So ist es. Wenn das Auge von Joyce nicht zumacht - was eben auch immer ein bisschen Pech ist - gewinnt er den Kampf gegen Zhang doch fast 100%ig sicher. Der Kampf kippte doch und Zhang hat schon ab der 2. Runde geschnaubt. Der hätte Joyce nicht mehr ausgeknockt und Joyce hätte Zhang outworked und sich so die Runden gesichert. Oder glaubt ernsthaft jemand, dass Zhang plötzlich hintenraus noch explodiert wäre? So einen anderen Joyce oder so einen anderen Zhang haben wir da auch nicht gesehen als sonst. Joyce war bloß defensiv noch einen Tick schlechter als erwartet und Zhang hat diese Schwächen mustergültig ausgenutzt. Ich würde beide Boxer normalerweise exakt genauso bewerten wie vorher. Spannend wird doch eher die Frage, ob der Kampf Joyce zu viel Substanz genommen hat oder wie er psychisch mit der Niederlage umgeht. Aber substanziell Neues konnte ich da in dem Kampf nicht erkennen.
Ganz so ungefährlich und schnaufend habe ich Zhang zwar nicht erlebt, aber Joyce drehte die letzten Runden schon besser auf, obwohl er immer noch viel zu oft die Linke von Zhang kassierte. Falls das mit dem Auge nicht passiert wäre, dann wäre für mich weiterhin jeder Ausgang drin gewesen. Aber irgendwie sind die "Was wäre wenn-Szenarien" auch Makulatur. Es ist wie es ist.
Und das mit dem Auge hat sich Joyce selbst eingebrockt bzw. Zhang sich selbst erarbeitet.
Ist einer von beiden deshalb jetzt besser oder schlechter geworden als vorher für mich?
Nein. Joyce hätte vielleicht nicht Gewicht abnehmen sollen, denn schneller war er dadurch nicht und er hat ja auch sonst nie konditionelle Probleme mit seiner Monsterworkrate gehabt. Bei der Masse an Schlägen gegen Zhang kam ja zwangsläufig auch einiges durch so halbwegs, was Zhang aber nicht sonderlich zu beeindrucken schien und auch kaum Spuren in dessen Gesicht hinterließ. Schneller wurde Joyce durch die Gewichtsabnahme jedenfalls nicht. Und mal ehrlich, wir alle schreiben hier über Boxer, die es geschafft haben, oben mitzumischen, - etwas, was niemand von uns hier je erreicht hat oder erreichen wird. Und jeder hier hätte doch Kohle hin oder her, nen Köttel inner Hose, wenn er Profiboxer wäre auf Top-50 Niveau und gegen einen wie Joyce, Zhang und Co. ran müßte. Also sollte man da finde ich auch immer respektvoll bleiben und das Erreichte anerkennen, Geld hin oder her, - ich würde es auch nehmen. Aber gerade JJ hat es finde ich nicht verdient, dass man in erst in den Himmel lobt, und dann von der Couch aus sagt: "Habe ich doch schon immer gesehen/gewusst", um es mal etwas überspitzt auszudrücken.
Und das, was Roberts zu allen aktuellen Topleuten im HW schrieb, ging mir die Tage so nach dem Kampf auch durch den Kopf. DEN perfekten Boxer gab es sehr selten (am ehesten von denen, die ich noch näher erlebt habe, waren das für mich der Prime-Lennox, der Prime-Holyfield und der Prime-Tyson).
Aktuell hat jeder seine Schwächen: Der eine zu arrogant, vielleicht um die Labilität zu verbergen oder mittlerweile aus reiner Geldgier oder sonstwas, dazu schwabbelig, was ihn aber nicht an sehr guter Kampfführung gehindert hat in der "Trilogie" - trotzdem gerade bei mir wegen der letzten Geschichte unten durch..., der andere, der vielleicht noch dem Ideal eines perfekten Boxers entspricht, körperlich im Grunde unterlegen ist gegen die anderen ganz oben im HW und wohl bald zu alt, um seinen sehr aufwändigen Stil, der auf Beweglichkeit, Reflexe und Workrate angewiesen ist, noch allzu lange umzusetzen, - dazu auch treffbar und nur gegen den nächsten, den Muskelmann mit dem psychischen Knacks und der zu schwachen Kondition für Spurts, gewonnen bisher im HW, dann der Mann mit den dünnen Beinchen, der zu eindimensional und wirklich auf den einen punktgenauen Treffer angewiesen ist gegen (sehr) gute Leute.
Dazu dann Joyce mit seinen bekannten Schwächen, Zhang, von dem ich nur die beiden Kämpfe gegen Hrovic verfolgt habe, Hrovic selbst eben, der Schwächen in der Defensive hat aber austeilen kann und wohl ein ziemlich harter Hund ist nach dem Joyce-Kampf spätestens jetzt im Quervergleich, tja, dann der mit der massiven Essstörung, der jedesmal wieder verfettet, wenn er ein bißchen was runter hat und eigentlich zu klein ist für einen "Ruler", usw. und so fort; eben die mit Potenzial, die in der Warteschlange stehen, sich aber noch nicht gänzlich bewiesen haben.
Wenn man sich aus allen zusammen mit ner Prise Prime Lewis, Holy, Tyson, - meinetwegen noch Ali, Foreman, Riddick Bowe und je nach Gusto, was einem sonst noch so einfällt, einen basteln könnte, dann hätte man den perfekten Boxer im Ring und außerhalb. Aber wir leben nunmal in der sogenannten "Realität".