen. Manchester hatte 17 Turnover, Würzburg nur 10. Würzburg holte mehr Offensivrebounds und hatte am Ende zehn Feldwurfversuche mehr.
65 Würfe für Würzburg, 55 für Manchester.
Man hatte also zusätzliche Possessions und zusätzliche Abschlüsse. Trotzdem verliert man. Für mich ist das der deutlich interessantere statistische Befund des Spiels. Manchester hat aus seinen Würfen einfach wesentlich mehr gemacht.
Da muss man natürlich auch fragen, warum.
War das einfach ein heißer Abend eines Gegners, der 42 Prozent von draußen trifft? Oder hat Würzburg zu viele gute Würfe zugelassen? Wie gut waren die Closeouts? Was ist nach Switches passiert? Wie oft kam Manchester wirklich in komfortable Abschlüsse?
Das kann man aus dem Boxscore alleine nicht beantworten.
Aber genau diese Frage würde mich im Moment deutlich mehr beschäftigen als die Aussage, Kenny Dye sei ein Rohrkrepierer.
Auch Charles Thompson finde ich im Übrigen interessant. Er kommt auf 8 Punkte, 8 Rebounds, davon 4 offensiv, dazu 2 Blocks und ein Plus/Minus von +6.
Das ist kein überragendes Spiel, aber auch kein Auftritt, bei dem ich nachher über fehlende Qualität auf der Centerposition sprechen würde.
Colbert dagegen hatte offensiv einen richtig schlechten Abend. 0 Punkte bei 0/5. Neun Rebounds ändern daran erst einmal nichts. Da gibt es momentan schon Fragezeichen.
Und natürlich gibt es noch ein größeres: Warum gerät Würzburg gegen Manchester überhaupt mit 16 Punkten in Rückstand?
Das ist für mich der Punkt, bei dem man die Niederlage auch nicht mit irgendwelchen Advanced Stats wegdiskutieren kann.
Manchester war kein Fallobst. Die Mannschaft stand vergangene Saison im ENBL-Finale und hat dort auf dem Weg ins Endspiel auch Weißenfels geschlagen. Trotzdem muss Würzburg dieses Spiel gewinnen.
Dass man im dritten Viertel 42:58 hinten liegt, ist für mich deutlich problematischer als die Tatsache, dass Griffin am Ende den Gamewinner nicht trifft.
Was ich deshalb aus dem Spiel mitnehme:
Ich sehe viele Fragezeichen.
Bei Dye vor allem beim eigenen Scoring. Bei Jones bei der Effizienz seiner Creation. Bei Colbert offensiv. Und ich möchte sehen, ob die Defense nach der Vorbereitung wirklich so gut ist, wie sie phasenweise aussah.
Aber ich sehe nach diesem Spiel noch keinen Beleg dafür, dass die neue Mannschaft grundsätzlich weniger individuelle Qualität besitzt als die alte.
Dafür ist die Stichprobe viel zu klein.
Und wenn wir schon anfangen, die vergangenen Guards als Maßstab zu nehmen, sollten wir auch daran erinnern, wie deren Saison geendet hat.
63 Punkte. Carr und Mintz gemeinsam 6/25 aus dem Feld. Letzter Wurf Carr. Daneben.
Niemand hätte danach ernsthaft behauptet, Marcus Carr könne keine Spiele entscheiden.
Vielleicht sollten wir Sam Griffin, Kenny Dye und dem Rest der Mannschaft ein bisschen mehr als ein Pflichtspiel geben, bevor wir dasselbe Urteil in die andere Richtung fällen.
Manchester hat Probleme sichtbar gemacht. Die sollte man sich anschauen.
Aber Probleme sichtbar machen und endgültige Antworten liefern sind für mich zwei ziemlich verschiedene Dinge.