Schön, euch hier über Talente debattieren zu sehen, konnte einiges mitnehmen. Mir selber fällt es schwer, junge Boxer (gegeneinander) einzuschätzen, die bislang noch keine ernsthaften Gegner gefaced haben. Bei Itauma, gerade im Franklin-Fight, dachte ich auch manchmal: Uff, sehr offen, wenn da mal einer durchzieht. Aber vielleicht richtet er das auch sehr am Gegner aus, kann vielleicht im Ring rasch einschätzen, ob er mehr oder weniger Risiko gehen kann - und möglich ist es, dass er sich gegen einen deutlich besseren Mann (und Hrgovic ist so einer) entsprechend adaptiert und die Scheunentore schneller schließt. Bin jedenfalls auch sehr gespannt, wie er sich da macht, wie er mit größeren Widerständen umgeht, wie er eine konstante(re) Hit-Rate verkraftet usw. Ich glaube aber, dass es zumindest nicht nur Hype bei Itauma ist. Der hat schon besondere Fähigkeiten. Und was er kann, reicht für 'ganz oben' allemal. Hindern könnte ihn allenfalls, was er mutmaßlich (noch) nicht kann - und das wird sich in den nächsten Kämpfen wahrscheinlich stärker offenbaren. Aber so sehr ihm andere (Top-Fighter) auch Probleme bereiten können - er kann das umgekehrt ja auch. Die müssen ja auch erst mal mit seinem Speed, seiner Schlaghärte, seiner vielleicht nicht überragenden aber sehr ordentlichen Beinarbeit usw umgehen. Jedenfalls mag ich seine Anlagen sehr und wünsche ihm daher, dass er seine nächsten Tests überzeugend besteht.
Von Mullojonov hatte ich nur einen Jalolov-Kampf gesehen und hab mir jetzt mal drei Profi-Kämpfe angesehen. Mag ich sehr! Und ich würde (auch wenn die Sample Size, über die ich zu ihm verfüge, sehr gering ist) auch sagen: sehr gutes Auge, taktisch wie technisch deutlich überdurchschnittlich, offenkundig hatte er eine gute Ausbildung. Ich mag an ihm die Mischung aus Ring-IQ und Unnachgiebigkeit. Ich glaube, für Itauma wäre er kein günstiges Matchup, er agiert kontrolliert, lässt sich nicht einfach ausfintieren, mit ihm könnte sich Itauma schwertun. Aber auch hier, wie schon eingangs angetönt: Schwer zu beurteilen für mich, weil keiner seiner (Profi-)Gegner eine ernsthafte Challenge war. Ich glaube, er kann sich bei Beschuss ganz gut entziehen, und meist so, dass er aus der Defensiv-Lage umgehend wieder in offensiver Lage ist, aber ob das so auch gegen Itauma funktionieren würde? Da reicht meine Boxbildung nicht, um das seriös einzuschätzen.
In Ali Feliz hab ich grundsätzlich auch Hoffnung, er bringt viel mit, aber ich kann mir trotzdem vorstellen, dass er sich gegen ernsthaftere Gegner durchaus "verwundbar" machen könnte. Ich wusste nicht, dass Top Rank seine Kämpfe so auswählt, dass sie seine Schwächen provozieren, also dass das so offen auch kommuniziert wurde, finde es aber plausibel, er hat es in den Kämpfen, die ich gesehen habe, immer mal wieder leicht anders versucht. Aber z.B. gegen Woodson fand ich schon: Sobald er die Chance zum Knockdown witterte, wurde er tendenziell leicht kopflos. Er nahm da auch schon den einen oder anderen unnötigen Treffer - von Woodson bewirkte das nichts, aber von einem mit signifikanter Schlagkraft? Kann ich mir schon vorstellen, dass er dann eine zumindest gewisse Anfälligkeit offenbart. In anderen Kämpfen wiederum hat er sich taktisch gut verschlossen oder ist auch immer wieder ansehnlich ausgewichen. Er hat nicht ganz den Speed von Itauma, weder in den Händen noch in den Beinen, aber er wäre für ihn ein sehr unangenehmer, harter Gegner. Da käme es für mich auf Itaumas ja hier auch schon angezweifelte Kondition und Frustrationstoleranz an: brächte er beides in den Kampf, würde sich Feliz, glaube ich, sehr schwertun. Seine Chance wäre, dass sich Itauma in seinen Offensivaktionen punktuell zu offen zeigte. Kämpfte Itauma hingegen schlau, d.h., würde er sich viel entziehen durch seine Angle-Changes, würde ich ihn wohl favorisieren. Aber es schiene mir zumindest keine ausgemachte Sache zu sein. Feliz hat zweifellos ein Paket, das Itauma gefährden kann.
Bei Suslenkov tendiere ich aber wahrscheinlich auch eher zu den Skeptikern. Er ist sicher kein schlechter Boxer, bestimmt wirklich ein guter, aber ich sehe bei ihm, im direkten Vergleich mit Itauma, nicht nur die Größe als möglichen Nachteil. Er hat keine besondere Art, den Gegner zu öffnen, seine Einzelaktionen wirken nicht wie in einen größeren Plan eingebettet (sind sie bestimmt, wirkt nur nicht so), seine Schlagauswahl ist nicht sehr variabel, sein Speed ist nicht auf Highlevel, seine Beinarbeit eher mäßig, seine Vorgehensweise grosso modo statisch. Mir fehlt wirklich die Phantasie, wie er gegen Itauma - oder überhaupt ein Schwergewicht der Weltklasse - siegreich sein wollte. Es gab im Fußball mal einen schönen Satz, den Mourinho auf seinen Trainerkollegen Maurizio Sarri sagte: "Seine Mannschaften sind leicht zu analysieren, aber schwer zu bespielen." Und vielleicht trifft das ja auch auf Suslenkov zu - dann sehe ich immer noch keinen Sieg für ihn, aber zumindest einen schwer erkämpften seines Kontrahenten.