STANDARD: Zu Zeiten der Corona-Pandemie haben Sie sich
im STANDARD für die Impfung ausgesprochen und auf Ihre Vorbildrolle hingewiesen. Was macht es mit Ihnen, in der Öffentlichkeit zu stehen?
Scheib: Ich möchte mich nie verstellen müssen. Wir haben eine Vorbildfunktion, dessen bin ich mir bewusst. Man kann sich sicher sein, dass das, was man von mir hört und sieht, zu hundert Prozent ich bin.
STANDARD: Ich könnte mir vorstellen, dass es im Skizirkus gar nicht einfach ist, sich nicht zu verbiegen – speziell im Erfolgsfall.
Scheib: Ich glaube sogar, dass es im Sport noch am einfachsten ist. Die Emotionen sollten ja echt sein, im Sport darf man sich freuen und ärgern. Zur heutigen Zeit wird das immer schwieriger, denn jeder will etwas Schönes von sich zeigen, gar das Perfekte vorleben. Das muss überhaupt nicht so sein. Ehrlichkeit ist eher der richtige Ansatz, als zwanghaft etwas vorzutäuschen. Es darf schon menscheln.
STANDARD: Was denken Leute über Ihren Beruf, das nicht stimmt?
Scheib: Ich finde den Gedanken von Alice Robinson schön, den sie zuletzt im Podcast von Mikaela Shiffrin geteilt hat: Wir fahren nicht gegen eine Person, sondern gegen die Zeit, die Piste, den Lauf. Das macht es zum coolen Sport, weil wir uns alle gut verstehen. Es gibt Ausnahmen, mit denen ich nicht unbedingt auf einen Kaffee gehen würde, im Großen und Ganzen sind das aber alles nette Sportlerinnen. Ich hoffe, dass das auch so rüberkommt.
STANDARD: Gibt es Vorurteile gegenüber Ihrer Person?
Scheib: Mein strenger Blick wird oft zum Thema gemacht. Dabei bin ich einfach in Gedanken. Wer hat da schon den größten Grinser? Man wird oft gefilmt. Da ist es unmöglich, permanent zu grinsen. Vielleicht wirke ich dadurch etwas streng. Ich bin entspannter, als man glaubt.
STANDARD: Ich bezweifle, dass der strenge Blick eines männlichen Sportlers derart zum Thema gemacht werden würde.
Scheib: Das ist bei Männern definitiv anders. Ein Marco Schwarz ist im Interview auch voll fokussiert. Das passt auch. Von uns Frauen erwartet man, dass man in die Kamera lächelt. (Lukas Zahrer, 7.1.2026)