Im Gegensatz zu jenen, deren Geist willig, doch der innere Schweinehund stärker war, erscheint Alexander Zverevs Zwischenbilanz wesentlich positiver. Was sich Deutschlands bester Tennisspieler für 2026 vorgenommen hat, so lässt sich nach zehn Wochen sagen, versucht er beharrlich und augenscheinlich aus innerer Überzeugung umzusetzen. „Aggressiv zu spielen, das ist etwas, worauf ich mich freue und was mich begeistert“, sagte Zverev in Indian Wells, wo er in der Runde der letzten Acht steht.
Beim derzeit laufenden Mastersturnier in der kalifornischen Wüste verstärkt sich der Eindruck, dass Zverev mehr aus sich und seinem Talent macht. In seinen drei Matches gegen den Italiener Matteo Berrettini, Brandon Nakashima und am Dienstag Francis Tiafoe (beide USA) spielte der Weltranglistenvierte fast immer dominant, wenn es darauf ankam. Anders als noch vor wenigen Monaten, als er sich in kniffligen Situationen lieber ein wenig hinter die Grundlinie zurückzog als mehr Risiko einzugehen und dem Gegner mit Selbstbewusstsein und Schlagfertigkeit zu beeindrucken.
Ende vergangenen Jahres, als er nicht von einem Turnier zum anderen hetzen und Weltranglistenpunkte sammeln musste, konnte der Hamburger klare Gedanken fassen. Im Familienrat mit Vater und Trainer Alexander senior sowie Bruder und Manager Mischa kamen die Zverevs zu dem Schluss, dass Veränderung vonnöten sei, wenn es noch was werden soll mit dem ersehnten ersten Grand-Slam-Turniersieg. Also fing der Achtundzwanzigjährige an, auf dem Platz anders aufzutreten. Dabei sind aller guten Dinge drei für Zverev: „Viel aggressiver sein. Versuchen, den Ball härter zu schlagen. Auch versuchen, ein bisschen mehr nach vorne zu rücken.“
Nun ist der Hamburger Tennisfamilie zugutezuhalten, dass sie sich öffnet. Zwar nicht für einen namhaften Supercoach mit eigenen Ideen. Aber für eine strategische Neuausrichtung. Zverev setzt weniger darauf, den Gegner mit intensiven Ballwechseln zu zermürben. „Ich will versuchen, den Gegner zu beherrschen, statt mir lange Ballwechsel zu liefern. Es geht mehr ums Gewinnen als darum, körperlich fitter zu sein.“
In Indian Wells, wo der Deutsche noch nie übers Viertelfinale hinausgekommen ist, funktioniert es gut. In Fleisch und Blut übergegangen ist aber noch längst nicht alles. Gegen Tiafoe drängte es Zverev mal übereifrig nach vorne, sodass er schlecht zum Ball stand und verschlug. Andere Male ließ er sich zurückfallen wie früher. „Ich versuche hier Matches zu gewinnen, deshalb falle ich manchmal in mein altes Selbst zurück“, sagte Zverev.
Er hat offenbar eingesehen, dass seine Chancen auch bei Grand-Slam-Turnieren nur steigen, wenn er Punkte möglichst schnell gewinnt und nicht nach schier endlosen und kraftraubenden Ballwechseln. Diese Überzeugung zeigte sich, als er in Indian Wells nach der Bedeutung eines „Tennis IQ“ gefragt wurde. Vor zehn Jahren seien Tennisintelligenz und Taktik wichtig gewesen, antwortete Zverev. Im heutigen Powertennis jedoch gewönnen die Profis mit der stärksten Vorhand oder Rückhand oder dem besten Aufschlag. „Ich glaube, dass Carlos Alcaraz und Jannik Sinner nicht deshalb das Meiste gewinnen, weil sie Tennis mit vielen taktischen Kniffen spielen. Sondern weil ihre Schläge einfach besser sind als von allen anderen.“
darüber könnte man sehr lange diskutieren. gibt es wirklich einen signifikanten unterschied zu vor zehn jahren?