Einige der ersten Reaktionen auf das Ursprungsposting waren ja im Stil von "selbst schuld, wenn er mit der kurdischen Flagge rumläuft etc.". Darauf kann man dann schonmal entgegnen, dass man solche Reaktionen auch kacke findet und sie Teil des Problems sind.
Man kann sich darüber aufregen, dass es Betrachter gibt, die sich darüber mokieren, dass Kabayel eine kurdische Fahne schwenkt. Man kann aber auch die Ursprungsmeinung einfach für sachlichen Unsinn halten, ohne den betroffenen Personen Rassismus zu unterstellen. Der Umgang damit ist m. E. zu verkrampft und zwar von beiden Seiten. Amateur-Boxen in entsprechenden Kadern auf lokaler bis hin zu nationaler Ebene ist unter einer DBV-Hoheit in der Spitze mit einem Boxen für Deutschland verbunden (Internationale Meisterschaften, Turniere, EM, WM, Olympia).
Im Profiboxen boxen Sportler für sich, weil sie persönlichen sportlichen Erfolg und vor allen Dingen persönlichen Ruhm und möglichst viel Geld ernten wollen. Mit Nationalität, Identifikation mit einem Land etc. hat das eigentlich gar nichts zu tun. Hymnen wurden früher nicht gespielt, Fahnen wurden nicht geschwenkt, sondern dieser Teil kam irgendwann als Teil der Show und von den Promotern (gerade auch in Deutschland) als Aufwertung der Nummer zu einer Veranstaltung von nationaler Tragweite zur Generierung von mehr Aufmerksamkeit und letztlich zur Generierung von mehr Geld dazu. Die eigentliche Verbundenheit mit der entsprechenden Nationalität oder Identität besteht aber bezogen auf das Boxen trotzdem nicht oder wird nicht zuvorderst betont, wird höchstens von Außen durch entsprechende Fans mit reingebracht.
Wenn man sich jetzt darüber aufregt, dass Kabayel es an Unterstützung aus Deutschland mangelt und dies in Verbindung mit seinen kurdischen Wurzeln bringt, dann ist das eine Verkennung der Tatsachen, weil es nicht betrachtet, dass es Boxern, deren Vorgängergenerationen seit u.U. Jahrhunderten aus Deutschland kommen, ganz genau so geht. Boxen, zumal das Profiboxen ist eine Randsportart - und das Interesse der Öffentlichkeit daran ist derzeit gering. Das gilt auch dann wenn ein Otto Müller um eine Meisterschaft der Profis boxt. Unter den Boxerfans gibt es solche, die den Boxer verehren, weil er wie sie aus dem gleichen Kulturkreis kommt - das Boxen an sich spielt dabei oft keinerlei oder nur ein untergeordnete Rolle ("Einer von uns"). Boxeventfans sind eigentlich Eventfans - sie wollen Teil des Happenings sein, es ist ihnen wichtiger eine tolle bunte Show zu sehen und (Möchtegern-)Promis zu treffen, das Geschehen im Ring ist völlig nachrangig. Eingefleischte Boxfans hingegen lieben das Boxen als Sport - das ganze Brimborium drum herum kann ihnen weitestgehend gestohlen bleiben, es ist auch nicht wichtig wie die Nationalität des Boxers lautet, womit er sich identifiziert oder nicht, welche Fahne er schwenkt, was auf seinem T-Shirt steht, sondern sie bewundern die sportliche Auseinandersetzung im Ring, die technische und kämpferische Finesse der Boxer und nicht deren Aussehen, Kulturkreis etc. - diesen Typus Fan findet man vor allen Dingen hier im Boxunterforum, Leute die nachts aufstehen um Kämpfe irgendwo auf der Welt zu sehen und zu punkten und sich über das Gesehene die Köpfe heißzureden. Sie feiern ihre weltweiten Idole ohne Ansehen der Person/Herkunft etc., d.h. die Nationalität der Boxer und ihr - wenn überhaupt - geäußertes Selbstverständnis ist dabei völlig irrelevant und das ist die absolute Regel in Boxsportunterforum.