Leider sieht man an den Reaktionen, dass so etwas im Fußball noch immer als "Schwäche" gesehen wird. Ich habs nicht gesehen, aber wenn man Twitter etc. glaubt, haben Matthäus, Calmund und Metzelder das Mertesacker-Interview ziemlich zerrissen. Und die IQ-Energiesparlampen von RTL titeln ohnehin so:
Kannst du dir nicht ausdenken, sowas.
Ich denke, dass dieses Thema bzw. Interview evtl. einen eigenen Thread verdient hätte.
Ich habe die Äußerungen von den Sky-Experten live gesehen in der Halbzeitpause und kann die Gedanken teilweise nachvollziehen, teilweise aber überhaupt nicht. Solche Überschriften wie das von Punkt 12 ist natürlich eine Frechheit und der Aufschrei bei Twitter etc. völlig zurecht. Die Doppelmoral von den Medien, sich mal ein wenig zu hinterfragen und vielleicht keine Note 6 für ganze Mannschaften und 'Versager' plakatieren etc wird ja immer wieder mal diskutiert, da scheint sich ja aber insgesamt wenig verändert zu haben.
Auch so Äußerungen von Matthäus a la "Wie will er Jugendliche trainieren und ansprechen, wenn er selbst dem Druck nicht gewachsen ist" ist natürlich kompletter Unsinn. Es wird den Jungs sicher helfen, ihnen klarzumachen, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Spieler später mal mit Fußball Geld verdient bzw. soviel Geld verdient, dass es bis zum Ende des Lebens reicht und dass es keine Schwäche ist, sich auch anderen Dingen zu widmen, da sie später vielleicht mal beruflich benötigt werden. Den Jungs auch klarzumachen, dass Druck dazugehört und es keine Schwäche ist, Druck zu empfinden, ist gut und wichtig. Psychischem Druck wird vermutlich - ohne da irgendwie Experte zu sein - immer noch viel zu wenig Interesse von Vereinsseite beigemessen und vielleicht auch zu wenig von den Spielern kommuniziert.
Gleichzeitig kann ich den Unmut von Matthäus und Metzelder - als Mitspieler bei der WM 2006 - nachvollziehen, das man irritiert über die Aussage ist, dass das Ausscheiden gegen Italien befreiend gewirkt hat und man sich irgendwie gefreut hat (Mertesacker: Es ist vorbei, endlich ist es vorbei). Dann noch acht Jahre in der Nationalmannschaft zu spielen, obwohl man relativ problemlos zurücktreten kann und vor dem Hintergrund, dass es doch so ein Riesendruck sei, ist auch für mich ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehbar. Auch als Mitspieler, der vermutlich sehr enttäuscht ist, dass man im Halbfinale ausscheidet, würde mich eine positive Reaktion (auch wenn sie aufgrund einer psychischen Drucksituation entsteht) erstmal irritieren.
Nicht, dass es falsch rüberkommt: Ich finde es gut, dass Mertesacker dieses Interview gegeben hat, da er sicher nicht der einzige ist, der solch eine Drucksituation erlebt und das Sprechen über 'Schwächen', vor allem im mentalen Bereich, heutzutage immer noch eine Art Tabuthema ist. Solche Reaktionen wie von RTL zeigen, dass die Medien nicht bereit sind oder es sogar gegen einen verwenden, von daher ist es umso wichtiger, solche Themen (auch medienwirksam) anzusprechen und ins Bewusstsein der Menschen zu rufen (Geld wiegt eben nicht alles auf). Dass aber alle Aussagen von Experten sofort negativ ausgelegt werden, wenn sie nicht Mertesackers Meinung sind, ist genauso typisch, denn ich persönlich habe auch nachvollziehbare Argumente von Matthäus, Metzelder etc. gehört.