Materialthread


gentleman

Administrator
Teammitglied
Beiträge
43.898
Punkte
113
Ort
Austria
@gentleman
Danke für die Frage!
Vorab: Das Verhältnis in der Wichtigkeit von mündlicher und schriftlicher Kommunikation ist bei uns anders als in Japan (wahrscheinlich ganz Ostasien). Dort wird mehr visuell aufgenommen als bei uns. Nicht umsonst schreiben Japaner und Chinesen mit Schriftzeichen, deren Bedeutung man sieht (nicht lautiert, obwohl sie natürlich auch einen Lautwert/mehrere Lautwerte repräsentieren) und nicht umsonst ist die Manga-Kultur genau in Japan entstanden.

In Japan spielt Englisch natürlich eine Rolle in der Schulbildung, es ist wohl fast überall die einzige Fremdsprache. Warum entsprechen die Ergebnisse nach unserem Verständnis nicht der Stundenzahl beim Lernen und nicht dem Fleiß und dem Aufwand, den die Schüler betreiben? 1. Die Lehrmethoden und die Lehrer sind nicht gut genug. 2. Es wird sehr viel Gewicht auf das Leseverständnis gelegt, einschließlich Lexik- und Grammatikerwerb, die mündliche Kommunikation, vor allem das Hörverständnis (die Mutter allen Spracherwerbs!) kommt viel zu wenig vor. Das Ergebnis ist, dass Japaner sehr viel besser englische schriftliche Texte als mündliche verstehen. Und sie können wahrscheinlich auch viel besser schriftliche Texte verfassen als bei einem Interview Fragen zu beantworten.
Eine gewisse Schüchternheit, die daraus resultiert, dass sie sich dieser Schwäche bewusst sind, kommt hinzu.

Ich verstehe nicht, warum man ihnen das immer wieder vorhält und als Arroganz oder sonst etwas Negatives auslegt.
Wie wäre es, wenn hier alle Kinder in der Schule Arabisch, Chinesisch, Japanisch oder Koreanisch lernen würden? Wie weit würden sie kommen?
danke für die umfangreiche und detaillierte Erklärung! Das macht einiges klarer was uns Europäern hier möglicherweise so nicht bewusst war/ist.
 

Benjamin

Zahlenfreund
Beiträge
39.936
Punkte
113
Negativ auslegen würde ich ihnen das nicht. Aber umgekehrt sollten sie sich dann auch nicht über einen eventuellen Nachteil beschweren, der ihnen daraus entsteht. Stattdessen sollte das japanische Team dann jemanden einstellen, der gut genug Englisch kann, um ihre Angelegenheiten bei der FIS zu vertreten. So jemand sollte sich ja auch in Japan finden lassen.

Wenn die Weltsprache des Skispringens Chinesisch wäre, würde ich auch nicht von jedem deutschen Springer verlangen, dass er das perfekt lernt - aber sehr wohl vom deutschen Team, dass es einen entsprechenden Dolmetscher einstellt.
 

Domen4Fan

Bankspieler
Beiträge
6.460
Punkte
113
@gentleman


Ich verstehe nicht, warum man ihnen das immer wieder vorhält und als Arroganz oder sonst etwas Negatives auslegt.
Wie wäre es, wenn hier alle Kinder in der Schule Arabisch, Chinesisch, Japanisch oder Koreanisch lernen würden? Wie weit würden sie kommen?
Ich als jemand der ein Jahr in Japan lebte und Japanisch lernte kann das nur bestätigen. Man kann (sehr) einfache Gespräche nach einem Jahr führen, aber sobald sich Japaner untereinander unterhalten versteht man nichts mehr. Von der Schrift die aus tausenden Schriftzeichen besteht will ich gar nicht anfangen. Es erfordert seeeeehr viel mehr Einsatz und Lernzeit um so eine Sprache zu lernen, leider... :(
 

Dickbauch

Nachwuchsspieler
Beiträge
636
Punkte
63
Ich verstehe nicht, warum man ihnen das immer wieder vorhält und als Arroganz oder sonst etwas Negatives auslegt.

Das halte ich für eine bequeme Ausrede. Die Springer sind jedes Jahr monatelang in Europa unterwegs und wissen genau dass ihre Sprachfähigkeiten nicht ausreichen um sich zu verständigen. Das kann man nun einfach hinnehmen und einen Übersetzer engagieren der selber kein richtiger ist (wie Ryoyu) oder eben damit leben. Es ist auch eine Investition in die eigene Zukunft. Bei den Damen kann soweit ich das einschätzen kann nur Kurumi so viel Englisch um sich unterhalten zu können.

Es erfordert seeeeehr viel mehr Einsatz und Lernzeit um so eine Sprache zu lernen, leider... :(

Nach drei Jahren geht's schon ganz gut, und ich hab auch nicht jeden Tag stundenlang gelernt.
 

Hakuba

J-Fan
Beiträge
18.611
Punkte
113
Ort
Berlin
Stattdessen sollte das japanische Team dann jemanden einstellen, der gut genug Englisch kann, um ihre Angelegenheiten bei der FIS zu vertreten. So jemand sollte sich ja auch in Japan finden lassen.
Das ist richtig. Ich weiß nicht, wie gut beispielsweise Sakuyama Englisch spricht. Für das Tagesgeschäft wird es sicher gut ausreichen. Yoshida kann es ja auch, FIS-Funktionäre ebenfalls.
Mir ging es um die Sportler, vor allem, wenn es wichtig ist, wie im Beispiel Takanashi bei Olympia. Sie durfte niemanden hinzuziehen zum Zweck der Kommunikation.
 

sj44

Bankspieler
Beiträge
1.012
Punkte
113
Takanashi hat bei der verhängnisvollen Kontrolle in Zhangjiakou (@blackswan hat es erwähnt) um die Hinzuziehung eines Betreuers gebeten, was nach den Regeln ihr Recht ist, aber es wurde ihr verwehrt.
Da ist die Sache dann klar, wenn es ihr Recht ist. Da darf es keine Diskussion geben.
Der Englischunterricht, den du beschreibst, ähnelt dem bei uns vor Jahrzehnten. Angelehnt an den Lateinunterricht. Aber dann hieß es in der Ausbildung "Lasst sie reden". Und dem Hörverstehen wurde eine wichtige Bedeutung beigemessen. War auch vielleicht eine technische Sache, wegen feüher fehlender Kassettenrecorder und so. Die Schifahrer aus den USA und Kanada, die da als Vorbild galten, haben ja bei den Interviews in Deutsch auch ihre Fehler gemacht, hat aber keinen gestört. Diesen Paradigmenwechsel muss man in Japan wohl erst hinkriegen. "Pfeift euch nix, redets drauf los" dürfte vielleicht auch nicht ganz so der japanischen Kultur entsprechen. Da will man perfekt sein.

Trotzdem liegt es auch an der japanischen Führung der Skispringer, hier was zu tun. Dolmetscher, wenn es notwendig ist. Das Bildungssystem werden die so nicht ändern können. Wenn man z. B. im Tennis tätig ist, kommt man ohne Englisch nicht weit. Das gilt auch für Athleten.
 

gentleman

Administrator
Teammitglied
Beiträge
43.898
Punkte
113
Ort
Austria
Läuft sich schon mal spannend an der Bericht im ORF Sport am Sonntag gerade zum Anzug-Skandal... Schlierenzauer mit entsprechenden Einordnungen und Aussagen, auch Bernhard Metzler (früher beim DSV für die Anzüge zuständig, jetzt ÖSV Damen-Cheftrainer) kommt zu Wort und sagt auch, jedes Team bewege sich zwar in einer "Grauzone", was Norwegen gemacht habe, sei aber eben eine ganz andere Nummer. Auch Sevi kam gerade zu Wort und betonte es brauche objektivere Kontrollmöglichkeiten.
 

gentleman

Administrator
Teammitglied
Beiträge
43.898
Punkte
113
Ort
Austria
Goldi und Liegl sind im Studio und Goldberger hat einen Anzug mitgebracht um zu zeigen, wo wie genau die Manipulation der Norweger stattfand... es ging eben nicht nur um die Naht die geöffnet wurde (was erlaubt wäre), sondern das steife Band wurde tatsächlich im Stoff verwoben sodass man dieses eben nicht so einfach erkennen kann. Den Stoff zu öffnen ist nach Abgabe der Hersteller an die Teams strengstens verboten.

Auch die Chips seien wohl leicht neu programmierbar und daher zu manipulieren.

Auf die Frage ob Österreich ausschließen könne, dass etwas getan wurde, was außerhalb des Regelwerks war sagt Liegl: Das kann ich zu 100% ausschließen. Man verwende nur Materialien die innerhalb des Regelwerks sind und bei innovativen neuen Ideen lasse man dies immer vorher von der FIS absegnen, um Disqualifikationen zu vermeiden.

Zu den Aussagen der ehemaligen norwegischen Athleten meint Liegl, er verstehe auch nicht so ganz was diese jetzt damit bezwecken wollen und man damit dem Sport keine gute Sache erweise.

Goldberger meint auch das Schuldbewusstsein bzgl. Disqualifikationen habe sich (auch wegen zu laxer Strafen) deutlich verändert im Vergleich zu seiner Zeit. Er sei zweimal in seiner Karriere disqualifiziert worden, einmal war er 100g zu leicht und einmal war der Anzug im Brustbereich zu weit. Danach habe man sich "geschämt" so Goldi. Heutzutage nimmt man das halt locker hin, am nächsten Tag steht man wieder am Start.
 

Suomigirl26

Bankspieler
Beiträge
36.193
Punkte
113
Ort
Kärnten
Ja gute Worte von Schlierenzauer, dass eben diese Kleinigkeiten, wie sich hinstellen das man nichts merkt, jeder Springer macht, aber bewusster Betrug nochmal was anderes ist.
Und das wieder mehr der Atleth und die Athletik in Vordergrund stehen soll, anstatt dem Material.

Und Sevi sagte, dass man gute Kontrolleure braucht, und die sollen das Geld wert sein.
 

moiag

Nachwuchsspieler
Beiträge
462
Punkte
43
Auch Sevi kam gerade zu Wort und betonte es brauche objektivere Kontrollmöglichkeiten.
Genau. Ich bin sehr optimistisch, dass die bisherige subjektive Kontrolle für die nächste Saison um vieles verbessert und deutlich objektiver wird. Es ist jedoch fraglich, ob dieselben Leute, die bisher für die Kontrolle verantwortlich waren, das System deutlich verbessern können. Auf jeden Fall wird diese ganze Trondheimer Tragikomödie im Ende zu etwas Gutem führen. Aber ohne das Zufallsvideo würde sich nichts ändern :)
Zu den Aussagen der ehemaligen norwegischen Athleten meint Liegl, er verstehe auch nicht so ganz was diese jetzt damit bezwecken wollen und man damit dem Sport keine gute Sache erweise.
Na ja, dazu kann man aber nicht zustimmen. Und das sagen dieselbe Leute die vor ein paar Tagen unzufrieden waren, weil Norweger zugaben nur das, was man schon bekannt war...
 

Lila

Bankspieler
Beiträge
8.430
Punkte
113
Na ja, dazu kann man aber nicht zustimmen. Und das sagen dieselbe Leute die vor ein paar Tagen unzufrieden waren, weil Norweger zugaben nur das, was man schon bekannt war...
Mit Bezug auf die WM gibt man immer noch nur zu, was einem nachgewiesen werden kann. Das ist ja das lächerliche. Man will uns weismachen, dass der Betrug plötzlich vor dem letzten Springen über sie kam, während man gleichzeitig sagt: es ist kein Betrug, ganz normal, wir und alle machen das und noch mehr seit Jahren.
 

moiag

Nachwuchsspieler
Beiträge
462
Punkte
43
damit meinte er ja das Framing "alle haben immer schon betrogen..."
Aber ja natürlich, das ist, was sie damit sagen, und das ist auch mMn wahr... das System ist klar total unzuverlässig, und alle wussten das, und alle haben sich dazu angepasst...

Denk mal: wenn es diesem famosen zufälligen Video nicht gegeben hätte, würde alles ruhig and wir könnten nicht jetzt auf eine wesentliche Verbesserung hoffen...
 

gentleman

Administrator
Teammitglied
Beiträge
43.898
Punkte
113
Ort
Austria
Kann man im Nachhinein irgendwie herausfinden, ob die Chips verändert /manipuliert worden sind? Wurde das gefragt?
Nein wurde nicht gefragt, bezweifle aber auch ob Goldi das so genau weiß.. da müsste man wohl wirklich IT-Spezialisten oder Programmierer fragen. Schätze aber schon dass das theoretisch möglich ist.
 

LeZ

Bankspieler
Beiträge
29.985
Punkte
113
Das wäre aber next-level Beschiss und ein Grund, ein Land komplett auf Jahre hinaus zu sperren. Klar könnte man theoretisch solche Chips klonen und eigene herstellen. Aber wenn das rauskommt, sollte das Land 10 Jahre nicht mehr an irgendwas teilnehmen.
 

Elysa

Nachwuchsspieler
Beiträge
248
Punkte
43
Frage mich was nun Einige damit bezwecken wollen, indem sie beteuern immer korrekt gehandelt zu haben. Wie ist das mit dem Stein werfen und dabei im Glashaus sitzen. Ich habe im Moment über Beteuerungen "ich/wir haben nie was gemacht" nur ein leises Lächeln übrig.
 

Yukijorou

Nachwuchsspieler
Beiträge
471
Punkte
28
Ort
NL/K'thal
Nein, Deutsch ist ebenso eine lingua franca im Skispringen, sogar noch wichtiger als Englisch, wenn es um die Dinge dazwischen, also die nicht bei Sitzungen oder anderen offiziellen Anlässen besprochenen Dinge geht.

Nicht umsonst hat seinerzeit Ôno Manabu bei seinem Studienaufenthalt in Österreich auch gut Deutsch gelernt, damit er bzw. Japan nicht immer außen vor bleibt, sondern alle wichtigen Informationen und Zugänge bekommt.
Ich hab (bei den Kombis) mal einer Unterhaltung des japanischen und des russischen Trainers auf Deutsch beigewohnt, das war schon faszinierend :D
 

Hakuba

J-Fan
Beiträge
18.611
Punkte
113
Ort
Berlin
Ich hab (bei den Kombis) mal einer Unterhaltung des japanischen und des russischen Trainers auf Deutsch beigewohnt, das war schon faszinierend :D

:D Die Kombis, das passt! Die haben Anfang der 90er Jahre bereits begonnen, sich nach Europa zu öffnen, Trainingslager in Norwegen gemacht und Kontakte aufgebaut. Da dürfte Deutsch auch eine Rolle gespielt haben.
Die Springer kamen erst durch Ono zu dieser Herangehensweise.
 

Skisprungschwester

Nachwuchsspieler
Beiträge
174
Punkte
43
Natürlich ist es das. Aber bei Millimeterbereichen einfach kein Wunder. Und ich sehe da auch keine Möglichkeit, das anders zu handhaben. Egal, wo du die Grenze setzt, ab da wird es immer um Millimeterabweichungen gehen.
Ich glaube nicht, dass sich das Problem lösen lässt. Mit diesem momentanen Stand der Technik ist es wirklich eine minimale Abweichung, die eben durch falsches Stehen, Atmen, auch durch Benützen des Anzuges, Gewicht, auf's Klo gehen, an die Grenze gehen etc. entsteht. Entweder es wird jede Millimeterabweichung geahndet, dann wird es immer wieder dsq geben, oder es wird eine Toleranz geben, in der ein erfahrener geübter Kontrolleur einen Blick hat, ob es ein Versehen oder Absicht war.
Beides birgt Probleme.
Das zitierte Absegnen des Anzuges ist sehr wichtig meines Erachtens, denn dann kann ein Springer sein Material überprüfen lassen und auch eine Idee bekommen, was geht und was nicht. Anzüge regelkonform und wettkampftauglich anzupassen, ist eine schwierige Angelegenheit.
 
Oben