24.03.2004
Rechtsausleger mit Kontertaktik
Am 24. April 2004 trifft Dr. Vitali Klitschko im Staples Center von Los Angeles auf Corrie Sanders. Es geht um den Titel des World Boxing Council (WBC), dem Vitali an gleicher Stelle im Juni 2003 im Duell mit dem damaligen WBC-Champion Lennox Lewis schon einmal sehr nah war. Beide Boxer traten noch nie im Ring gegeneinander an, aber ein Unbekannter ist der Südafrikaner nicht mehr.
Es war der 8. März 2003 in Hannover. Vor gut einem Jahr trat WBO-Weltmeister Dr. Wladimir Klitschko in der Preussag Arena zu seiner sechsten Titelverteidigung gegen Sanders an. Es wurde einer der schwärzesten Tage in Wladimirs Karriere. Nach zwei Niederschlägen in der ersten und einem weiteren zu Beginn der zweiten Runde brach der Ringrichter den Kampf ab. Sanders war neuer Weltmeister der World Boxing Organization (WBO) und Wladimir benötigte gut ein dreiviertel Jahr, um sich von dieser Niederlage sportlich zu erholen. Genauso überraschend wie sein Titelgewinn war Sanders' Ende als WBO-Weltmeister. Im Oktober legte er den Gürtel, ohne nur eine Titelverteidigung besritten zu haben, wieder nieder.
Hätte es den Kampf von Hannover nicht gegeben, wäre Sanders Name in den Annalen des Schwergewichtsboxens wahrscheinlich nur am Rande erwähnt worden. Aber so wurde der ehemalige Polizist aus Pretoria plötzlich interessant. Kurzfristig deutete sich sogar im Herbst des letzten Jahres ein Titelkampf gegen den damaligen Weltmeister der World Boxing Association (WBA) Roy Jones Jr. an. Doch die WBA unterband die Absichten ihres Titelträgers.
Zuvor hatte Sanders, der seine Profikarriere 1989 begann, nur selten die Chance bekommen, gegen namhafte Gegner in den Ring zu steigen. Dennoch war er bereits vor seinem Sieg über Wladimir von 1997 bis 2000 Weltmeister der World Boxing Union (WBU). Allerdings spielt der unbedeutende WBU-Titel in der Weltspitze des Schwergewichts keine große Rolle. 1997 holte er sich den vakanten Titel durch einen Punktsieg über Ross Purity, dem einzigen Boxer dem neben Sanders ein Sieg gegen Wladimir gelang. Nach drei erfolgreichen Verteidigungen verlor der Südafrikaner den WBU-Gürtel im Mai 2000 durch K.O. in der siebten Runde an Hasim Rahman. Danach legte er eine Pause von eineinhalb Jahren ein, ehe er sein Comeback gab.
Insgesamt bringt es der 38-Jährige bisher auf 41 Profikämpfe. Seine Statistik lässt sich sehen. Nur zweimal verließ er den Ring als Verlierer. Neben Rahman unterlag er bereits 1994 Nate Tubbs in der zweiten Runde. In seinen übrigen 39 Kämpfen kam er zu Siegen, darunter sind 29 K.O.-Erfolge. Aber, wie bereits erwähnt, die Zahl seiner Bewährungsproben gegen Boxer aus der Weltspitze ist äußerst gering.
Die entscheidende Eigenschaft von Sanders ist sicherlich, dass er zu den wenigen Rechtsauslegern gehört. Gegen Linkshänder zu boxen, stellte auch schon viele Weltklasse-Boxer vor große Probleme. Und Sanders versucht diesen Umstand meist durch eine Kontertaktik auszunutzen. Auch Wladimir wurde Opfer dieser Kampfweise. Seine drei Niederschläge gegen Sanders musste er jeweils bei eigenen Angriffen einstecken. Der Südafrikaner sucht hierbei meist die frühe Entscheidung, damit seine Gegner keine Chance mehr bekommen, sich im Verlauf des Kampfes auf diesen Stil einzustellen. 18 Mal schickte Sanders seine Kontrahenten bereits in der ersten Runde entscheidend zu Boden.
Übersteht Vitali die ersten Runden unbeschadet, steigen seine Chancen stetig. Obwohl es zuletzt aus dem Umfeld von Sanders hieß, dass er die nötige Kondition für einen Kampf über die volle Distanz habe, offenbarte er in der Vergangenheit in längeren Kämpfen oft konditionelle Probleme. Dennoch bleibt er stets ein unangenehmer und gefährlicher Boxer. Wenn ein Gegner angreift und die eigene Deckung vernachlässigt, kann er gnadenlos zuschlagen.
