Man sollte nicht immer die Alleinschuld beim "schwächsten Glied" einer Gesellschaft suchen, finde ich. Im Boxen ist das ja in der Breite der Boxer. Oft wird verkannt, dass die Mehrheit schon zig Jahre Boxen auf dem Buckel hat. In dieser Zeit dürfte jeder Boxer schon mehrmals die Erfahrung gemacht haben, dass er sich 100%ig vorbereitet hat, auf Tag X top drauf ist und dann findet der Kampf aus verschiedenen Gründen nicht statt. Sowas kennen viele Boxer und mit der Zeit schlaucht das und hinterlässt für die Zukunft seine Spuren auf Fokus, Konzentration, Disziplin, Motivation. Dazu noch der Alltag, wenn man Familie hat, nebenbei arbeiten oder vertragliche Verplichtungen wie Presse, Sponsoren usw. einhalten muss, verbunden mit einer überhaupt unsicheren Zukunft als Berufsboxer. Ganz zu schweigen von der körperlichen Belastung des Boxtrainings an sich. Die wenigsten Boxer machen monatelang nichts. Im Gegenteil: die meisten sind trotzdem im Gym, spulen ihr Programm ab. Wenn man allerdings nicht weiß, wann der nächste Kampf kommt, ist es sehr schwer stetig die 100 Prozent zu geben, die nötig sind, um das optimale Training zu erreichen. Was wiederum dazu führt, dass das regelmäßge Training im Gym nicht allzuviel bringt. Das in der Praxis zu steuern und überwinden ist sehr schwer für Boxer, die finanziell nicht so gut ausgestattet sind wie Boxer der Marke Klitschko, Mayweather etc.
Nicht zuletzt der psychische Druck, angefangen von Existenzangst, Selbstzweifel etc. Irgendwann merkst du als Boxer, dass du nur eine Ware bist. Solange du gewinnst, ist alles gut und jeder klopft dir auf die Schulter. Aber wenn du mal krank bist, verlierst, Probleme hast, dann werden Vorwürfe oder Schuldgefühle gemacht. Trainer sind enttäuscht, als ob sie selbst den Kopf hinhalten müssen oder verkennen, dass in der Praxis manchmal eben nicht alles so verläuft wie vielleicht trainiert. Die Manager sind meist mit dem Geld, ihrem Ego und was weiß ich beschäftigt, sagen einmal so, dann wieder anders, nach dem Motto: "stell dich nicht so an!" oder "Ohne mich bist du nichts" oder "das kannst du mir nicht antun". Mal ehrlich, die wenigsten interessieren sich doch dafür, dass der Boxer letztendlich nur ein Mensch ist mit Fehler, Schwächen ... natürlich kann man jetzt einwenden, dass mit solchen Problemen ja eigentlich alle Arbeitnehmer kämpfen müssen. Stimmt, keine Frage, aber wer ehrlich ist: welcher Arbeitnehmer schafft schon jeden Tag 100 Prozent und mehr.



Und am Ende ist und bleibt der Schuldige leider immer der "Schwächste", der Schuldige, der Verlierer, allgemein gesprochen in der Breite.