Sooo, endlich ist die Schreibarbeit vorbei und ich kann hier meine Bewertungen für die diesjährigen Oscarfilme reinstellen. Chronologisch sortiert, zumindest soweit ich das noch in Erinnerung hab. Und am Ende noch zusätzlich 3 Filme außerhalb der Oscarwatch, wenn ich schonmal dabei bin
Let's begin:
Sinners - 9/10
"You keep dancing with the devil... one day he's gonna follow you home."
Los geht's mit dem rekordnominierten Film "Sinners". Und zwar nur "Sinners"! Wer den deutschen Titel erwähnt soll mit Minimum 2 Wochen Dünnpfiff bestraft werden. Aber abgesehen von dem unsäglichen deutschen Titel hat sich der Einstieg in die diesjährige Oscar-Watch absolut gelohnt.
Michael B. Jordan war bislang nicht unbedingt auf meiner "Bester Schauspieler" Liste, und seine bisherige Filmographie begeistert mich jetzt auch nicht unbedingt. Aber hier haut er in einem megaguten Film eine megagute Leistung (als Gangsterbrüder "Smoke" und "Stack") heraus. Die Zwillinge werden im Verlauf der Handlung trotz aller Ähnlichkeiten glaubwürdig als eigenständige Charaktere porträtiert.
Ich werde jetzt an der Stelle keine Spoiler reinschreiben... aber Ryan Coogler schafft es eindrucksvoll, 3 verschiedene Genres in einem Film unterzubringen, ohne dass es fehl am Platz oder gezwungen wirkt. Dazu noch ein geiler Soundtrack, eine - speziell im Kino - beeindruckende Kamerasequenz zum oscarnominierten Lied "I lied to you" und eine Reihe interessanter und gut gespielter Nebenrollen, die die Geschichte abrunden. Hailee Steinfeld, Delroy Lindo, Wunmi Mosaku und Jack O'Connell (bzw. deren Charaktere) möchte ich an dieser Stelle besonders hervorheben.
"Sinners" hat ja auch aufgrund seiner Rekordnominierungen für die Oscars durchaus kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Aber wenn man davon mal absieht hat man einfach einen verdammt unterhaltsamen Film, der das Zeug zum Klassiker hat. Ist er besonders tiefgründig? Nicht zwingend. Macht er Spaß? Auf jeden Fall.
Hamnet - 3/10
"What is given may be taken away at any time."
Ja gut, alles kann ja nicht zünden. Chloé Zhao und ich werden in diesem Leben vermutlich auch keine BFF's mehr... ich verstehe einfach nicht, was den Film wirklich auszeichnen soll. Am Anfang kommen 2 junge oder nicht so junge Menschen zusammen. Sie mag ihn, weil er toll Geschichten erzählt, er mag sie, weil - äh, ja, weil sie gut im Wald herumspazieren kann? Egal, ist ja nicht so wichtig.
Viel wichtiger ist das Drama. Willis Familie mag sie nicht, weil sie ist eine Hexe. Aber eine schwangere Hexe, und so heiraten sie am Ende dann doch. Willi selber wird in dem Kaff Stratford nicht glücklich, also pendelt er regelmäßig nach London, um an seiner Theaterkarriere zu basteln. Die am Ende insgesamt 3 Kinder nimmt er so am Rande mit, am ehesten noch den einzigen Sohn (natürlich), obwohl - zum Vater des Jahres reicht's insgesamt dann trotzdem nicht. Und als der Sohnemann an der Pest stirbt ist der Vater so richtig, richtig traurig (ich mein, er war zwar nie wirklich da, aber okay) und schreibt daraufhin das quasi titelgebende Stück Hamlet.
Warum es den Film gebraucht hat, kann ich wie gesagt nicht zufriedenstellend beurteilen - für mich kommt er rüber als eine etwas lieblos dahergeschriebene Shakespeare-Fanfiction rund um die Entstehung seines vielleicht bekanntesten Werkes. Kann sein dass eingefleischte Shakespeare-Fans was damit anfangen können, ich jedenfalls nicht. Schade eigentlich, denn ich mag die beiden Hauptdarsteller.
One Battle After Another - 8,5/10
"Okay, this doesn't feel safe. You're violating my space right now."
"Violating your space? Man, come on - what kind of revolutionary are you, brother? We're not even in the same room here. We're talking on the phone!"
Auch Paul Thomas Anderson ist jetzt nicht gerade die Nr.1 auf meiner Liste der besten Regisseure... aber mit diesem Film hat er eine mehr als solide Arbeit abgeliefert, angesiedelt irgendwo zwischen Actionthriller und Komödie.
Die Geschichte dreht sich um die fiktive Widerstandsgruppe "French 75" und speziell um Pat Calhoun (DiCaprio) sowie die Afroamerikanerin Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor), deren Tochter 16 Jahre später die Aufmerksamkeit des rassistischen Colonel Lockjaws auf sich zieht. Perfidia ist schon kurz nach der Geburt untergetaucht und der saufende, kiffende sowie paranoide Pat (a.k.a "Bob Ferguson"), hat nach all den Jahren mittlerweile Schwierigkeiten, wieder in sein altes Revoluzzer-Leben zurückzufinden...
Einer von 2 Oscarfilmen, die ganze 4 Nominierungen in den Schauspielkategorien erhalten haben:
- Leonardo DiCaprio als bester Hauptdarsteller
- Benicio del Toro und Sean Penn als beste Nebendarsteller
- Teyana Taylor als beste Nebendarstellerin
Während der Erstgenannte seine beste schauspielerische Leistung seit über 10 Jahren abliefert und auch Sean Penn als Colonel Lockjaw sehr überzeugend ist (auch wenn ich ihn für einen Wichser halte), kann man bei den anderen beiden durchaus drüber diskutieren. Del Toros Charakter ist zwar sympathisch und auch irgendwie Comic Relief, aber ob das allein schon für eine Nominierung ausreicht... nun gut. Und Teyana Taylor macht ihre Sache zwar ordentlich, aber ihre Rolle ist mir etwas zu eindimensional.
If I Had Legs I'd Kick You - 6,5/10
"I’ll be better. I promise."
Kein wirklich schlechter Film um eine mit dem Leben überforderte berufstätige Mutter, die sowohl mit beruflichen Schwierigkeiten als auch mit den gesundheitlichen Problemen ihrer Tochter zu kämpfen hat und sich von ihrem Mann und ihrem Therapeuten allein gelassen fühlt. Richtig krass wird die Geschichte, als ein Wasserschaden die Decke ihrer Wohnung zum Einsturz bringt und sie gezwungen ist, mit ihrer Tochter in ein einfaches Motel umzuziehen.
Rose Byrne mit einer soliden Leistung, und die Entscheidung, den Fokus (sprich: die Kamera) buchstäblich auf ihre Figur zu legen ist interessant gewählt. Den ganzen Film über hört man ihre Tochter, aber sieht sie nicht, wodurch man sich komplett auf den langsamen Niedergang der Mutter konzentriert.
Letztendlich funktioniert der Film zwar einigermaßen, aber so richtig warm wurde ich nicht mit ihm. Vielleicht liegt das auch an der etwas merkwürdigen Besetzung des Therapeuten, ich mein... Conan O'Brien? Sicher einer der besseren Late Night Talker der USA gewesen, aber irgendwie lenkt das dann doch stark von der eigentlich düsteren Geschichte ab.
The Secret Agent - 7,5/10
"I went to Italy to study music and I stayed when everything started to go downhill. I couldn’t go back. I was a communist there, then an anarchist. Or the other way around, I don’t remember."
Fiktive Geschichte eines Widerständlers während der brasilianischen Militärdiktatur der 70er. Der ehemalige Professor Armando trifft in der Stadt Recife ein - einerseits auf der Flucht vor staatlicher Repression, andererseits lebt dort sein Sohn, mit dem er später ins Ausland fliehen will.
In Recife selbst kommt er unter dem Namen Marcelo bei der örtlichen Meldebehörde unter und trifft dort auf den korrupten Polizeichef Euclides. Während er seine Flucht vorbereitet und dabei erfährt, dass es nicht nur der Staat auf ihn abgesehen hat, springt die Handlung immer wieder in die Gegenwart, wo zwei Geschichtsstudentinnen versuchen, aufgrund von Tonbändern der Widerstandsbewegung das weitere Schicksal von Armando zu rekonstruieren.
Nicht uninteressant und ordentlich erzählt, mit Udo Kier in seiner letzten (kleineren) Nebenrolle. Die Nebenhandlung über das menschliche Bein, dass im Magen eines toten Hais gefunden wurde, war für mich beim Schauen noch etwas verwirrend. Jetzt im Nachhinein (bei der Recherche über den Film) verstehe ich besser, warum das ein Teil der Geschichte ist.
Bugonia - 4/10
"You're a credit to your species, Teddy, truly."
"Well, I'm just... trying to help."
Yorgos Lanthimos, come on... ich weiß nicht was ich über den Typen noch schreiben soll. Bei "Poor Things" habe ich ihm noch den benefit of the doubt gegeben, aber mit seinem 2024er Streifen "Kinds of Kindness" hat er mich endgültig verloren. Und hier, keine Ahnung. Ich weiß nicht was der Film soll. Emma Stone ist wieder mal für den Oscar nominiert, aber das zeigt auch nur dass die Academy oftmals einfach nur faul ist und das dann aus Gewohnheit macht, denn überzeugend ist sie in meinen Augen nicht. Immerhin Respekt für das Casting von Aidan Delbis, der genau wie seine Figur im Film dem Autismus-Spektrum zuzuordnen ist. Aber das war es fast auch schon mit den positiven Erwähnungen.
Weapons - 7/10
"Those kids walked out of those homes, no one pulled them out. No one forced them. What do you see that I don't?"
Horrorfilm und ich, eine ewige Geschichte. Aber ich muss zugeben, der hier war unterhaltsam. Aus verschiedenen Perspektiven wird hier das Verschwinden einer (fast) ganzen Schulklasse nacherzählt, von der betroffenen Lehrerin über einen Vater bis hin zum einzig verbliebenen Kind der Klasse.
Die typischen Horrorklischees werden bedient, aber trotzdem bleibt die Geschichte unterhaltsam. Und das Ende ist absolut genial, allein das hat vermutlich schon 1 bis 2 Punkte reingeholt.
F1 - 6,5/10
"Where is he?"
"Where's who? What are you talking about? Ruben, seriously! One, how dare you. Two, I respect professional boundaries. And three... yeah three, he's on... he's on the balcony."
Ein Hollywoodfilm über einen Rennsport? Habe schlimmstes befürchtet. Muss aber zugeben, trotz aller herangezogenen Klischees die der Film dann doch hat: Es war leidlich unterhaltsam und hat nicht weh getan. Das ist das größtmöglichste Kompliment, dass ich so einem Film geben kann.
Frankenstein - 5/10
"In you, I have created something truly horrible."
"Not something. Someone."
Ähnlich wie beim letztjährigen Nosferatu-Film bin ich hier ein wenig außen vor. Definitiv für Genre-Liebhaber, aber meines ist es nicht so wirklich. Zwischendurch hatte ich ein wenig "Shape of Water" Vibes, was sich aber zum Glück nicht bestätigt hat
Marty Supreme 2/10
"It's every man for himself where I come from. That's just how I grew up."
Mein absoluter Nerv-Film des Jahres. Irgendwie wollte der Film alles gleichzeitig sein und wurde dadurch komplett irrelevant. Drama, Sportfilm (nur leider nahezu komplett ohne Sport), Gangsterfilm, ich schätze mal... Komödie?, irgendwie auch ein wenig Biopic mit vielleicht 5% "Bio" Anteil, 80er Retro Streifen in den 50ern (???) - alles durfte mit rein. Und immerhin ist Timothée jetzt in der Lage, "Kann Tischtennis" neben "Kann Bob Dylan Songs singen und Gitarre spielen" in seinen Lebenslauf reinzuschreiben. Auf sowas steht die Academy natürlich, macht den Film selbst aber deshalb nicht sinnvoller.
Man sieht einfach 2einhalb Stunden einem eingebildeten Tischtennis- Spieler dabei zu, wie er immer und immer wieder scheitert. Mit allem. Ständig. Vielleicht soll das lustig sein, aber lachen konnte ich nicht darüber. Dann gibt's noch die schwangere Freundin. Dann die alternde Schauspielerin mit reichem Ehemann. Den Taxi-Kumpel. Von keinem weiß ich, warum sie sich überhaupt mit dem Deppen abgeben wollen.
Und über allem schwebt dieses "Oh ich bin so gut in Tischtennis, ich verdiene es, dass ich wie ein fucking Hollywoodstar behandelt werde". Newsflash: Es ist Tischtennis. In den Fünfzigern. In den USA. Mehr Nische geht nicht (es sei denn, man will ein MMA-Fighter im Vatikan werden). Vielleicht wäre es noch ansatzweise interessant, wenn es irgendwie eine Form von glaubwürdiger Charakterentwicklung geben würde. Gibt es aber nicht. Am Ende ist Timothées Tischtennisspieler gedemütigt und ich frage mich: "Soll ich an der Stelle etwa Mitleid haben? Mit der Figur mitfühlen?"
Und schon erreicht mich die Erkenntnis, dass die 2einhalb Stunden, die ich für Marty Supreme aufgewendet habe, verschwendete Lebenszeit waren.
Das alles wird dann noch mit einem völlig deplatzierten 80er Jahre Soundtrack abgerundet, der den Film scheinbar zu einem Karate Kid bzw. einem Rocky machen will - wenn Daniel-San und Rocky Balboa einfach nur absolute Arschlöcher wären. Ach ja: Der Gangster und sein Hund, ich mein... wtf?
Sentimental Value - 6,5/10
"You two are the best thing that's ever happened to me."
"The best that's ever happened to you? Then why weren't you there?"
Vorher habe ich angedeutet, dass es 2 Filme gibt, die jeweils 4 Schauspieler für die Academy Awards nominiert haben. Das hier ist der Zweite. Und ja, es ist natürlich ein Genre, das einen großen Fokus auf seine Charaktere legt... trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass mindestens 2 Nominierungen irgendwie unnötig sind.
Es ist kein wirklich schlechter Film über einen alternden Regisseur und seine entfremdeten Töchter. Die zwischenmenschlichen Probleme, Teil einer tragischen Familienvergangenheit, sind glaubwürdig dargestellt. Die Figur von Elle Fanning, obwohl sie innerhalb der Geschichte Sinn macht, ist dabei diejenige, die (absichtlich?) mit am oberflächlichsten bleibt. Und auch die Hauptfigur, gespielt von Stellan Skarsgård, hatte noch ein wenig Luft nach oben. Getragen wird der Film vor allem von den beiden Töchtern.
Blue Moon - 4/10
"I feel... superannuated."
"Superannuated - that's a good thing, isn't it?"
"It means your dick doesn't work."
"Must be why I don't know that word."
Och je, Ethan Hawke mit Halbglatze in einem Laberfilm auf der ewigen Suche nach dem Oscar. Was in der "Before..." Filmreihe (ebenfalls von Richard Linklater) noch einigermaßen funktioniert hat und vor allem im ersten Teil mit fast schon jugendlicher Naivität charmant wirkte, ist hier vor allem prätentiös und größtenteils einfach nur nervig.
Auf der Plus-Seite im Film um die letzten Tage im Leben des Broadway-Texters Lorenz Hart stehen die mitunter durchaus unterhaltsamen Gespräche mit dem einfachen Barkeeper Eddie (die beiden verbindet eine gemeinsame Liebe zum Film "Casablanca") und die Lästereien von Hart über das neue Musical "Oklahoma!" seines ehemaligen Kreativ-Partners Richard Rodgers. Das war's dann aber auch schon für mich.
Das Stilmittel, den im wahren Leben ziemlich kleinen Lorenz Hart mit diversen Kameraperspektiven je nach Situation NOCH kleiner wirken zu lassen war eher irritierend und hätte man sich schenken können.
Song Sung Blue - 5/10
"Papa, you all right?"
"I’m huge, baby."
Lass ich mal als Biopic durchgehen und greife daher wieder auf meine übliche Biopic-Regel zurück

5 von 10 und ansonsten keine großen Erläuterungen. Immerhin verfällt der Film nicht komplett in die üblichen Klischees des Genres, aber das etwas überdramatische Ende hätte jetzt auch nicht zwingend sein müssen. Für einmal anschauen geht's aber noch in Ordnung.
The Voice of Hind Rajab - 10/10
"I'm with you. I'm with you, sweetheart, until someone comes to get you. I won't leave you alone."
Die wahre Geschichte eines kleinen Mädchens in Palästina, Januar 2024: Die 5jährige Hind Rajab ist mit einigen ihrer Verwandten auf der Flucht aus Gaza-Stadt in einem Auto, als dieses von der israelischen Armee beschossen wird. Telefonischen Kontakt hält sie dabei mit Mitarbeitern der Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft (PRCS), die abwechselnd versuchen, das Kind (die mittlerweile einzige Überlebende im Auto) zu beruhigen und Druck auf ihre Vorgesetzten auszuüben, damit man endlich Rettungssanitäter losschicken kann. Wenn dabei die Stimme des kleinen Mädchens so realistisch erscheint hat das einen Grund: Es ist die Originalstimme von Hind Rajab. Was die Sache noch viel verstörender, aber auch umso eindrücklicher macht.
Der definitiv beste Film des diesjährigen Oscar-Jahrgangs. Dass er - mit Ausnahme der Kategorie "Bester Internationaler Film" - derart ignoriert wurde ist eine absolute Schande, jedoch ist das bei dem Thema in den USA (gut, nicht nur da...) leider kaum anders zu erwarten. Aber abgesehen vom Thema ist der Film auch so einfach verdammt gut gemacht und hat fantastische Schauspieler - allen voran Saja Kilani, die eine richtig starke Schauspielleistung abliefert und deren Figur zwischen Empathie, Optimismus, Erschöpfung, Verzweiflung und Resignation hin und herschwankt. Statt ihr wird dann aber beispielsweise Elle Fanning für ihre Rolle als Hollywoodschauspielerin (

) nominiert... mehr brauch ich dazu nicht sagen.
Sirat - 3/10
"Do you know what my father said to me before he died? He said '****, this is serious!'"
Ich habe keine Ahnung was das sein sollte. Startet als ein Film über einen besorgten Vater, der (gemeinsam mit Sohn und Hund) auf einem Rave-Festival in Marokko seine verschwundene Tochter sucht, und endet als... ja, keine Ahnung als was, aber seine Tochter spielt am Ende keine Rolle mehr. Unnötiger Film.
It Was Just an Accident - 7,5/10
"All you do is talk, nothing but talk. It’s been going on for almost half a century... Aren’t you fed up of talking?"
Heimlich gedrehter Film des - vom iranischen Regimes feindlich eingestuften - Regisseurs Jafar Panahi, welcher in dieser Geschichte das zentrale Thema Rache behandelt.
Vahid, der aufgrund von Protesten für höhere Löhne ins Gefängnis gesteckt und gefoltert wurde, trifft Jahre später per Zufall auf Rashid, den er als seinen vermeintlichen Peiniger und Hauptverantwortlichen für seine gesundheitlichen und psychischen Probleme erkennt. Kurz nachdem er diesen entführt und lebendig in der Wüste vergraben will kommen ihm aber Zweifel ob er tatsächlich den Richtigen hat, und er will sich bei ehemaligen Weggefährten rückversichern. Mit dem gekidnappten Rashid in seinem Lieferwagen macht er sich - querbeet durch Teheran - auf die Suche nach ihnen. Die Frage lautet aber nicht nur, ob Rashid tatsächlich der Gesuchte ist (den alle nur als "Eghbal" kannten), sondern auch, ob man sich auf die gleiche Stufe wie das ihnen verhasste Regime begeben und sich rächen soll.
Trotz dem ernsten Thema hat Panahi durchaus auch subtilen Humor in die Geschichte einfließen lassen. Aufgrund der Entstehung des Filmes greift er im übrigen hauptsächlich auf Laiendarsteller zurück, welche ihre Sache aber ziemlich gut machen. Lohnt sich anzuschauen.
Amélie und die Metaphysik der Röhren - 7,5/10
"And that’s how I was born at the age of two and a half in the heart of the Konsai Mountains, under the gaze of my paternal grandmother, and by the grace of white chocolate."
Jetzt fängt mein "Bester Animationsfilm" Block an, den ich tatsächlich hintereinander abgearbeitet habe (mit Ausnahme von "Elio", das ganze Drama um dessen Entstehung ging mir ehrlich gesagt zu sehr auf den Zeiger...).
Der Erste aus dieser Kategorie war auch gleich der beste davon. Die gesamte Handlung des Films spielt mehr oder weniger komplett im dritten Lebensjahr der kleinen Amélie, die in Kobe, Japan, Ende der 60er Jahre in einer belgischen Familie aufwächst (in Anlehnung an den Ort der Handlung ist der Animationsstil deshalb auch an Animes angelegt). Mit 2 Jahren beginnt sie erstmalig, sich als eigenständiger Mensch zu fühlen und die Welt um sich herum zu entdecken - auch wenn sie längst noch nicht alles versteht. Dabei wird die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive erzählt, was den Film mitunter etwas surreal, aber durchaus interessant macht.
Arco - 7/10
"There is no way to contact his parents, because... technically... they don't exist yet."
Arco spielt in der nahen Zukunft (2075), in der Assistenzroboter das Leben der Menschen erleichtern und extreme Unwetter eine ständige Bedrohung sind.
Die 10jährige Iris lebt - hauptsächlich auf sich allein gestellt - mit ihrem kleinen Bruder und dem Roboter Mikki in einer Wohnsiedlung außerhalb einer Stadt, in der ihre Eltern beruflich den Großteil ihrer Zeit verbringen. Als sie einen Regenbogen sieht und diesem in den Wald folgt, findet sie dabei den ebenfalls 10jährigen Zeitreisenden Arco, der eigentlich in der fernen Zukunft lebt und entgegen dem ausdrücklichen Verbot seiner Eltern alleine in die Vergangenheit gereist ist.
Schöne Optik und ein gut gemachtes Ende.
KPop Demon Hunters - 6/10
"The internet loves this, and the internet is never wrong."
Irgendwie ein geiler Filmtitel, in etwa auf gleichem Level wie "Abraham Lincoln: Vampire Hunter", aber noch ein wenig entfernt vom absoluten Goldstandard "Pride and Prejudice and Zombies"
Der Film selbst handelt von einer weiblichen KPop-Gruppe, die (natürlich!) Teil einer jahrhundertelangen Tradition ist, die Welt vor Dämonen zu beschützen. Die Dämonen selbst haben irgendwann die Schnauze voll und wollen ihr ewiges Loser- Image abstreifen, indem sie die Popularität (und damit die Macht) der Demon Hunters mit einer männlichen KPop Boyband unterwandern.
Nett gemacht, gute Message, ordentliche Charakterentwicklung und witzige Seitenhiebe auf gängige Anime-Klischees. Tut nicht weh, auch wenn die Songs für mich - wie das gesamte KPop Genre - nicht wirklich so viel taugen.
Zootopia 2 - 6/10
"Permission to hug?"
Typischer Disney-Film mit moralischer Botschaft, ungleichen tierischen Ermittlern und dem Charme von Ke Huy Quan. Und der zweite nominierte Animationsfilm mit Andy Samberg in der englischen Synchro (nach Arco), wenn das hilft.
Train Dreams - 8/10
"Do you think that... the bad things that we do follow us through life?"
"I don't know. I've seen bad men raised up and good men brought to their knees. I reckon if I could figure it out, I'd be sleeping next to someone a lot better-looking than you."
Ich habe den Film wirklich lange vor mir hergeschoben, weil ich schlimmstes befürchtet habe - so eine Art "War Horse" für Bäume (oder Züge). Als es dann nicht mehr anders ging und ich ihn mir anschauen musste, habe ich meine Meinung schnell revidiert.
In einer ruhigen, bedächtigen Erzählweise wird das Leben des einfachen Arbeiters Robert Grainier in den Wäldern rund um Idaho erzählt. Schöne und dramatische Momente, Freundschaften, Familie, Verlust und Einsamkeit - alles ist dabei. Am Ende fühlt man mit dem aus der Zeit gefallenen Robert irgendwie mit, und man kann sich darüber freuen dass man sein Leben 102 Minuten lang (erfreulich kurz für eine Romanverfilmung, btw) mitverfolgen durfte. So einfach ist es manchmal.
So, das müssten jetzt alle Oscar-Filme sein
...und außerdem hab ich noch:
The Life of Chuck - 10/10
"Later, he'll lose his grip on the difference between waking and sleeping, and enter a land of pain so great, he will wonder why God made the world. What he will remember, occasionally, is how he stopped and dropped his briefcase and began to move his hips to the beat of the drums. And he will think, that is why God made the world."
Die Bonusfilme meiner Oscar-Watch startet mit der Stephen King Verfilmung "The Life of Chuck", die ich letztes Jahr im Kino gesehen habe. Im Vorfeld nur gutes darüber gehört, und am Ende hat sich das alles glücklicherweise bestätigt.
Der Film ist in 3 Kapitel unterteilt und startet erst einmal sehr irritierend (will an dieser Stelle nicht zu viel spoilern), was aber neugierig auf die 2 restlichen Kapitel macht. Am Ende geht es um das Leben des einfachen Buchhalters Chuck Krantz und ist eine teils traurige, vor allem aber lebensbejahende Geschichte.
Ich bin definitiv kein Stephen King Fan und fand den Großteil seiner Verfilmungen relativ anödend (ja, auch "Shawshank Redemption"), vielleicht mit der Ausnahme des Filmes "Stand by Me". Aber hier wurde ein leider etwas unter dem Radar laufendes Meisterwerk erschaffen, das leider nicht für die Oscars nominert wurde. Unbedingt anschauen.
All That's Left of You - 8/10
"The sound of gunfire doesn't scare us. We're used to it by now. It's like Beethoven's music. It's the silence that's frightening."
Palästinensiche Familiengeschichte über 3 Generationen: 1988 wird der jugendliche Noor bei einer Demonstration im Westjordanland lebensgefährlich verletzt. Noors Mutter erzählt daraufhin ihre Familiengeschichte, beginnend 1948 mit der Kindheit von Noors Vater und der Weigerung des Großvaters, die familieneigenen Orangenhaine in Jaffa bei Tel Aviv zu verlassen als die Gegend von der israelischen Armee bombardiert wird. Jahrzehnte später kehren Noors Eltern in den israelischen Teil des Landes zurück um eine wichtige Entscheidung zu treffen.
Hatte ich auf der Liste weil ich dazu ein Interview mit Javier Bardem gesehen habe (der für den Film als einer der Executive Producers fungiert). Die Rezensionen zum Film waren überragend, so dass ich ihn mir im Laufe der Oscarsichtungen ebenfalls angeschaut habe. Die Vorschusslorbeeren sind gerechtfertigt.
All of Us Strangers - 10/10
"Shall we go then?"
"Where?"
"Home, of course."
Den Film schleppe ich jetzt schon eine Weile mit mir herum, ohne eine Rezension geschrieben zu haben. Wird hiermit nachgeholt, weil der Film einfach megastark (und für mich DER Oscar-Snub 2024) ist.
Im Zentrum der Handlung steht der einsame Drehbuchautor Adam, der in einem nahezu leeren Wohnkomplex am Rande Londons lebt und sich dort nach längerem Zögern mit seinem Nachbarn Harry einlässt. Gleichzeitig beginnt er, über seine Eltern zu schreiben, die bei einem Autounfall starben als Adam 12 Jahre alt war.
Während er im Zuge dessen sein früheres Elternhaus in einer Londoner Vorstadt besucht, trifft er plötzlich seine Eltern wieder, die dort scheinbar unversehrt und ungealtert leben. Adam beginnt, alte Geschichten mit ihnen aufzuarbeiten, und verliert sich immer mehr in seiner Fantasiewelt...
Alle 4 Darsteller des Films, Andrew Scott als Hauptdarsteller, Paul Mescal als Nachbar Harry und Jamie Bell sowie Claire Foy als Adams Eltern, spielen ihre Rollen überragend. Dass kein einziger von ihnen für die Oscars nominiert wurde ist mMn ein absolutes No-Go, wenn man bedenkt, wer sonst noch so im 2024er Jahrgang auf der Liste stand (zB der Geist von Robert De Niro als bester Nebendarsteller oder Emily Blunt für ihre Rolle als "Frau von..." in Oppenheimer). Allgemein wäre das ein Film gewesen, der gut und gerne zweistellige Nominierungen hätte abgreifen können. Schade drum... trotzdem, wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen.