Ich sehe das Schwergewicht derzeit zwar relativ schwach, aber es liegt nicht röchelnd am Boden und wartet auf den Gnadenstoß. Das Problem ist etwas verschachtelt: Es gibt über dem Mittelmaß nur einige wenige Spitzenboxer, und die sind zu allem Überfluss keine Amerikaner. In Amerika wiederum wandern die jungen Athleten lieber in den Breitensport als in die Boxhalle, also schwindet der Pool an Leuten, die sich bis zur absoluten Spitze gegen mächtige Konkurrenz "durchboxen" müssen. Die Folge: Es wird weniger selektiert, die Leistungsdichte sinkt, die Nachfrage bricht weg, weil keine Helden mehr da sind.
Die Klitschkos füllen die Rolle der Helden sportlich gesehen ohne Zweifel aus, aber sie brechen auch mit der über Generationen gewachsenen Erwartungshaltung. Nämlich der, wie ein wahrer Champion auszusehen, zu boxen und wie er sich außerhalb des Rings zu verhalten hat. Vielleicht profitieren sie auch ein wenig von der geringen Leistungsdichte, aber das ändert schließlich nichts daran, dass sie derzeit zu Recht an der Spitze der Klasse stehen. Überhaupt könnte man den Siegeszug europäischer und osteuropäischer Boxer als schleichenden Prozess beschreiben, der den Schwerpunkt der Gewichtsklasse von Amerika zunehmend nach Europa rückt. Das sollte man als Boxfan einfach akzeptieren. Der Vergangenheit hinterher zu trauern, nützt nichts: Egal wie oft man Ali und Foreman in Mythical Matches über Vitali und Wladimir triumphieren lässt.
Das Schwergewicht wird wieder an sportlicher Qualität gewinnen, nicht zuletzt wegen Haye, Talenten wie den Engländern Fury, Price und Chisora, den Amerikanern Johnson, Arreola, Chambers, Johnson, Estrada, Wilder und Hamer, den Kubanern Perez und Solis, dann mit Sicherheit Povetkin, vielleicht Boytsov, einem disziplinierten Sam Peter, dem Rückkehrer Ibragimov. Wer weiß? Diese Namen sehen mir jedenfalls nicht nach Rahman, Briggs oder Maskaev aus, die für mich für ein Schwergewicht stehen, das (vor ein paar Jahren) noch schlechter gewesen ist als das heutige.