Ich bin da eher bei
@Sakaro: Sport (und Boxen im Besonderen) haben durchaus mit Gewalt zu tun. Ich kenne keinen Boxfan, -zuseher, der nicht im Grunde auf ein Ko wartet (was nicht bedeutet, dass Kämpfe ohne Niederschläge nicht spannend und toll anzusehen sein können).
Sport hat mit Konkurrenz zu tun, mit Gewinnen-Wollen, mit dem Besiegen des Gegners und ist eine Art sublimierte Form des Krieges. Ich halte es für wichtig, dass man sich der Faszination dieser Gewalt bewusst ist bzw. wird (denn erst dann kann man mit diesem Gewaltpotential umgehen lernen). Dabei gibt es (für mich) eine schwer definierbare Grenze zwischen einem "großartigen" Knockout und dem Moment, wo mir das Ganze dann irgendwie "zuviel" wird.
@Deontay hat hier mal eine Menge Barenuckle-Fights verlinkt (meist kurze Ausschnitte) und beim Ansehen dieser Kämpfe spürte ich, dass ich das lieber nicht sehen will. Wie es auch bei normalen Boxkämpfen zuviel werden kann (die Gatti-Ward-Kämpfe waren sicherlich faszinierend, aber irgendwie auch beunruhigend).
Ich glaube auch, dass wir uns in die Tasche lügen, wenn wir unser eigenes (menschliches) Aggressionspotential verleugnen. Dies ist ein offenbar evolutionär sinnvoller Aspekt fast jeder Spezies, allerdings keineswegs der einzige (im Sinne eines kruden Sozialdarwinismus). Wahrscheinlich war es sehr viel eher der Altruismus, die in uns angelegte Möglichkeit zur Zusammenarbeit, die die Gattung homo so erfolgreich hat werden lassen. Aber das in uns ein Hang zur Gewalt besteht dürfte unzweifelhaft sein. Sport im allgemeinen, Boxen im besonderen scheint die Möglichkeit zu bieten, diesen Hang kontrolliert auszuleben.
Erwähnenswert sind diesbezüglich die in der Anthropologie dokumentieren Scheingefechte (etwa unter indigenen Gruppen auf Papua-Neuguinea), die zwar auch relativ brutal ablaufen, bei denen aber darauf geachtet wird, dass es zu keinen schweren bzw. tödlichen Verletzungen kommt. Man betrachtet derlei als eine Art regelbasierte Vorstufe zu unseren sportlichen Wettkämpfen, als einen Versuch, unser Aggressionspotential kontrolliert auszuleben bzw. den damit verbundenen Schaden zu begrenzen.
Beim Boxen verhält es sich meiner Erfahrung nach sehr ähnlich - nur auf individueller Ebene. Fast alle, die zu meiner Zeit zu boxen begannen, hatten schon zuvor Probleme bezüglich gewalttätigen, aggressiven Verhaltens (das ich den Betreffenden gar nicht vorhalten möchte: Wenn man die Verhältnisse kannte, war es eher verwunderlich, dass nicht noch viel mehr dieser Jugendlichen zu Gewaltausbrüchen neigten). Das Boxen hatte dann (manchmal) den Erfolg, dass die Betreffenden ihre Aggressionen auf der Straße, in der Famile besser im Griff hatten, es fand eine Diszplinierung, regelgeleitete Kanalisierung ihres Verhaltens statt. Denn fast alle diese Jugendlichen, jungen Erwachsenen wussten genau, dass ihr Verhalten eigentlich untragbar war, sie litten sogar darunter, immer wieder die Selbstkontrolle zu verlieren.
Der entscheidende Punkt scheint mir: Erst wenn wir uns dieser uns innewohnenden, latenten Aggression bewusst werden, können wir damit umgehen lernen. Boxen zeigt die menschliche Spezies nicht unbedingt von ihrer besten Seite, aber es ist eine (aggressive) Seite, die wir unzweifelhaft besitzen (Männer in der Regel stärker als Frauen) und die wir - wenn notwendig - kontrolliert ausleben sollten. Es hilft nicht, uns die Aggressivität wegzuwünschen: Wir müssen mit dieser Eigenschaft einen "modus vivendi" finden, der anderen (und uns selbst) so wenig als möglich schadet.