Von der Logik her ist Djokovic der Favorit auf den Titel. Hartplatz, dazu Indoor, das sind Djokovics Bedingungen. Jedoch hat das Finale von Paris (mal wieder) gezeigt, dass die Uhren in best-of-3 Matches etwas anders ticken als bei den Majors mit best-of-5. Nicht umsonst ist Djokovics letzter Titel bei den Finals auch schon einige Jahre her, nämlich 2015. Auf die kürzere Distanz geht eher was. Und so viele große Matches wie in den Vorjahren hatte Djokovic auf Grund der vielen Zwangspause in 2022 nicht. Wie gesagt, theoretisch ist er der Top Favorit, ein Aus in der Gruppenphase schließe ich unabhängig von der Auslosung aus, aber in den beiden K.O. Matches kann er jederzeit verlieren.
An 2. Position ist dann (theoretisch) Medvedev zu sehen. Die Bedingungen liegen ihm ebenfalls sehr, nicht umsonst gewann er 2020 den Titel und war 2021 im Finale. Mit Ausnahme von den AO war es jedoch kein wirklich gutes Jahr für den Russen. Er wurde zwar für einige Wochen die #1 der Welt, aber einen großen Titel gab es nicht zu feiern. Je nachdem, wie er ins Turnier startet, kann er auch in der Gruppe rausgehen. Die gute Woche in Wien ist mir zu wenig, um ihn stabil in guter Form zu sehen. Und wenn er seinen Ballmaschinenmodus nicht findet, ist sein Grundlinienspiel schon etwas anfällig, weil die echten Waffen fehlen.
Hinter den beiden ist eigentlich (fast) alles offen. Rublev als Sieger schließe ich eigentlich aus, weil er in wichtigen Matches bisher nie überzeugt hat. Das Scheitern in einem GS VF ist quasi zur Tradition geworden.

Dass er plötzlich bei den Finals mehrere Top Ten Spieler in Folge besiegt, glaube ich einfach nicht. Ruud ist da zwar deutlich weiter, da er dieses Jahr ja in 2 GS Finals stand. Eine weiterer Schritt in die richtige Richtung ist unverkennbar. Aber diese letzten 5%,gegen einen starken Gegner ein Match gewinnen zu könne, fehlen mMn einfach. Er hat nicht diese Big-Shots wie ein Alcaraz oder FAA. Ruud kommt über die Konstanz und Beharrlichkeit. Nicht auszuschließen, dass das (je nach Draw) zu einem oder mehreren GS Titeln reichen kann, aber bei diesen Finals würde ich auch ihn als Sieger ausschließen. Der Formabfall in den letzten Wochen hilft sicher auch nicht.
Tsitsipas, FAA und Nadal haben spielerisch sicher alle die Voraussetzungen, den Titel zu gewinnen. Für Nadal spricht leider nicht die Form. Wegen Verletzungen u.a. hat er seit Paris zu wenig spielen können, die Auslosung sollte schon passen, um zumindest mit einem Sieg ins Turnier starten zu können. Ansonsten ist auch ein Ausscheiden mit 0-3 Siegen möglich. Er muss halt gut reinkommen und sein Selbstvertrauen vom Beginn der Saison widererlangen. Und er darf in der K.O. Runde nicht auf Djokovic treffen.

Auf Hartplatz ist die Bilanz seit 2013 desaströs, Indoor "schadet" da noch zusätzlich. Aber das habe ich 2019 auch gedacht, hätte er damals trotz der 2 Siege die Gruppenphase überstanden, der Titel wäre drin gewesen!
FAA ist wohl der formstärkste Spieler aktuell (neben dem Ersatzmann Rune). Wenn der Kanadier gut spielt und mit seinen Grundschlägen dominiert, das ist schon richtig gut anzusehen. Wenn er mental stärker wäre, hätte er schon längst den nächsten Schritt gemacht und seine Entwicklung wäre nicht gestockt. Spielt er 5 blitzsaubere Matches, kann er die Finals ohne Zweifel gewinnen. Jedoch darf man sich auch nicht täuschen lassen, 500erer zu gewinnen ist was anderes als ein solches Turnier, wo einem plötzlich ein Djokovic gegenüberstehen kann. Da musst du dann halt auch liefern können. Kann FAA das wirklich ....?!
Tsitsipas spielt 2022 eine Saison voller Auf und Abs. Erwartbar ist nur, dass nichts erwartbar ist. Vor den US Open kam er endlich in Form und verlor dann völlig überraschend gegen jemanden, gegen den er eigentlich nie verlieren darf. Das Talent ist da, sein Speil ist variabel und schön anzusehen. Aber wirklich konstant ist er (leider) nicht.
Und der gute Taylor Fritz .... als Favoriten sehe ich ihn gewiss nicht, für mich ist er aber jemand, der durchaus ins HF oder gar Finale kommen kann. Wie Ruud (wenn auch auf einem etwas niedrigeren Niveau) hat er 2022 einen großen Schritt nach vorne gemacht und eigentlich müssen die Indoor Bedingungen zu seinem Spiel passen. Als jemand, der ohne Alcaraz's Verletzung nicht mal dabei wäre, hat er nichts zu verlieren.
Auch wenn mich die GSs noch mehr begeistern, ich freue mich auf das letzte Turnier in 2022!
