Die Frau im Nebel (2022) A Reappraisal - eine Neubewertung 10/10

Der Plot dieses Filmes bleibt weiterhin:
Nachdem die Leiche eines Hobbykletteres am Fusse eines Felsens gefunden wird, geht man zunächst von einem Selbstmord aus. Im Zuge der Ermittlungen des Kommissars Jang Hae-joon gerät die chinesische Ehefrau des Kletterers, Song Seo-rae, in den Verdacht, dass sie ihren Mann ermordet hat.
Im Verlauf der Geschichte verliebt sich der Kommissar in Song Seo-rae mit vielerlei Twists und Turns.
Aber das ist längst nicht alles....
Es gibt in der Tat einen sehr interessanten und wichtigen Unterbau, welchen man in unseren Breitengraden kaum kennt. Ohne Kenntnis dieses Backgrounds wird man die Geschichte dieses Filmes nicht wirklich gründlich verstehen.
Im Wesentlichen sind hier das altchinesische Werk: Shan Hai Jing (Klassiker der Berge und Meere) und ein Zitat aus den Analekten von Konfuzius:
"Die Weisen lieben das Wasser (das Meer), die Gütigen lieben die Berge."
und Seo-raes Anmerkung:
„Ich bin nicht gütig. Ich liebe das Meer.“ von Bedeutung.
de.wikipedia.org
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Das Buch Shan Hai Jing taucht physisch als wichtiges Requisit auf. Seo-Rae besitzt eine handgeschriebene, persönliche Abschrift bzw. Uebersetzung des Shan Hai Jing in koreanischer Sprache., In mehreren Szenen - insbesondere in der Altenpflege, in der sie arbeitet - liest sie (und später auch Hae-jun) der demenzkranken Grossmutter daraus vor.
Das Script zum Film Decision to leave: (die koreanischen Schriftzeichen sollen tatsächlich von Tang Wei geschrieben worden sein).
Welchen Einfluss hat das Shan Hai Jing auf das Werk?
Das Shan Hai Jing prägt die visuelle Identität und die Erzählstruktur des Films fundamental (ursprünglich sollte das Buch noch deutlich mehr in den Film integriert werden):
Die Dichotomie von Berg und Meer: Der Titel des Buches (Berge und Meere) spiegelt die Zweiteilung des Films wider.
Der erste Teil spielt in den sturen, festen Bergen (Busan, der Tod ihres ersten Ehemanns),
was Hae-juns kontrollierte Welt repräsentiert. Der zweite Teil verlagert sich an
das neblige, unberechenbare Meer (Ipo),
das für Seo-raes Natur steht.
Das Fundament der Charaktere: Das Buch ist kein nettes Gimmick, sondern nochmal: Seo-rae ist das Meer (unberechenbar, tief, verschlingend), Hae-jun ist der Berg (aufrecht, starr, beständig,
Poster zum Film Decision to leave: Man beachte die Zuordnung Meer für Seo-rae und Berge für Hae-jun.
Die visuelle Grammatik: Park Chan-wook baut jede Szene darauf auf - die wellenartige Tapete in Seo-raes Wohnung, die blauen und grünen Farbtöne, die vertikalen Berg-Einstellungen im ersten Teil und die horizontalen Meer-Einstellungen im zweiten Teil. Wer das Buch nicht kennt, spürt vielleicht eine vage Atmosphäre, aber er "liest" die Bilder nicht.
Das missverstandene Finale: Ohne die Symbolik des Shanhaijing wirkt das Ende für viele wie in plötzliches Liebesdrama. Kennt man die Mythen, versteht man, das Seo-rae zum Meer werden muss, um Hae-jun (den Berg) für immer in sich aufzunehmen (vergleiche hier die Bilder des zerfallenden Sandhügels, das Rüberschwappen des Meeres).
Es ist also ein Unterschied zwischen der bloßen Krimihandlung (die Park Chan-wook für das Massenpublikum gebaut hat) und dem echten Verstehen der filmischen Kunst. Ohne das Buch entgeht dem Zuschauer die gesamte zweite, eigentlich wichtigere Hälfte des Films.
Visuell nutzt Park Chan-wook diese Mythenwelt. Das berühmte Tapetenmuster in Seo-raes Wohnung ist so gestaltet, dass es je nach Licht und Wahrnehmung entweder wie eine Kette von spitzen Berggipfeln oder wie tosende Meereswellen aussieht., Das Buch symbolisiert zudem Seo-raes eigene Identität: Sie ist für Hae-joon wie ein Fabelwesen aus diesem Buch - faszinierend, schwer greifbar und gefährlich.
Park Chan-Wook hat im Film insbesondere mit der Farbe türkis gespielt. Es steht für die Wechselwirkung von blau (Meer) und grün (der Berg). Seltsamerweise heisst türkis auf koreanisch wirklich 청록색 cheongrok-saek . Cheong bedeutet blau, rok grün, saek ist die Farbe. Das traditionelle koreanische Wort
푸르다 (
pureuda) umfasst sowohl blau als auch grün.
Fun Fakt: Das grüne Ampellicht wird in Korea standardmässig als "blaues Licht" bezeichnet: man sagt nicht: es ist grün, sondern:
파란불이야 (
Paran-bul-iya) – Wörtlich:
„Es ist das blaue Licht!“
Die Hemdknöpfe:
Die Tapeten:
Die Fetanyl-Pillen
Wie unterschiedlich die Europäer und Asiaten meistens (es gab auch im Westen vereinzelte Kritiken, welche hier die Bedeutung von Meer und Berg /Shanhaijing für den Film erkannten), den Film erfassten, führt diese Zusammenstellung als Denkansatz aus:
| Quelle | Datum | Konfuzius | Daoismus | Berg–Meer-Struktur | Shanhaijing |
|---|
| OutNow, Eberhard | 24.05.22 |  |  |  |  |
| WELT, Küveler | 25.05.22 |  |  |  |  |
| taz, Boehme | 26.05.22 |  |  |  |  |
| OutNow Jury Grid | 27.05.22 |  |  |  |  |
| MFA Cannes-Bericht | 29.05.22 |  |  |  |  |
| Film-Rezensionen.de | Okt. 2022 |  |  |  |  |
| critic.de, Suss | 27.01.23 |  |  |  |  |
| epd Film, Midding | 27.01.23 |  |  |  |  |
| ZEIT, Leweke | 03.02.23 |  |  |  |  |
| Filmtoast | 25.05.23 |  |  | teilweise, aber nicht ausgearbeitet |  |
| Projektionen – Kinogespräche | 27.09.23 |  | nicht ersichtlich |  |  |
| Yi Seok-gu, Korea | 04/2023 | indirekt/kontextuell | als Hauptthese |  |  |
| Yu Kang-ha, Korea | 11/2024 | — | — | sehr stark |  |
Die beiden koreanischen Studien:
Yi Seok-gu (04/2023): Seine Arbeit
„The ’Decision to Leave’ on the Mountain and the Sea“ befasst sich exakt mit der
Reinterpretation des Shanhaijing im Film. Er untersucht, wie die Berg-Meer-Bilder als narrative Methode und moderne Mythen-Rezeption funktionieren.
https://www.kci.go.kr/kciportal/ci/...kci?sereArticleSearchBean.artiId=ART002954258
Yu Kang-ha (11/2024): Seine literatur- und filmwissenschaftliche Untersuchung (
„A study of the film ’Decision to Leave’ read from the point of view of the Shanhaijing“) macht das
Shanhaijing und die
Berg-Meer-Struktur zur absoluten Kernmatrix des Films.
https://www.kci.go.kr/kciportal/ci/...kci?sereArticleSearchBean.artiId=ART003144782
| Analysierte Kategorie | Der westliche Pressecodes (FAZ, SZ, Spiegel 2022) | Der immanente ostasiatische Code (Park Chan-wook) |
| Die Naturmotive | Romantische Kulisse, Handlungsorte eines Thrillers (Absturz/Strand). | Dialektik von Berg und Meer (Konfuzius, Lunyu VI.23; topografische Charakterstudie). |
| Die weibliche Hauptfigur | Westliche Femme fatale, undurchschaubare Verdächtige, Objekt der Begierde. | Flüchtling und Hüterin des Textes; ihr Handeln wird durch die Mythen des Shanhaijing geleitet. |
| Das zentrale Buch | Ein visuelles Requisit, das Tagebuch des Großvaters. | Das Shanhaijing (山海經); die visuelle Matrix des gesamten Films (Tapeten, Bewegungsmuster). |
| Die Struktur | Verwirrender, vertrackter Kriminalplot mit zwei Hälften. | Daoistisches Prinzip; das komplementäre Ineinanderfließen zweier gegensätzlicher Urkräfte. |
| Untersuchungsachse | Der westlich-hegemoniale Diskurs (Deutsche Leitmedien, Cannes 2022) | Der ostasiatisch-immanente Diskurs (Park Chan-wook / Drehbuch) | Erkenntnistheoretische Blindstelle |
| Philosophisches Fundament | Naturromantik: Natur als ästhetische Kulisse oder Schauplatz für Nervenkitzel (Absturzgefahr, Flutgefahr). | Konfuzianismus & Daoismus: Dialektischer Code aus Lunyu VI.23 (Berg/Güte vs. Wasser/Weisheit). | Kulturelle Myopie: Die philosophische Matrix wird auf eine rein oberflächliche Handlungsort-Metaphorik reduziert. |
| Literarische Verankerung | Narratives Requisit: Das Buch in Seo-raes Besitz wird als rein biografisches Dokument ihrer Herkunft gelesen. | Das Shanhaijing (山海經): Kosmologische Strukturvorlage für Handlung, Figurenpsychologie und das gesamte Production Design. | Textuelle Ignoranz: Das zentrale literarische Leitmotiv des Films bleibt im europäischen Feuilleton 2022 komplett unsichtbar. |
| Genre-Einordnung | Hitchcock-Pastiche: Einordnung als postmoderner Kriminalthriller im Geiste von Vertigo und Film Noir. | Klassisches Melodram: Ein zutiefst koreanischer Film über Sehnsucht, Schlaflosigkeit und unterdrückte Emotionen. | Eurozentrische Aneignung: Das asiatische Werk wird durch das Bekannte gezähmt, um es für das westliche Publikum lesbar zu machen. |
| Charakterkonzeption (Seo-rae) | Femme fatale: Die westliche Trope der manipulativen, undurchschaubaren Mörderin, die den Ermittler ins Verderben zieht. | Das fluide Prinzip (Wasser): Eine stolze, mythengeleitete Migrantin, deren Handeln der Logik des Meeres folgt (grenzenlos, transformativ). | Misinterpretation der Motivation: Der tragische Opfertod am Strand wird als "kalter Noir-Plot-Twist" statt als spirituelle Konsequenz missverstanden. |
| Technologie im Film | Modernitäts-Gimmick: Lob für die visuell innovative Einbindung von Smartphones und Chatnachrichten. | Körperliche Extension: Digitale Tools als künstliche Organe, um Sprachbarrieren zu überbrücken und das Unbewusste zu filtern. | Technologische statt ontologische Lesart: Die App wird als modernes Werkzeug statt als Instrument der Entfremdung gedeutet. |
| Kriterium | Shanhaijing | Daoismus | Konfuzianismus |
| Zentraler Fokus | Mythologische Geographie, Schamanismus, Fabelwesen | Naturgesetz (Dao), Spiritualität, Unsterblichkeit | Soziale Ordnung, Ahnenverehrung, Staatsmoral |
| Blick auf die Natur | Magisch, unberechenbar, von Geistwesen bevölkert | Harmonisch, mystisch, Ort des Rückzugs und der Wahrheit | Ein zu ordnender Raum für den Menschen und das Gemeinwesen |
| Einordnung des Textes | Gilt als Quelle von Mythen und Wurzel daoistischer Geographie | Heiliger Text, der in den daoistischen Kanon aufgenommen wurde | Lange Zeit als „fantastische Fiktion“ herabgestuft (Xiaoshuo). |
Shanhaijing ist ein sehr interessantes und ich meine auch weltweit wichtiges Buch.
Habe hier ein denkwürdiges Video gefunden. Ich bin zuwenig Spezialist, um beurteilen zu können, wie präzise und belastbar die gemachten Aeusserungen sind. Ein von mir gemachter Faktencheck lässt mich es mindestens (trotz des etwas reisserischen Covers als Diskussionsgrundlage bedenkenlos posten:
Die Recherche war mir hier ein Genuss. Sie war enorm zeitintensiv, energieraubend, aber hat sich für mich gelohnt. Es gab noch unzählige Themen, welche aufklappten und die hier nicht erwähnt wurden.
Was bleibt ist eine Verwunderung, wie eurozentrisch unsere Filmkritiker asiatische Werke sehen. Es gibt hier wie gesagt löbliche Ausnahmen, aber die sind extrem selten. Schade, dass uns hier viel asiatische Historie, viel asiatisches Wissen durch die Lappen geht.
Just for the record:
The mountains and the sea are said to be the film’s two key dramatic settings. Can you talk about the selection of these two settings, or visual motifs?
So there was a backstory premise to Tang Wei’s character. She’s attempting to translate the ancient Chinese book,
Classic of Mountains and Seas (Shan Hai Jing), from Chinese to Korean, as a way of learning Korean and also because it’s a novel that she loves. It’s a book about the mountains and the sea and every strange and pretty thing on earth (versions of the book date back to the 4th century BC). We shot the scenes establishing this premise, but in the final edit we only get a glimpse of it. ..........
After a six-year hiatus, the master stylist (Oldboy, The Handmaiden) returns with a romantic thriller he confesses is a bit of a departure: “It’s not what people expect from me.”
www.hollywoodreporter.com
Datum 18. Mai 2022
Kann mich bei allen, welchen an diesem (meiner Meinung nach) seltenen Meisterwerk (wenn man hier alle Ebenen durchsieht durchgeht, ist das ein absurd komplexes, phantastisches Oeuvre) nur aufrichtig bedanken.
Ebenso waren mir die Diskussionen hinter den Kulissen mit Leuten aus allen Herren Ländern ein echter Genuss.
Und nicht zuletzt nochmal: special thanks an
@M-shock . Ohne Dein Post hätte ich das alles nicht erlebt.
P.S. visuelle Augenweiden:
Hae-jun in Seo-raes Hand
Gesicht von Seo-rae als Welle:
Chinesische Shanhaijing-Ausgabe:
