Die Erwartungshaltung orientiert sich doch an der Einschätzung der Chancen vor dem Turnier und nicht an irgendwelchen Resultaten vor 70 Jahren. Wenn ein Team relativ überraschend ins Halbfinale kommt und dann Dritter wird ist das Grund zur Freude. Wenn ein absoluter Titelkandidat gegen ein schwächeres Team das Halbfinale verliert ist die Freude über Platz 3 und das allgemeine Abschneiden eher überschaubar. Ich glaube nicht, dass es da große Unterschiede macht wie diese Nation zwischen 1950 und 1980 abgeschnitten hat
Das habe ich schon verstanden. Aber die Einschätzung vor dem Turnier ist eben nur eine Einschätzung. Für etwas spielt man das Turnier ja aus. Ansonsten könnte man die Rangierung anhand eines fiktiven Zahlenratings machen. Wie bei FIFA erhält jeder Spieler eine Stärke und dann schaut man, welches Team den krassesten Kader hat. Oder man orientiert sich an den Wettanbietern. Dann müssen die Spieler nicht mal schwitzen.
Natürlich ist es legitim, wenn sich England mit diesem Team als einer der Favoriten sieht. Aber wenn man bei 48 Teams mit einer „alles ausser dem Titel ist Kacke“-Einstellung ins Rennen geht, ist nur schon rein mathematisch die Chance gross, dass es ne Enttäuschung gibt. Zumal afaik die meisten Bookies Frankreich und Spanien vorne hatten und erst dann England. Dh man wurde schon so eingeschätzt, dass es vielleicht nicht nach ganz Vorne reicht.
Und in diesem Fall kommen eben doch die Resultate zwischen 1950 und 1980 und vorher und nachher zum Tragen. Ich kann mir sagen „alles ausser Titel ist doof“ und wenn man dann eben ausscheidet, ist alles kacke. Ich kann aber auch gucken, ob ich irgendwas Positives mitnehmen kann. Stellen wir uns vor, dass es beim englischen Fussballverband einen Trophäenraum gibt, mit einzelnen Vitrinen, die mit EM, WM, Nations League, Confed Cup…und alles anderen Turnieren die es gab beschriftet sind. Und wenn ich dann die WM-Vitrine sehe und merke, dass die ziemlich leer ist, abgesehen von Pokal und Medaille der 1966er, dann kann ich mir das Ganze doch bisschen versüssen, indem ich mir sage „jetzt hänge ich da zumindest eine Bronze rein, hat nach 1966 niemand mehr geschafft. Silber wäre geiler, Gold sowieso, aber immerhin.“ Wenn ich aber einen Schrank habe, wie Deutschland, sieht das anders aus. Der quillt über und dann muss man lediglich für ne Bronze Platz schaffen. Wenn es wenigstens eine wäre, die mit so guten Emotionen verbunden ist, wie 2006.
England hat halt die Option, das Ganze positiv zu sehen. Weil sie eben so wenig gewonnen haben bis jetzt. Wenn sie lieber schlechte Laune haben, weil nur der Sieg zählt, dann sollen sie. Aber wir müssen hier nicht philosophisch werden.