Wenn der Damm erst mal gebrochen ist, wenn man es einmal klipp und klar und zweifelsfrei behaupten konnte, fällt es einem fortan leichter, es wieder (und wieder) zu sagen - dabei ist "Robbery" wahrlich ein großes Wort. Zugegeben, 116-112 hat schon leichte Robbery-Vibes, insgesamt aber war der Kampf zu knapp und ist das (eigene) Urteil zu sehr von der eigenen Perspektive (aufs Boxen) abhängig, um den Beterbiev-Sieg so zu betiteln. In meinen Augen war es keine Robbery, auch wenn ich keinen Beterbiev-Sieg sah.
Vielleicht war es (auch) ein politisches Urteil, aber ich bin in diesen Dingen zu wenig drin, um das zu beurteilen. Wenn man solche Gründe außen vor lässt, kann man vielleicht sagen, das Urteil sei ein Beleg für die Relevanz von Soft-Faktoren: wer öfter im Vorwärts-, wer dafür im Rückwärtsgang war, wer an den Runden-Enden bisschen mehr Dampf gemacht hat, wessen Hände regelmäßiger aktiv waren, wer sich eher mal ins Klammern gerettet hat, wer häufiger von der Ringmitte aus usw. In diesen Faktoren lag Beterbiev wohl vorn. Und das Problem, für Bivol, war vielleicht, dass der Kampf sehr stark von diesen Soft-Faktoren lebte. Wir haben ja keine archaische 'Ringschlacht' gesehen, keiner hat den andern wesentlich dominiert, keiner den andern nahe am Knockdown usw. Wer diese Soft-Faktoren hoch gewichtet, musste Beterbiev vorn sehen.
Und ich will dagegen auch nicht polemisieren. Es gibt gute Gründe, einen Boxkampf so zu bewerten. Das ist ja unter anderm auch das Krasse am Boxen: einen Kampf nach verschiedenen Kriterien beurteilen zu können. Aber auch die eigene Bewertung unterliegt ja bisweilen Soft-Faktoren, die man vielleicht nicht immer gleich selber realisiert. Wer sich im Voraus einen Favoriten erkoren hat, wird im Kampf vielleicht den Fokus mehr auf ihn legen, mehr auf die Challenge, die der eigene 'Hero' zu bewältigen hat. Ich habe das in den ersten Runden auch bei mir selbst bemerkt: Wie gelingt Bivol dies oder jenes, wie nimmt er Beterbiev vielleicht dessen Stärken, wie gelingt ihm die Transition von Defense zu Offense usw. Und vielleicht ist meine eigene Bewertung davon auch sehr mitbestimmt.
Ich konnte mir im Vorfeld keinen sauberen Reim auf den Kampf machen. Ich war so unschlüssig wie lange nicht. Aber nicht zuletzt aufgrund von Gladios exzellent begründeter Prediction sah ich Beterbiev zuletzt doch als (klaren) Favoriten. Nur kam es im Kampf dann anders und mir war, als habe Bivol die Stärken Beterbievs etwas besser neutralisiert als umgekehrt. Ja, Beterbiev war regelmäßiger im Vorwärtsgang, ja, er hat konstanter seine Fäuste Richtung Bivol bewegt, ja, sein Gesicht sah zum Schluss unversehrter aus - aber wenn man von Beterbiev nie was gesehen hätte, keinen einzigen Kampf außer diesen, wer wär auf den Gedanken gekommen, er wäre die brachiale Finishing-Maschine, als die wir ihn zweifellos kennen? Natürlich kann er den Kampf trotzdem gewonnen haben, kann ja sein, der andere habe seinen Stil noch weniger durchgebracht als er - aber war das so? Mein Eindruck war doch, ich habe von Bivol mehr Bivol gesehen als Beterbiev von Beterbiev - falls dieser Satz in irgendeinem Universum Sinn macht.
Auch klare und eindrückliche Situationen habe ich eher von Bivol als von Beterbiev gesehen. Sie kamen vielleicht nicht oft genug, um Bivol über jeden Zweifel erhaben zum Sieger erklären zu können. Und andererseits kann man auch dafür halten, dass Beterbiev selbst von den klarsten und eindrücklichsten Aktionen Bivols erstaunlich unbeeindruckt blieb. Hier kommt es dann vielleicht doch auf die Perspektive an, mit der man aufs Boxen schaut: Ich fand beeindruckend, wie wenig Bivol Beterbievs Stärken zur Geltung kommen ließ - und gerade nicht, wie ich auf Social Media immer wieder gelesen habe, durch "Wegrennen", sondern durch eine imposante Mischung aus viel Bewegung, physischer Resilienz und klaren Offensivaktionen. Er hat den Rhythmus Beterbievs vielleicht nicht oft genug gebrochen, aber er hat ihm die Wirkung genommen. Jene Wirkung jedenfalls, die man von Beterbiev gewohnt ist. Ich fand Bivols Leistung außerordentlich, aber vielleicht, weil ich ihn aus der Underdog-Perspektive gesehen hab und Beterbiev aus der Favoritenrolle heraus. So eine Art Upset, das vielleicht keines war. Ich hätte ein Unentschieden durchaus gerecht gefunden, mit hauchdünnen Vorteilen für Bivol.
So oder so aber war es mega exciting, zwei so übertrieben dominante Boxer gegeneinander zu sehen, die vieles voneinander wegneutralisiert haben und trotzdem so highlevelig performt haben. Und ich sähe Bivol in einem etwaigen Rückkampf auch gar nicht so krass als Favoriten; ich kann mir vorstellen, er würde 'mehr machen' wollen, aber das würde wiederum Beterbiev wieder mehr Raum, mehr Spots geben. Denn im Grunde hat Bivol die wahrscheinlich einzige Weise gezeigt, in der man Beterbievs Finishing entkommen kann. Wer aber ständig in Bewegung sein muss, über zwölf fucking Runden hinweg, wie will der noch viel öfter Offensivaktionen bringen? Und selbst wenn er das drin hätte - k.o. schlagen wird er Beterbiev trotzdem nicht, in keinem Universum. Vielleicht würde er aber mit mehr Confidence in den Kampf gehen, weil er sich bewiesen hat, dass auch Beterbiev ihn nicht so ohne weiteres wegbolzen kann. In jedem Falle find ich, dass dieser Kampf auch gezeigt hat, dass ein etwas zu rigoroser Fokus aufs schlussendliche Urteil bisweilen den Blick für den Kampf selbst trügen kann - denn der war herausragend, ob man nun diesen oder jenen Boxer vorn sah.