Machtkampf um die ProTour
Tour-Boykott könnte ein Thema werden
BERLIN, 09.12.05 (rsn) - Am Montag findet in Brüssel ein Meeting von UCI und Vertretern der Sponsoren der 20 ProTour- Mannschaften statt. Ein Punkt der Tagesordnung ist die "historische und aktuelle Entwicklung der ProTour". Nachdem die Organisatoren der drei großen Rundfahrten am Freitag ihren Ausstieg aus der Serie erklärt haben, könnte dies das Hauptthema der Veranstaltung werden.
Hans- Michael Holczer, Teamchef des deutschen ProTour-Rennstalls Gerolsteiner, wird bei dem Treffen am Montag genauso wie die Führung des anderen deutschen Topteams T-Mobile dabei sein. Kurzfristig entschied sich Holczer nach Brüssel zu fahren. Nach den jüngsten Ereignissen verspricht die Veranstaltung spannend zu werden. "Ich kann mir gut vorstellen, dass die UCI am Montag mal abklopfen wird, wie der Standpunkt der Teams ist gegenüber dem erklärten Ausstieg der drei großen Organisatoren aus der ProTour. Die Frage wird dann auch sein: Sind die Teams gegebenenfalls bereit zum Boykott?", sagte Holczer am Freitag gegenüber RADSPORT-NEWS.COM.
Ein Boykott der Tour de France, des wichtigsten Rennens der Welt, war bisher undenkbar. Doch in dem inzwischen über ein Jahr andauernden Machtkampf um die ProTour zwischen UCI und den Spitzenteams einerseits sowie den großen Organisatoren andererseits scheint nichts mehr unmöglich. Die Entscheidung von Tour, Giro und Vuelta, sich aus der ProTour endgültig zurückzuziehen, hält Holczer noch nicht für den Endpunkt der Auseinandersetzung. "Das ganze ist ein Eskalationsmodell", sagt er. "Das ist ein Kampf um finanzielle Interessen. Die ASO (der die Tour gehört, die Red.) kämpft um den Shareholder Value ihrer Tour. Im Endeffekt sieht es so aus: Es muss ein Kompromiss gefunden werden. Andernfalls geht einer drauf. Das darf sich nicht weiter aufschaukeln. Wir brauchen jetzt eine Vernunftlösung." Er könne sich gut vorstellen, dass man mittelfristig (ab 2008) in der Frage des sportlichen Auf- und Abstiegs, den die ASO fordert, oder der TV-Rechte, um die die ASO fürchtet, Lösungen finden kann, die für alle aktzeptabel seien.
Eine ProTour ohne Tour, Giro, Vuelta und ohne die anderen acht großen Rennen von Paris-Roubaix bis zur Lombardei-Rundfahrt, die deren Veranstaltern auch gehören, wäre kaum noch etwas wert. Die Serie wäre sportlich zweitklassig und kaum zu vermarkten. Ihr drohte das Aus. UCI und die ProTour-Teams, die von der UCI-Reform am meisten profitieren, stehen daher unter Zugzwang. Sie könnten die großen Rundfahrten zurück an den Verhandlungstisch zwingen. Die Tour de France braucht schließlich auch die Mannschaften und deren Stars. Was, wenn die Spitzenteams sagen: Wir kommen nur, wenn ihr in der ProTour seid?
"Wenn es uns (den ProTour-Teams) nicht gelingt, uns als einheitlicher Gegenpol (zu den großen Organisatoren) zu positionieren, sieht es bitterböse aus für die ProTour. Die Frage wird sein: Sind die Teams in der Lage, mit einer Stimme zu sprechen", sagt Holczer. Der Gerolsteiner-Teamchef ist dabei optimistisch: "Vor ein, zwei Jahren war das anders. Aber inzwischen gibt es doch so etwas wie ein Wir-Gefühl unter den ProTour-Teams. Eine Saison hat dazu schon ausgereicht." Wie ausgeprägt die neue Solidarität der Teams ist, wird man am Montag vielleicht sehen.