Saisonauftakt gegen Oldenburg: 7 Minuten der Hoffnung
Ich bin gestern aus der Halle gegangen und meine Gefühle waren so ambivalent wie selten.
Ich kenne dieses innerliche Faustballen auf dem Weg zur Straba. Diese fast kindliche Freude, wenn die Turnhölle mal wieder die letzten Prozent dazu beigetragen hat, einen Sieg einzufahren.
Dieses Gefühl hatte ich gestern ungefähr sieben Minuten lang. Wie geil hat diese Mannschaft da gespielt? Bis die Courtside-VIP-Plätze nach der Halbzeit wieder einigermaßen besetzt waren, wurde aus einer ziemlich ernüchternden ersten Hälfte plötzlich genau das, was ich mir von diesem Team erhofft hatte.
Der Bruch kam leider postwendend.
Erst fahrig, dann plötzlich Vollgas
Das erste Viertel war wirklich mies.
12:21, fahrige Ballverluste, wenig Selbstvertrauen. Oldenburg hatte nach zehn Minuten bereits sieben Assists, Würzburg dagegen schon sechs Turnover.
Filipovski sprach hinterher selbst davon, dass seine Mannschaft ängstlich und ohne Selbstvertrauen begonnen habe. Genau so hat es sich in der Halle angefühlt.
Im zweiten Viertel wurde es stabiler. Kein großartiger Basketball, aber Würzburg kam langsam ins Spiel.
Und dann diese ersten Minuten nach der Halbzeit. Aus 33:40 wird 51:42.
Ein 18:2-Lauf.
Plötzlich war die Halle da. Die Defense war aggressiv, Würzburg kam ins Laufen, Oldenburg wirkte zum ersten Mal richtig verunsichert.
Ich war zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt komplett angezündet.
Neun Punkte vorne. Jetzt irgendwie kontrollieren. Führung halten. Spiel nach Hause bringen.
Hat ungefähr drei Minuten funktioniert.
Ausgerechnet Nicholas Tischler, der wegen seiner drei Fouls im ersten Viertel lange auf der Bank gesessen hatte, kommt zurück und trifft in der kritischen Phase drei Dreier.
Oldenburg fängt sich wieder. Aus 51:42 wird bis zur Viertelpause ein 54:53. Das letzte Viertel geht dann mit 14:24 verloren.
Vom 51:42 bis zum Endstand 68:77 spielt Oldenburg also 35:17.
Eigentlich erzählen diese beiden Spielstände schon ziemlich viel über den Abend.
Das Possession Game hat uns gekillt
Nach meinem Eindruck in der Halle hätte ich zunächst gesagt: Würzburg hat am Ende offensiv einfach nicht genügend gute Lösungen gefunden.
Der Boxscore erzählt die Geschichte etwas genauer.
Denn Würzburg hat tatsächlich
effizienter geworfen als Oldenburg.
Würzburg:
22/52 FG, 42,3 %
7/21 Dreier, 33,3 %
eFG 49,0 %
TS 54,0 %
Oldenburg:
28/71 FG, 39,4 %
8/27 Dreier, 29,6 %
eFG 45,1 %
TS 47,0 %
Das Problem war also gar nicht primär, dass Oldenburg besser getroffen hätte.
Oldenburg durfte einfach viel öfter werfen.
71 Feldwurfversuche gegen 52.
19 Würfe Unterschied. Und da landen wir beim eigentlichen Problem dieses Spiels.
Oldenburg holt
17 Offensivrebounds. Gleichzeitig verliert Würzburg 14-mal den Ball, Oldenburg gerade einmal sechsmal.
Beim Assist/Turnover-Verhältnis stehen am Ende:
Würzburg 19 Assists / 14 Turnover = 1,36
Oldenburg 24 / 6 = 4,0
Filipovski hat nach dem Spiel genau diese 17 Offensivrebounds und die 19 zusätzlichen Feldwurfversuche angesprochen.
Da hilft dir irgendwann auch die bessere Wurfeffizienz nicht mehr.
Interessant ist übrigens auch etwas anderes: Würzburg hat 19 Assists bei 22 Feldtreffern. Die erfolgreichen Würzburger Angriffe waren also durchaus häufig gut herausgespielt.
Mein Eindruck von „unstrukturiert“ bedeutet deshalb gar nicht unbedingt, dass der Ball grundsätzlich schlecht bewegt wurde.
Das Problem waren eher die Possessions, die gar nicht erst zu einem Abschluss führten. Sechs Turnover alleine im ersten Viertel. 14 insgesamt.
Dazu 17 zweite Chancen für Oldenburg. Das ist ein enormer Unterschied.
Und selbst die reine Reboundzahl täuscht ein bisschen. Würzburg gewinnt das Reboundduell sogar mit 40:39. Liest sich gut. Wenn davon auf der anderen Seite aber 17 Offensivrebounds sind, erzählt die Gesamtzahl eben nur die halbe Geschichte.
Brandon Tischler
Für mich der beste Würzburger.
15 Punkte, 9 Rebounds, 3 Assists, 0 Turnover.
5/9 aus dem Feld, 4/4 Freiwürfe, 69,7 % True Shooting und eine Effektivität von 24.
Und das in nur 24:46 Minuten. Ich hätte ihn gestern gerne länger auf dem Feld gesehen.
Gerade weil Würzburg in diesen sieben starken Minuten genau die Dinge gebraucht hat, die Tischler mitbringt: Physis, Bewegung, Rebounding, Defense und keine unnötigen Fehler.
Eddie Colbert
Meine positivste Überraschung.
14 Punkte, 12 Rebounds, 5/9 aus dem Feld, 2/5 Dreier. Trotz nur 2/6 von der Freiwurflinie kommt er noch auf 60,1 % True Shooting. Effektivität 15. Zwölf der 40 Würzburger Rebounds.
30 Prozent aller Teamrebounds kommen von Colbert.
Und bei ihm fand ich den Abend fast sinnbildlich. Am Anfang dachte ich kurz: Oh Gott, das erinnert ein bisschen an Muenkats erste Wochen.
Freiwürfe daneben, etwas ungestüm, erste unsaubere Aktionen. Sofort ging dieses Raunen durch die Halle.
Bei seinen Freiwürfen gab es sogar vereinzelte Pfiffe. Beim ersten BBL-Spiel dieser Mannschaft. Keine Ahnung, was sowas soll. Danach fand ich ihn richtig stark.
Und als Colbert seinen Dreier trifft, sieht man sofort diese Spacing-Idee, über die wir hier den ganzen Sommer gesprochen haben. Wenn dein Vierer draußen respektiert werden muss, geht plötzlich Raum auf.
Colbert trifft zwei Dreier, wird zusätzlich zweimal beim Dreier gefoult, kann Closeouts attackieren und räumt gleichzeitig am Brett auf.
Genau dieses Paket macht ihn interessant.
Die fünf Turnover müssen natürlich runter. Das sind
mehr als ein Drittel aller Würzburger Ballverluste.
Aber nach gestern habe ich bei ihm eher mehr Lust bekommen als weniger.
Da steckt für mich ziemlich viel Fanliebling-Potenzial drin.
Und vielleicht war unser ganzer Sommerdiskurs „zu wenig Physis für die BBL“ zumindest etwas vorschnell.
12 Rebounds gegen Oldenburg sind erstmal 12 Rebounds.
Kenny Dye
Mit seinem eigenen Scoring wird er nach diesem Spiel weiterhin niemanden beruhigen.
3 Punkte, 1/3 aus dem Feld, TS 38,7 %.
Aber dann stehen dort eben auch:
9 Assists. Kein einziger Turnover.
Neun der 19 Würzburger Assists kommen von Dye. Fast jeder zweite.
Die gesamte Mannschaft verliert 14 Bälle, der nominelle Point Guard keinen einzigen. Effektivität 12.
Nach der Diskussion der vergangenen Tage finde ich das durchaus erwähnenswert. Er muss selbst gefährlicher werden. Wenn die Defense weiß, dass Dye praktisch ausschließlich organisieren möchte, wird das irgendwann auch Auswirkungen auf Pick-and-Roll-Coverages und Spacing haben.
Aber dieses Spiel war für mich sicher kein Beleg dafür, dass Dye keinen BBL-tauglichen Point Guard spielen kann. 9 Assists bei 0 Turnovern sprechen eine ziemlich andere Sprache.
Sam Griffin
Bei Griffin war es der Gegenentwurf zu Manchester. Dort 26 Punkte und sechs Dreier. Gestern:
10 Punkte, 3/11 aus dem Feld, 2/7 Dreier, TS 42,1 %, Effektivität 5.
Auf mich wirkte er teilweise verunsichert. Und genau bei ihm merkt man vielleicht am stärksten, wie schmal der Grat momentan noch ist. Läuft Griffin heiß, wie gegen Manchester, verändert er ein Spiel praktisch alleine.
Gestern kam dieser Moment nie. Das ist natürlich keine Kritik daran, dass ein Scorer auch schlechte Shooting-Abende hat. Die haben alle.
Aber in einem Spiel, das trotz allem bis tief ins dritte Viertel auf Würzburger Seite lag, hätte ein halbwegs normaler Griffin-Abend vermutlich schon einiges verändert.
Pjanic, Wishart und die zweite Guard-Line
Alen Pjanic hatte leider einen gebrauchten Abend. 13 Minuten, 3 Punkte, 1/4 aus dem Feld, ein Rebound, kein Assist. Effektivität 1, TS 37,5 %. Da kam einfach zu wenig.
Calvin Wishart fand ich ebenfalls ziemlich ungriffig. 4 Punkte, kein Rebound, 2 Assists und 2 Turnover in knapp 14 Minuten, Effektivität 2.
Gerade während des Oldenburger Comebacks hatte ich bei ihm in der Halle mehrfach das Gefühl, dass defensiv der Zugriff verloren ging und dadurch schnelle Situationen in Richtung Zone entstanden.
Und was war mit Charles Thompson?
Seine sieben Punkte bei 3/4 aus dem Feld sehen mit 71,7 % True Shooting erstmal völlig okay aus. Dann schaut man weiter.
28:30 Minuten. Ein Rebound. Dazu drei Turnover und vier Fouls. Effektivität 5.
Ich fand ihn gestern irgendwie ständig „in der Luft“ hängend. Nicht komplett schlecht. Aber selten wirklich im Spiel.
Und wenn Oldenburg gleichzeitig 17 Offensivrebounds holt, fällt dieser eine Rebound natürlich noch stärker auf.
Leo Saffer macht es fast absurd:
11:30 Minuten, acht Rebounds, davon drei offensiv. Colbert, Brandon Tischler und Saffer holen zusammen
29 der 40 Würzburger Rebounds.
Thompson einen. Das würde ich nach einem Spiel nicht überinterpretieren. Aber es ist definitiv eine Zahl, auf die ich gegen Ulm nochmal schauen werde.
Max Jones bleibt offensiv ebenfalls eher unauffällig. Vier Punkte, drei Rebounds, ein Assist, ein Turnover und 1/3 aus dem Feld.
Lukas Herzog macht in 14 Minuten vier Punkte und trifft seinen einzigen Dreier.
Sind die sieben Minuten Hoffnung oder Täuschung?
Das ist für mich nach dem Spiel die spannendste Frage. Ich möchte den 18:2-Lauf nicht romantisieren.
Basketball besteht aus Runs. Gegner verwerfen Würfe, Momentum entsteht, eine Halle kommt dazu. Sieben Minuten beweisen überhaupt nichts.
Aber sie zeigen zumindest eine Version dieser Mannschaft, die ich sehr gerne häufiger sehen würde.
Hoher defensiver Druck. Tempo nach Ballgewinnen. Dye organisiert. Tischler bringt Physis und Bewegung. Colbert zieht als Vierer die Defense nach draußen. Griffin bekommt Räume. Und plötzlich sieht ein Angriff, der vorher eng und nervös war, ziemlich modern aus.
Das Problem ist: Diese Mannschaft kann dieses Niveau momentan nicht stabil halten.
Gegen Manchester lag Würzburg 16 Punkte zurück, kämpft sich komplett zurück und hat am Ende den Wurf zum Sieg. Gegen Oldenburg wird aus minus sieben plötzlich plus neun. Und dann kippt das Spiel wieder. Das ist nach zwei Pflichtspielen natürlich noch kein belastbares Muster. Aber es ist zumindest etwas, worauf ich in den nächsten Wochen achten werde.
Vielleicht verwöhnt uns der letzte Saisonstart auch ein bisschen
Ich habe mir dazu nochmal angeschaut, wie Würzburg unter Filipovski in den vergangenen Jahren in die Saison gekommen ist.
Und das relativiert zumindest ein wenig dieses Gefühl, dass eine gute Würzburger Mannschaft im September sofort fertig aussehen müsste.
2023/24 stand Würzburg nach den ersten fünf tatsächlich ausgetragenen BBL-Spielen bei
2:3.
Sieg in Hamburg, Niederlage gegen Ludwigsburg, Sieg gegen Braunschweig, Niederlage in München, dann 68:70 gegen Chemnitz.
Später stand diese Mannschaft bei 24:10, wurde Fünfter und zog ins Halbfinale ein.
2024/25 begann die BBL mit einem 76:85 in Ulm.
Bis Ende Oktober stand man in der Liga bei
2:2. Dazu kamen starke Siege in der Champions League, aber auch das Pokalaus in Göttingen.
Am Ende stand wieder das Halbfinale.
Und dann kam 2025/26.
72:61 in Bonn.
92:80 gegen Braunschweig.
84:79 in Ludwigsburg.
78:63 gegen Trieste.
96:92 gegen ALBA.
70:68 gegen Igokea.
Sechs Pflichtspielsiege zum Start.
Vielleicht war das einfach außergewöhnlich. Und vielleicht hat genau dieser Saisonstart unseren Maßstab ein bisschen verschoben.
Auch diese Mannschaft verlor anschließend im Pokal in Oldenburg, in Istanbul gegen Galatasaray und ging in Heidelberg mit 51:85 ziemlich übel unter.
Das soll die aktuellen Probleme überhaupt nicht wegwischen.
BCL-Quali raus und danach Heimniederlage zum BBL-Start ist kein guter Saisonbeginn.
Aber Filipovski-Mannschaften waren in Würzburg eben nicht jedes Jahr Ende September schon das, was sie einige Monate später waren.
Und noch etwas zur Halle
Ich habe gestern hinter mir mehrfach Kommentare gehört, bei denen ich mich wirklich gefragt habe, warum man überhaupt hingeht. Nach einem vergebenen Freiwurf: „Vier Wochen in den Keller sperren und Freiwürfe üben.“
Zwischendurch: „Solche Pfeifen.“
Und ähnliches. Erstes BBL-Spiel einer fast komplett neu zusammengestellten Mannschaft. Ganz ehrlich: Wenn das die Art ist, wie man sein Team unterstützt, kann man auch zuhause bleiben. Natürlich darf man sich ärgern.
17/25 Freiwürfe sind auch nicht gut. 14 Turnover sind zu viel. 17 zugelassene Offensivrebounds machen mich wahnsinnig.
Aber Spieler beim ersten Heimspiel auszupfeifen, weil Freiwürfe nicht fallen?Da bin ich raus.
Was bleibt?
Ich bin nach gestern nicht pessimistischer, was die grundsätzliche Qualität dieses Kaders angeht.
Ich bin skeptischer, was die Stabilität angeht.
Das Team wirkt noch nicht sicher genug in seinen Rollen und in schwierigen Phasen fehlt momentan die Ruhe, die wir in den vergangenen Jahren irgendwann als selbstverständlich wahrgenommen haben.
Gleichzeitig sehe ich Sachen, die mir gefallen.
Colbert macht mich weiter neugierig. Brandon Tischler sieht aus, als könnte er sehr wichtig werden. Dye organisiert deutlich besser, als seine drei Punkte vermuten lassen.
Und für sieben Minuten konnte man sehen, wie das Ganze aussehen könnte, wenn es ineinandergreift.
Letztes Jahr haben wir nahezu perfekt angefangen und später trotzdem Phasen erlebt, in denen gar nichts mehr ging.
Dieses Team scheint den umgekehrten Weg gehen zu müssen.
Es braucht Zeit.
Und vielleicht werden aus diesen sieben Minuten auch mehr...